Kapitel 1

Kapitel 1

Frankfurt, Winter 2012

»Vergiss es!« Abweisend klatschte Chefredakteur Jürgen Hofsetter ihren schriftlichen Antrag auf den Tisch.
»Vergessen? Wir müssen den Frauen und Kindern helfen. Nicht vergessen, Chef. Helfen.« Hanna Engels war auf den Konflikt vorbereitet. Energisch strich sie sich eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr zurück. Sie war bereit, zu kämpfen.
»Du bist eine gewöhnliche Journalistin, keine Kriegsberichterstatterin.«
»Irgendjemand muss doch von dem Leid dort berichten.«
»Aber mit Sicherheit nicht du!«
»Komm schon Jürgen. Stell dir die grandiosen Schlagzeilen vor, die wir mit der Story bekommen werden.«
»Grandiose Schlagzeilen? Ja bestimmt. Wenn sie euch in Nigeria abschlachten.«
»Warum sollten sie das tun? Wir sind doch nicht ihr Feinde.«
»Hanna«, der Ton des Chefredakteurs wurde väterlich. »Ich hab ja nichts dagegen, wenn du die edle Samariterin spielst. Aber dort ist es nun mal brandgefährlich. Diese Verrückten Boko Haram Rebellen hacken Hände und Köpfe ab, sie vergewaltigen und verbrennen Menschen. Sie sind eine blutrünstige Mörderbande.«
Es wird aber nicht gefährlich sein.«
»Nicht gefährlich? Machst du Scherze? Die Diskussion ist hiermit beendet, dein Antrag abgelehnt.«
»Ok. Kapiert. Nur zum Verständnis. Du lehnst ab mit dem Argument, dass es für uns zu gefährlich sein würde. Richtig?«
»Du sagst es, Schätzchen. Und du musst zugeben, es ist ein verdammt mächtiges Argument.«
»Ich muss …«
»Du nervst! Hast du nicht verstanden? Zu … Ge … fähr … lich, sagte ich. Ihr fliegt da nicht hin! Das ist mein letztes Wort!«
Hanna nickte stumm. Es wurde Zeit für den Joker. Sie öffnete ihren Plastikordner, zog ein Dokument heraus und legte es auf den Tisch.
»Was ist das?« Der Chefredakteur nahm stirnrunzelnd das Schriftstück in die Hand. Einige Stempel und Unterschriften verliehen dem Papier einen beeindruckenden Amtscharakter. Jürgen betrachtete fasziniert das aufwendige Logo. »Das ist nicht dein Ernst!«, sagte er ungläubig.
»Das ist mein voller Ernst. Dieses Dokument ist die Genehmigung der nigerianischen Regierung«, sagte Hanna stolz. »Für meinen Kameramann und mich werden 15 schwerbewaffnete Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen als Eskorte bereitstehen. Niemand, Jürgen, niemand würde so eine waffenstrotzende Einheit angreifen. Damit ist dein Argument vollständig entkräftet.«
Jürgen schüttelte ungläubig den Kopf. »Du denkst wohl, du bist eine besonders Schlaue?«
Hanna nickte lächelnd.
»Hast du auch nach dem Preisschild gefragt? Von wie viel Million Dollar sprechen wir?«
»Wir bekommen die Eskorte umsonst gestellt.«
»Das glaubst du doch selbst nicht.«
Hanna legte ein zweites Dokument auf den Tisch. Es bestätigte, dass die Eskorte unentgeltlich bereitstehen würde.
»Wie hast du das geschafft?«
»Ich konnte den stellvertretenden Verteidigungsminister davon überzeugen, dass Worte die stärksten Waffen im Kampf gegen die Rebellen sind.«
»Du bist verrückt.«
»Ich bin Journalistin.«
Sie erkannte das Funkeln in seinen Augen. Es war das Funkeln, das jeder Journalist bekam, wenn er eine Story witterte.
»Doch ich stelle eine Bedingung«, sagte Jürgen bestimmend. »Ihr tragt versteckte GPS-Sender an euch. Ich will immer wissen, wo ihr seid. Und ihr werdet euch täglich melden. Am besten mit einem Satellitentelefon.«
»Deal!« Hanna hätte ihren Chef am liebsten umarmt. Sie stürmte in das Büro ihres guten Freundes und Kollegen Robert Schäfer.
»Und?«, fragte der Kameramann neugierig.
»Wir werden über Weihnachten schwitzen.«
»Halleluja! Gelobt sei deine Überzeugungskraft. Afrika, wir kommen!«
Die Tage des Friedens und der Besinnung würde sie nun in einem Land verbringen, in dem Terror, Folter und Mord an der Tagesordnung waren.

