Der Puppenspieler

Als Russland seine Raketen mit den atomaren Sprengköpfen nach Westen ausrichtete, brachten die Müllers gerade ihre Zwillinge ins Bett. Während sie sich eine lustige Kissenschlacht lieferten, wurde in den russischen Kasernen der Befehl zum Ausrücken gegeben.

Dieter ging nach unten ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein.
»Komm schnell, Liebling!«, rief er. »Eine Sondersendung!«
»Schlaft schön, meine Süßen.« Elisabeth, noch leicht außer Puste von der Kissenschlacht, gab ihren Zwillingen einen Gutenachtkuss und setzte sich neben ihrem Ehemann auf dem Sofa. Wie gebannt starrte sie auf den Bildschirm. Sie merkte nicht, dass sie Ihre Finger fest in Dieters Arm krallte.
Ein Reporter, immer wieder ängstlich über seinen Rücken schauend, berichtete von dem Aufmarsch der Russen.
»Hier herrscht Kriegsstimmung«, berichtete der Journalist. »Wie Sie hinter mir sehen können, bewegt sich ein nicht enden wollender Strom militärischer Fahrzeuge Richtung Westen. Die Grenze zur Ukraine ist nicht weit weg.«
Plötzlich waren Schüsse zu hören. Die Aufmahnen waren stark verwackelt. Ein lebloser Körper mit blutendem Kopf war für einen kurzen Moment zu erkennen. Der Kameramann rannte anscheinend mit der laufenden Kamera in Sicherheit. Dann war die Reportage zu Ende. Die Studiosprecherin ergriff das Wort.
»Meine Damen und Herren, diese Reportage wurde vor wenigen Stunden von unseren beiden Mitarbeitern in Wolgograd gemacht. Nachdem sie uns die Bilder übermittelt hatten, brach jeder Kontakt zu ihnen ab.«
Die Berichterstattung dauerte noch einige Minuten. Fassungslos schaltete Elisabeth danach den Fernseher aus. Wie im Trance legte sie die Fernbedienung mit zitternden Händen auf den Tisch. »Sag mir, dass ich gerade einen Albtraum erlebe.« Tränen standen in ihren Augen.
»Keine Sorge, Elisabeth«, antwortete Dieter kreidebleich. «Die werden nicht so bescheuert sein, einen ernsthaften Konflikt mit der NATO zu riskieren. Was wir da gerade gehört haben, ist bestimmt eine Falschmeldung.«
»Ein öffentlich-rechtlicher Sender verbreitet keine Falschmeldungen. Schon gar nicht, wenn es um so eine ungeheuerliche Sache geht. Wir müssen uns daran gewöhnen. Russland hat uns den Krieg erklärt.«

Der 65-jährige James Collister saß in seinem feudalen Haus in Washington DC am wuchtigen Mahagonischreibtisch. Er schaute auf seinen Computer und rieb sich zufrieden die Hände. George, sein einziger Sohn und Nachfolger, eilte ins Büro.
»Der Konflikt droht zu eskalieren!«, sagte George aufgeregt.
»Gut so.«
»Aber …«
»Kein aber. Es läuft alles nach Plan. Ich weiß, was ich tue.«
»Aber sie drohen mit atomaren Waffen!«
James Collister hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. »Verdammt! Verlier jetzt nicht die Nerven. Setzt dich hin nun hör mir zu.«
Der politische Berater Collister klappte seinen Laptop zu und lehnte sich seufzend zurück.
»Es ist irrelevant, mit welchen Waffen sie drohen. Es geht nur um die Drohung an sich. Sie wollen die westliche Welt einschüchtern. Das ist alles.«
»Bist du dir sicher?«
Collister schloss seine Augen und atmete tief durch. »Du weißt, wie das läuft. Ich bin ein Puppenspieler und ziehe an den Strippen, um die Marionetten zu lenken. Ich habe die Kontrolle, ich habe die Macht!«
»Es ist nur, …«
»Was?«
»Die nukleare Bedrohung macht mich nervös.«
»Stellst du etwa meine Kompetenz in Frage?«
»Natürlich nicht.«
»Was für einen Job habe ich?«
»Vater, das weiß ich doch.«
»Antworte mir gefälligst«, forderte James Collister energisch.
