Kapitel 11

Kapitel 11

30.03. 2014

Neumond. Die Nacht war stockfinster. Olaf ging in die Hocke und drückte sich in das Dickicht. In dem schwarzen Overall aus hauchdünnem Neopren verschmolz er mit der Umgebung. Der frische Geruch des Busches strömte in seine Nase, er spürte die Blätter auf seinem Gesicht.
Der geduldige Jäger verharrte und lauschte. Eine Frau lachte in der Nähe, eine Autotür wurde zugeschlagen, das Auto fuhr davon. Aus der Ferne war das leise Dauerbrummen von der Autobahn zu hören. Ein Flugzeug im Anflug. Es hatte wohl Verspätung, denn es war bereits nach 23 Uhr und die Nachtflugeinschränkung am Frankfurter Flughafen war aktiv.

Olaf schloss die Augen und zelebrierte sein Ritual. Zehn Sekunden atmete er durch den Mund ein, zehn Sekunden hielt er die Luft an, zehn Sekunden atmete er aus. Nach weiteren zehn Sekunden wiederholte er das Ritual. Insgesamt dreimal. 10-10-10-10-3. Die Magie erwachte. Eine altvertraute Energie durchströmte seinen Geist. Seine Seele war nun eng mit dem Universum verbunden.
Olaf öffnete die Augen, seine Sinne waren geschärft. Er wusste, dass seine Pupillen geweitet waren. Olaf war bereit.
Es raschelte im Gras etwa zwei Meter neben ihm. Eine Maus. Kein Mensch hätte dieses Geräusch gehört. Olaf schaute nach oben, durch die Zweige des Busches auf den Mond darüber. Er war als hauchdünne Sichel zu erkennen. Der Blick des Killers verharrte am klaren Nachthimmel. Schon vor 400 Jahren hatte er die gleichen Sterne gesehen. Damals, in seiner letzten Nacht vor dem körperlichen Ende. Auch damals war Neumond, damals sah er die Sterne durch das winzige Kerkerfenster. Dieser erste bewusste Kontakt zum Universum hatte ihn damals so stark gemacht, dass er bei der Folter des folgenden Tages nicht den Verstand verlor.
Die Maus brachte seine Aufmerksamkeit wieder zurück ins einundzwanzigste Jahrhundert. Jetzt war kein guter Zeitpunkt für das Erinnerungsgesülze. Jetzt wurde es Zeit für die Arbeit.
Bereits vor einer Woche hatte er die vier Überwachungskameras installiert. Jede Bewegung wurde aufgezeichnet. Er konnte genau beobachten, wer in dem Haus ein- und ausging. Deswegen wusste Olaf, dass sein Opfer vor einer halben Stunde die Wohnung verlassen hatte. Er blickte auf sein Handy. Die App zeigte die Position des am Wagen versteckten Peilsenders an. Olaf war zufrieden.
»Ich kenne dich bereits sehr gut«, flüsterte er zu sich selbst und steckte das Telefon wieder weg.
Lautlos huschte er weiter. An dem schulterhohen Maschendrahtzaun hielt er inne. Er hatte die Grundstücksgrenze erreicht. Das Haus lag keine zwanzig Meter vor ihm im Dunkeln. Die schwarze Latexmütze, die er über den Kopf zog, sah aus wie eine Bademütze. Kein Haar sollte später für eine mögliche DNA-Analyse zurückbleiben.
Olaf schmiss seinen schwarzen Rucksack über den Zaun. An dem Metallpfosten hangelte er sich mühelos hoch. Geschmeidig wie eine Katze setzte er auf der anderen Seite im Gras auf.
Im Weiterlaufen packte er seinen Rucksack. Einen Hund gab es nicht auf dem Anwesen. Und wenn es einen gegeben hätte, würde er jetzt nicht mehr leben. Meist nahmen die Kläffer ihn spät oder gar nicht war, doch wenn sie seine Witterung aufnahmen, schlugen sie an. Sie spürten seine Andersartigkeit. Er hasste Hunde.
Im Nachbarhaus ging das Licht an. Sofort sprang Olaf zur Seite, aus dem Lichtkegel heraus zurück in die Dunkelheit, wurde eins mit dem Zierstein, hinter den er sich kauerte. Der Einbrecher kannte die Bewohner des Nachbarhauses genauso gut wie die Zielperson. Auch auf dieses Haus waren Spionagekameras gerichtet. Die vierköpfige Familie durchlebte gerade eine schlimme Zeit. Vor allem die beiden Teenager heulten Rotz und Wasser.
Ihre geliebte Golden Retriever Hündin Lili war zwei Tage vorher qualvoll verreckt. Die Kinder wuchsen mit dem Hund auf, er gehörte zur Familie, doch er wurde vergiftet. Welch bösartigen Menschen konnten so etwas Grausames tun? Olaf schmunzelte. Tja, das Leben konnte Scheiße sein.
Durch das beleuchtete Fenster erkannte er die Mutter. Mit lautem Scheppern lies sie den Rollladen herunter.
Olaf lief weiter. Inzwischen gelangte er in den Sensorbereich des Bewegungsmelders für das Außenlicht. Er lehnte sich hinter dem Holzhaufen und zog die Laserpistole und den Restlichtverstärker mit integriertem Infrarotstrahler aus dem Rucksack. Der 200 Milliwatt starke Visierstrahl war mit bloßem Auge nicht zu sehen. Mit dem Nachtsichtgerät über dem Kopf gestülpt, lenkte er den grünen Strahl auf das Wandgehäuse der Lampe. Dann kam der zwei Kilowatt starke Strahl und brannte im Bruchteil einer Sekunde ein kleines Loch in das transparente Plastikgehäuse. Die Glühlampe dahinter explodierte in einem ‚plopp‘, das nur von Olaf wahrgenommen wurde. Er packte die Pistole weg. Auch das Nachtsichtgerät. Das brauchte er nicht mehr. Das Umfeld nahm er mit seinem geistigen Auge wahr.
Während er zur Hauswand schlich, zog er die Handschuhe an. Sie waren so dünn, dass sie sich wie eine zweite Haut anschmiegten und die Bewegungen kaum einschränkten. Er setzte seinen Rucksack ab und holte eine winzige ausziehbare Leiter heraus. Vier Stufen reichten, um an die Lampe zu kommen. Er hatte sich das gleiche Lampenmodell besorgt, daran geübt.
Mit einem Kreuzschlitzschraubendreher löste er die drei Schrauben des Gehäuses und nahm den Lampenschirm ab. Der Ministaubsauger, mit dem er die Glassplitter der zerschossenen LED-Lampe aufsog, war kaum zu hören. Olaf setzte eine andere Lampe ein. Eine, deren Glühdraht schon durchgebrannt war. Er zog den gebrauchten Lampenschirm einer baugleichen Außenlampe aus dem Rucksack. Über eBay hatte er das Ersatzteil vor einigen Tagen gekauft. Nach wenigen Minuten war er mit der Arbeit fertig.