Für Hanna war diese Reportage eine Frage des Prinzips. Seit ihre Zwillingsschwester im Alter von 12 Jahren missbraucht und ermordet wurde, setzte Hanna sich für die Rechte von Frauen ein. Sie konnte nicht tatenlos zusehen, wie Frauen und Kinder hilflos Folter, Verschleppung und Mord ausgeliefert waren. Deswegen wurde sie ja schließlich Journalistin.
Und nun musste dringend in Nigeria gehandelt werden.
Der Chef hat recht. Es wird nicht ungefährlich sein, aber was zur Hölle ist nicht ungefährlich? Nur Feiglinge bleiben zuhause und verschließen die Augen. Ich bin kein Feigling. Außerdem gibt es niemanden, der hier in Deutschland auf mich warten würde. Das Gleiche trifft für Robert zu.
In den folgenden Wochen bereiteten die beiden ihre Reise nach Nigeria vor.
Impfungen gegen Gelbfieber, Meningokokken Meningitis, Tetanus, Typhus, Tollwut, Diphtherie, Poliomyelitis und Hepatitis A schmückten bald ihre gelben Impfpässe. Ihre umfangreiche Erste-Hilfe-Ausrüstung beinhaltete auch Medikamente gegen Malaria, gegen Darminfektionen, Bilharziose und Lassa-Fieber.
In einem Militärshop deckten sie sich mit der Ausrüstung ein. Die langärmeligen, tarnfarbenen Khakihemden würden Schutz vor der Sonne und vor Moskitos geben. Ihre sandfarbenen Tropenmützen hatten einen zusätzlichen Nackenschutz. Die hohen Soldatenstiefel waren ein idealer Schutz vor Schlagen und sonstigem Getier.
»Es sieht so aus, als ob wir in den Krieg ziehen würden«, stellte Robert fest, als er die Ausrüstung betrachtete.«
»Warte mal ab, bis du unsere Eskorte siehst.«
Im Saum ihrer tarnfarbenen Cargohosen wurden GPS-Sender eingenäht. Kobe, der Chef der Lagos-Tribune Tageszeitung in Lagos, zeigte sich sehr hilfsbereit. Er witterte wohl eine große Story. Der GPS-Empfänger würde in seiner Redaktion rund um die Uhr überwacht werden. Ein Satellitentelefon würde er Tag und Nacht bei sich tragen und somit eine permanente Verbindung zu Hanna haben. Sollte Gefahr in Verzug sein, würde er sofort die nigerianische Armee informieren.
Einen Tag vor ihren Flug nach Lagos juckte Hannas Stirnnarbe. Nur ein bisschen, aber sie spürte es. Es war eine besondere Narbe, die immer dann juckte, wenn Gefahr drohte. Es war wie eine verlässliche Alarmanlage.
Hanna strich über die Stirn.
 Das bilde ich mir doch nur ein. Das Gequatsche von Jürgen über die Gefahr in Nigeria hat mich bestimmt nervös gemacht. Außerdem ist es jetzt sowieso zu spät für einen Rückzieher.