»Du bist Waffenlobbyist.«
»Genau. Und du wirst mein Nachfolger werden. Wir sind legalisierte Schmiergeldzahler. Wir bestechen, erpressen und bescheißen. Wir stopfen die Taschen der Politiker voller Geld, deswegen haben wir Macht über sie. Wir Lobbyisten kontrollieren die Geschicke der Welt, George. Nicht die NATO, nicht die Russen, nicht das Volk. Die Demokratie hat sich längst abgeschafft. Die Marionetten halten sich genau an meinen Plan.«
»Gehörte es auch zu deinem Plan, unserem unberechenbaren Präsidenten zum Wahlsieg zu verhelfen?«
»Natürlich. Dieser Volltrottel ist eine ausgezeichnete Marionette.«
»Diesmal geht es aber nicht nur um unseren Präsidenten.«
»Ich bewundere deinen Scharfsinn«, sagte Collister abfällig. »Es ist egal, mit wem wir es zu tun haben. Diese Burschen sind allesamt korrupt und verlogen, sonst wären sie nicht in solchen hochrangigen Positionen.«
»Die Kommunisten sind dir schon einmal in die Quere gekommen.«
James Collister fixierte seinen Sohn aus zusammengekniffenen Augen.
»Ein Einziger, George. Nur ein Einziger. Es war nicht abzusehen, dass dieser Mistkerl unbestechlich war.«
»Hoffentlich wiederholt sich das nie wieder.«
»So einen wie Michail Gorbatschow wird es nicht wieder geben. Dieser Scheißkerl wollte den Kalten Krieg durch Abrüstung beenden. Er riss mir die Strippen zu den Marionetten aus der Hand, doch nicht für lange.«
Collister lächelte, als er an die turbulente Zeit dachte. Ein Putschversuch war nötig, um Gorbatschow von der politischen Bühne zu fegen.
»Es kostete dich aber ein Vermögen, die folgenden Provokationen aus dem Westen in die Wege zu leiten.«
»Doch es zahlte sich aus. Die EU weitete sich kräftig nach Osten aus. Ehemalige Sowjet-Staaten wurden in die NATO aufgenommen. Wir verkaufen inzwischen so viel Waffen wie nie zuvor.«
»Eben! Deswegen ist es nicht nötig, die Eskalation weiter anzuspitzen.«
»Von was redest du?«
»Du könntest wieder die Kontrolle über die Marionetten verlieren. Aber diesmal würden wir nicht nur Geld verlieren.«
»Blödsinn! Gar nichts werde ich verlieren.«
»Vater! Beende die Sache bitte, solange es noch möglich ist.«
»Das Spiel endet, wenn ich es für richtig halte.«
»Aber wir sind doch …«
»Was?«, polterte Collister.«
»Wir gehören inzwischen zu den reichsten Familien der Welt.«
»Was zur Hölle willst du mir damit sagen?«
»Wir brauchen nicht noch mehr Geld. Das Risiko eines nuklearen Krieges könnte alles vernichten.«
Collister lehnte sich fassungslos zurück. »Du hast es anscheinend immer noch nicht kapiert! Es geht schon lange nicht mehr um Geld.«
»Um was geht es dann?«
»Um Macht, George. Und um ein Spiel. Ich will wissen, wie weit ich gehen kann.«
»Und wenn du das Spiel verlierst?«
»Ich habe noch nie verloren!«
»Es gibt immer ein erstes Mal.«
»Raus!«

Dieter fuhr wie jeden Morgen in das Ingenieurbüro nach Düsseldorf, Elisabeth ging weiterhin ihrem Halbtagsjob in der Bank nach. Sie brachte die Zwillinge wie immer in den Kindergarten. Das Ungeheuer »Krieg« sollte von ihnen ferngehalten werden.