Als er kurz darauf an der Terrassentür stand, klopfte er seinen Overall ab. Mögliche Reste von Gras und Blätter sollten nachher nicht im Haus zu finden sein.
Er wusste, dass die Terrassentür nur zugezogen, aber nie abgeschlossen war. Wie leichtsinnig! Er drückte die gehärtete und geplättete Titannadel zwischen Türblatt und Rahmen im Bereich des Schließzylinders. Gefühlvoll drückte er mit der abgewinkelten Nadel den Schnapper zurück ins Türblatt. Innerhalb weniger Sekunden schwang die Tür auf. Bevor er eintrat, wechselte er seine Schuhe. Die Turnschuhe steckte er in eine Plastiktüte in den Rucksack, die Ledermokasinsholte er heraus. Ihm war klar, dass eine Spurensicherung Spuren finden würde. Doch dazu musste die Kripo erst einmal wissen, dass es diesen Einbruch gab. Auf weichen Sohlen schlich er in die Wohnung.
Adrenalin durchflutete seinen Körper. Er liebte dieses Gefühl. Ganz langsam ließ er die Rollläden herunter, schaltete das Licht an. Für das, was er wollte, musste er sehen. Systematisch durchsuchte er die Zimmer. Es dauerte nicht lange und er hatte, was er brauchte. Dann installierte er Minikameras. Neueste Technik aus Japan. Die Kameras waren winzig, nicht größer als der Fingernagel seines kleinen Fingers. Olaf versteckte die Kameras so geschickt, dass es niemanden auffallen würde.
Bevor er sich davon machte, hielt er noch einmal inne und arbeitete seine mentale Checkliste ab.

– Habe ich, was ich brauche?
– Sind die Geräte einsatzbereit?
– Die Rollläden wieder hochgezogen?
– Keine Spuren hinterlassen?
– Nichts zurückgelassen?

Leise schlüpfte er durch die Terrassentür nach draußen und zog sie hinter sich zu. Eine Minute später kletterte er über den Zaun und schlich zurück zu seinem Wagen.
Bisher ist es ein Kinderspiel, fast langweilig. Doch es sind ja nur die Vorbereitungen. Bald kommen die wirklich schönen Herausforderungen.
Eine halbe Stunde später räumte er seine Ausrüstung gewissenhaft auf ihren Platz zurück.
Nachdem er geduscht hatte, setzte er sich an den Schreibtisch, öffnete seinen Laptop und beschrieb den Einbruch in seinem elektronischen Tagebuch. Jeder Mord, jede Folter, jede Arbeit, die mit seiner tödlichen Gier zusammenhing, notierte er sorgfältig. Auch seine Pläne, Gedanken und Gefühle schrieb er nieder. Dieses Tagebuch des Grauens war mit mehreren Passwörtern gesichert. Wenn ein Hacker versuchen sollte, in diese Datei einzudringen, würde es sich und die Festplatte zerstören. Zusätzlich würde eine kleine Menge Sarin freigesetzt werden. Der Nervenkampfstoff war absolut tödlich. Zuerst würde die Nase des Hackers tropfen, gefolgt von Augenschmerzen, Speichelfluss und Atemnot. Dann Krämpfe, Erbrechen, der Hacker würde unkontrolliert in die Hose scheißen und sich vollpissen, kurz darauf Bewusstlosigkeit, Atemlähmung, Tod.
Olaf liebte solche Spielchen. Niemand durfte es wagen, ihm zu nahe zu kommen.

Seit vielen Jahren führte Olaf dieses Tagebuch. Es war seine Bibel. Sie spendete Trost in den dunklen Stunden der Verzweiflung, machte ihn stark und mächtig. Beim Lesen der langjährigen Aufzeichnungen erkannte er auch, dass sich die Qualität seiner Talente kontinuierlich steigerte. Es fing mit kurzen Gedankenahnungen an. Inzwischen war Olaf in der Lage, mehrere Gehirne gleichzeitig zu steuern und zu töten. Er spürte, dass es einen Grund gab für seine Existenz. Er war zu Höherem geboren, hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Eine Aufgabe, die größer war als alles, was sich ein menschliches Gehirn vorstellen konnte. Noch wusste Olaf nicht, zu was er berufen war. Hatte es mit seiner Vision zu tun? Mit dem Ende der Menschheit? Geduld, es würde sich ihm bald offenbaren.