Einige Tage später trafen Hanna und Robert in Lagos den Offizier der Eskorte. Arrogant musterte er Hanna von oben bis unten.
»Sie werden von der 7. Division der nigerianischen Armee beschützt«, sagte er mit unangenehm lauter Stimme. Er mochte anscheinend keine Frauen. »Diese Division wurde erst vor kurzem zum Kampf gegen die Boko Haram Rebellen aufgestellt.«
»Dann kann uns ja nichts passieren.«
»Deutsche Frau, passieren kann immer etwas. Vor allem hier in Nigeria.«
Hanna atmete tief durch. Na klasse. Das wird ein Vergnügen mit diesem Typen.
Der Offizier zeigte den beiden die Fahrzeuge und die Bewaffnung. Die 15 Soldatenwaren mit Kalaschnikowsund Pistolen bewaffnet.Auf jedem der beiden Mannschaftstransporter Otokar Cobra thronte ein Maschinengewehr. Campingausrüstung, Munition und vier Fässer mit 800 Liter Diesel waren auf einem Armeelastwagen verstaut. Der ERC-90 Sagaie Panzerwagen mit einer 90-mm-Kanone und zwei Maschinengewehren vermittelte das Gefühl der Unverwundbarkeit. Jedes Fahrzeug war zusätzlich mit einem Granatwerfer ausgerüstet.
Hanna war beeindruckt. »Ziehen wir in einen Krieg?«
»Willst du den Krieg vermeiden, dann bereite ihn vor«, antwortete der Offizier herablassend.
Hanna war sich nicht sicher, ob sie aufgrund der starken Bewaffnung beruhigt oder besorgt sein sollte.
Dann fuhren sie los, nach Norden, in Boko Haram Gebiet, in das Gebiet des menschenverachtenden Irrsinns.
Für die beiden Deutschen stand ein Toyota Land Cruiser bereit. Ein Soldat lenkte den Wagen, der Offizier saß auf dem Beifahrersitz.
Sie übernachteten immer im Busch. Dort, so der Offizier, seinen sie am sichersten. Jeden Abend bauten die Soldaten die Zelte auf. Nachtwachen lösten sich im Zweistundentakt ab. Ein Soldat stand immer vor dem Zelt der beiden Deutschen. Jeden Abend telefonierten sie über das Satellitentelefon mit Kobe in Lagos.
»Es läuft alles nach Plan«, sagte Robert strahlend.
»Ja, nur die Rebellen müssen wir noch finden.«

Nach drei Tagen sah sich Hanna mit einem unerwarteten Problem konfrontiert. Ihre Freundlichkeit wurde anscheinend von den Soldaten falsch verstanden. Wenn sie abends das Camp aufgeschlagen hatten, wurden ihr immer öfter verstohlene Blicke zugeworfen. Einige Soldaten fingen an, ihr auffordernd zuzunicken und signalisierten mit obszönen Gesten ihr Begehren. Die ehemalige Leichtathletin hatte einen schlanken und muskulösen Körper. Ihre Statur schien die Fantasie der Männer zu beflügeln. Zum Glück wagten die Soldaten es nicht, ihr näher zu kommen. Hanna wusste, dass ihre Größe von 1,75 Metern, ihr energisches Kinn und ihre etwas zu große Nase Autorität und Abstand erzeugten. Trotzdem beschloss sie, zum Selbstschutz von nun an abweisend zu wirken. Sie war froh, Robert bei sich zu haben.
Jeden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang und einem kargen Frühstück fuhren sie weiter. Ein Transportwagen führte den Convoi an, dahinter der Toyota mit den beiden Reporten. Der Panzerwagen folgte, dann der Armeelaster und am Schluss der zweite Transportwagen.
Hanna saß wie immer mit Robert auf der Rücksitzbank des Geländewagens ohne Klimaanlage. Der Offizier plärrte wieder in sein Funkgerät. Er sprach laut und aggressiv. Hanna hatte den Eindruck, er wollte ihr imponieren. Der Typ nervte.
Bei 32 Grad Außentemperatur waren die Fenster des Toyotas zur Hälfte heruntergedreht. Müde lehnte Hanna ihren verschwitzen Kopf an die Safarijacke, die sie – als Kopfkissen missbrauchend – an die halboffene Seitenscheibe drückte. Der nächtliche Schlaf auf den Feldbetten war alles andere als komfortabel.
Auf den Weg nach Norden hatten sie den Tropenwald bereits hinter sich gelassen. Savannenbewuchs beherrschte nun die Landschaft. Es war Trockenzeit und der Convoi zog eine hohe Staubwolke hinter sich her.
Hanna wusste, dass ihre Mission auch unter dem Schutz einer Militäreskorte noch riskant war. Doch Angst hatte sie nicht. Sie zählte auf ihren Pressestatus, der ihnen so etwas wie Immunität garantierte … glaubte sie. Zudem würden die Rebellen einer Reportage für die Zeitung nicht abgeneigt sein … glaubte sie. Außerdem juckte ihre Narbe nicht mehr.
Der Offizier grölte wieder in sein Funkgerät und riss Hanna aus ihren Gedanken. Frustriert blies sie eine verschwitzte Haarsträhne aus ihrem Gesicht und drehte die Seitenscheibe ganz herunter. Sie zog das Kinnband ihrer Tropenmütze fest und hängte den Kopf in den Fahrtwind.
Wo zum Teufel sind die Rebellen?
Die Extremisten forderten die Einführung der Scharia. Mit Massenexekutionen, Vergewaltigten und Entführungen hofften sie, ihrem Ziel näher zu kommen. Hanna musste etwas gegen diese mörderischen Verbrecher tun. Mit dem Filmmaterial und den Interviews würde sie die Boshaftigkeit, Grausamkeit und Menschenverachtung dieser Mörder für jedermann sichtbar machen. Mit ihrer Reportage – so hoffte sie, konnte sie die westliche Bevölkerung und damit auch die Politiker wachrütteln. Es wurde allerhöchste Zeit, dass zumindest die Blauhelme eingriffen. Ihre wahre Absicht durfte Hanna den Rebellen natürlich nicht verraten. Sie würde ihnen klarmachen, dass sie mit einer Reportage die Ideologie von Boko Haram in die Welt tragen konnte. Jeder Mensch war mehr oder weniger eitel, jede Organisation liebte Schlagzeilen. Das war beste Werbung für die eigene Sache, ohne dafür zahlen zu müssen. Die Rebellen würden sich solch eine Chance nicht entgehen lassen … glaubte sie.