«Mami, was ist Krieg?«
»Krieg ist ein Streit zwischen den Anführern von Völkern. Aber jeder Streit hört auch wieder auf.«
»Du hast uns gesagt, dass Streit etwas Dummes ist. Sind die Anführer dumm?«
»Ja meine Lieben,« sie ging in die Hocke und drückte ihre Zwillinge an sich. »Die Anführer sind sogar ganz besonders dumm.«
Hoffentlich sahen die Kinder nicht ihre Tränen.
Sie kaufte sich am Kiosk die Tageszeitung. Die fetten Schlagzeilen sprangen sie an:
KRIEG!
Die Russen kommen!
Niedergeschlagen fuhr sie zur Bank. Spätestens dort erkannte sie, dass es vorbei war mit dem normalen Leben. Der Schalterraum war gefüllt mit Kunden. Sie hoben ihr Geld ab oder tauschen es um in Gold und andere Edelmetalle. Die Sicherheitsbeamten hatten alle Hände voll zu tun, um Tumulte zu vermeiden. In wenigen Tagen würde die Bank nicht mehr liquide sein. Doch das durften die Leute nicht wissen, sonst würde es noch schlimmer kommen.

Mittags fuhr Elisabeth zum Einkaufen. Plötzlich musste sie eine Vollbremsung hinlegen. »Scheiße!«, schrie sie verärgert, als sie den Soldaten sah, der ihr mit dem Lastwagen die Vorfahrt genommen hatte. Das Fahrzeug gehörte zu der Militärkolonne, die in die Stadt fuhr.
Weinige Minuten später war sie im Supermarkt.
»Aus dem Weg!«, rief ein Mann, als er mit seinem vollgepackten Einkaufswagen um die Ecke kam. Er drückte sie gegen ein Regal. Verpackungen fielen auf den Boden. Der Rüpel scherte sich nicht darum und eilte zur Kasse. Verstört hob Elisabeth die Tüten mit Gebäck auf.
Eine alte Frau stapelte die letzten Packungen mit Knäckebrot in ihren Einkaufswagen. Eine junge Frau schrie sie an.
»Geben Sie mir das Knäckebrot. Ich brauche es viel dringender für meine Kinder.«
»Das Brot brauche ich!«
»Du alte Hexe stirbst sowieso bald. Gib das Knäckebrot her!« Schützend stellte sich die Oma vor ihren Einkaufswagen.
»Wagen Sie es nicht, mich zu bestehlen, oder ich rufe die Polizei.«
Der Geschäftsführer des Supermarktes beendete den Streit. Beide Frauen bekamen jeweils die Hälfte der Packungen. Elisabeth zog ihr Handy aus der Tasche. »Dieter, hier ist die Hölle los. Soldaten sind in der Stadt, die Leute werden panisch.«
»Ich habe es auch schon gesehen. Am besten, du gehst gleich nach Hause. Ich mach früher Schluss und hole die Kinder ab.«

Die Zwillinge freuten sich, von Papa abgeholt zu werden. Auf dem Weg nach Hause sah Dieter Autoschlangen, die sich vor Tankstellen bildeten. Er schaute auf seine Tankanzeige. Halbvoll. An der nächsten Tankstelle standen nur wenige Autos. Dieter reihte sich ein. Als er den Zapfhahn einsteckte, hörte er eine aggressive Stimme.
»Hey! Gib mir dein Geld.« Zuerst dachte Dieter, der Mann sprach mit jemand anderem. »Glotz nicht so blöd. Ja, dich meine ich.« Dieters Kehle zog sich zusammen. Der Typ war groß und wirkte sehr stark. Und er schien angetrunken zu sein.