Inzwischen waren sie bis weit in den Nordosten des Landes vorgedrungen, mitten ins Rebellengebiet.
Es wurde Abend, die Soldaten bauten das Camp in der Nähe der Ortschaft Biriri auf. Nach dem Abendessen, das sie zusammen mit den Soldaten einnahmen, verabschiedeten sich Hanna und Robert. Einer der Wachsoldaten nickte ihnen dämlich grinsend zu, als sie ihrem tarnfarbenen Zelt verschwanden. Es war geräumig und groß. Sechs Personen hätten darin bequem schlafen können. Eine schwere Zeltplane diente als Fußboden. Vier Feldbetten standen darauf. Über allen Betten hingen Moskitonetze. Auf einem Bett lag die Kameraausrüstung, auf einem anderen die beiden Reisetaschen. Nichts durfte auf dem Boden liegen. Zu viele Schlangen, Skorpione und sonstiges giftiges Getier. Ihre Soldatenstiefel hängten sie an einem Seil auf Kopfhöhe an das Zeltgestänge. Es durfte wirklich nichts auf dem Boden liegen.
»Hier bei uns ist alles ruhig«, sagte Hanna am Satellitentelefon zu Kobe in Lagos. »Wir sind mitten im Rebellengebiet. Ich hoffe, bald auf sie zu treffen.«
»Passen Sie gut auf sich auf, Frau Engels.«
»Das werde ich.«
Nach dem Gespräch legte sich Hanna auf das Feldbett. Wie üblich schlief Robert schon. Sie hörte sein leises, inzwischen vertraute Schnarchen.
Sie war müde, aber unruhig und wälzte sich lange auf demknarrendenFeldbett hin und her. Diesmal fiel es ihr besonders schwer, Schlaf zu finden. Sie spürte ihre Stirnnarbe, fing an, daran zu kratzen.
Gefahr? Aber wir sind doch die bestbewachten Zivilisten in ganz Nigeria.
Hanna lauschte auf die Geräusche der Nacht. Zwei Soldaten flüsterten vor dem Zelt. Ein Vogelschwarm flog schreiend weg, ansonsten war nichts Ungewöhnliches zu hören. Dann schlief sie trotz der stark juckenden Narbe ein.

Am nächsten Morgen, am 24. Dezember, zum Fest der Liebe, kam der Wahnsinn.