»Scheren Sie sich zum Teufel, oder ich hole die Polizei.«
Der Mann lachte. »Die Polizei? Die hat doch nichts mehr zu melden. Gib mir jetzt deine Kohle, oder du kriegst eine aufs Maul!«
Die Zwillinge erkannten, dass ihr Vater in Bedrängnis kam. Sie fingen an, zu weinen.
»Lassen Sie mich in Ruhe.« Dieter schaute sich hilfesuchend um.
»Die Kohle her!« Dieter wurde schmerzhaft an die Zapfsäule gedrückt.
»Ich … ich habe kaum Geld dabei. Nur Kreditkarte.«
»Papa! Was macht der böse Mann?«, rief eines der Kinder durch das offene Fenster.
»Ruhig, Kinder. Gleich ist alles wieder gut.«
»Du Arschloch! Gib mir endlich die Kohle, sonst schlag ich dich zu Brei und die Rotzlöffel kriegen auch eine aufs Maul.«
»Hilfe!«, schrie Dieter. Da spürte er die Faust in seinem Gesicht. Seine Nase knirschte. Blut sickerte in seinen Mundwinkel.
Die Zwillinge schrien vor Angst. »Papa! Papa!«
Plötzlich kamen drei Soldaten um die Ecke gelaufen und der Schläger rannte davon.
»Geht es ihnen gut?«, fragte einer der Soldaten.
»Ja, ja. Die Nase scheint nicht gebrochen zu sein.«
Wenige Minuten später fuhr Dieter nach Hause.
»Mama, Mama! Ein böser Mann hat Papa geschlagen.« Die Zwillinge schluchzten, als sie zu ihrer Mutter rannten.
»Ach, es war nicht so schlimm«, sagte Dieter. »Ein Betrunkener wusste nicht, was er tat. Vor den Soldaten rannte er ganz schnell davon, nicht wahr, Kinder?«
Die Zwillinge schnieften und nickten mit verweinten Augen.
Nachdem die Kinder im Bett waren, setzte sich das Ehepaar aufs Sofa.
»Die öffentliche Ordnung bricht zusammen«, sagte Elisabeth.
»Das Militär wird das nicht zulassen.«
»Glaubst du? Ich glaube, es wird noch viel schlimmer kommen.«
»Aber nein. Mach dir keine Sorgen.«
»Dieter, vielleicht wird bald die erste Atombombe auf Deutschland fallen.«
Er schüttelte den Kopf. »Niemand wird so bescheuert sein, und Nuklearwaffen einsetzen.«
»Wir dachten auch, dass niemand so bescheuert ist, einen Krieg anzufangen.«
»Du wirst sehen, er wird bald vorbei sein.«
»Nehmen wir einmal an«, überlegte sie, »die Russen feuern Raketen mit atomaren Sprengköpfen auf uns. Wie würden wir gewarnt werden?«
»Ich habe es vor ein paar Tagen im Radio gehört. Gleichzeitig mit dem Läuten der Kirchenglocken werden die Sirenen heulen.«
»Und was wird eine Atombombe anrichten?«
»Wenn man weit genug von der Explosion weg ist, kann man überleben. Wir müssten nur für eine Woche oder länger im Keller bleiben.«
»Jetzt verstehe ich, warum die Menschen im Supermarkt so hektisch waren. Auch wir müssen uns Vorräte anlegen.«
»Ja, das sollten wir tun.«
Betroffen schauten sie sich an. »Oh Gott! Dieter! Wir bereiten uns auf einen Atomkrieg vor.«
»Es wird keinen Atomkrieg geben, weil dann alle verlieren würden.«
»Ich wünsche mir so sehr, dass du Recht hast.«
»Die scheiß Russen sind an allem Schuld«, sagte Dieter frustriert.
»Wieso die Russen? Sie reagieren doch nur auf die Aggression der NATO.«
»Wie bitte? Du findest wohl, sie haben recht?«
»Natürlich haben sie nicht recht. Aber würdest du dich nicht auch verteidigen, wenn du angegriffen wirst?«
»Wer greift hier wen an? Täusche ich mich, oder hat Russland den Krieg an uns erklärt?«
»Die Russen fühlten sich bedroht. Sie haben es ja oft genug erwähnt.«
»Das Gelaber mit der Bedrohung ist Quatsch! Die Russen sind ein kriegerisches Volk und das Argument der Bedrohung ist nur ein Vorwand.«
»Ein kriegerisches Volk? Du hast wohl nicht in Geschichte aufgepasst! Die Russen wurden immer angegriffen. Denke nur an Napoleon oder an Hitler.«
»Du glaubst anscheinend einem säbelrasselnden Kommunisten mehr als den demokratisch gewählten Vertretern der freien Welt! Die Russen wollen Krieg! Daran kann auch dein feministisches Wunschdenken nichts ändern!«
»Die Russen wollen keinen Krieg. Sie müssen sich aber verteidigen.«
»Ach so? Und die Besetzung der Krim war auch nur Verteidigung?«
»Die NATO hat doch das Gleiche schon viele Jahre früher mit Ex-Jugoslawien gemacht, und zwar mit Waffengewalt. In der Ukraine hingegen wollten die Bürger die Annexion.«
»Blödsinn!« Dieters Stimme wurde lauter. »Wer will schon in ein kommunistisches Land eingebürgert werden? Das ist genau so, als ob Freilandhühner für die Käfighaltung demonstrieren. Die Russen sind allesamt verlogen und die Krim haben sie mit Waffengewalt besetzt.«
»Der Kommunismus ist nicht so verlogen wie die momentane westliche Demokratie. Und die Annexion der Krim erfolgte gewaltlos.«
»Gewaltlos? In der Ukraine tobte ein Bürgerkrieg. Meine Liebe, du leidest unter Realitätsverlust.«
»Sprich nicht so herablassend zu mir. Der Bürgerkrieg entstand erst, nachdem sie die USA mit Geld und sogenannten politischen Beratern eingemischt hatten.«
»Was für ein Stuss! Das ist doch wieder so eine russische Propaganda.«
»Waren die NATO Manöver vor den Türen Russlands etwa Propaganda? Die Russen wurden von den Zugängen zu den Meeren abgeschnitten. Was glaubst du denn, warum dieses scheiß NATO-Manöver ‚Anaconda’ genannt wurde. Die westliche Würgeschlange war im Begriff, dem russischen Bär die Knochen zu brechen und der hat sich nun gewehrt.«
»Der russische Bär wehrt sich nicht, er greift an.« Seine Stimme bebte vor Zorn. »Nur zur Erinnerung, deine Freunde haben zwei Jets der NATO abgeschossen!«
«Das sind nicht meine Freunde«, schrie Elisabeth zurück. »Und die Kampfjets wurden abgeschossen, weil sie in den russischen Luftraum eingeflogen sind. Wie willst du es denn nennen, wenn nicht Notwehr?«
»Notwehr? NOTWEHR?“ Dieter schmiss die Hände ungläubig in die Luft. »Nur weil sich die Piloten verflogen haben, ist das doch kein Grund, gleich loszuballern.«
»Du spinnst ja! Wenn man sich so nahe an der feindlichen Grenze rumtummelt, verfliegt man sich nicht eben mal so. Da steckt Absicht dahinter oder die Piloten waren besoffen. Außerdem hat die ‚Anaconda‘ gleich zurückgeschlagen und eine Kaserne bei Moskau in Schutt und Asche gelegt.«
»Mein Täubchen, die Russen verstehen nun mal nur die Sprache der Gewalt.«
»Mein Täubchen? Ich warne dich! Hör auf, so herablassend zu mir zu sprechen, sonst knalle ich dir eine.«
»Sieh mal an, und dann sagst du bestimmt, du hast in Notwehr gehandelt. Deine Wahrnehmung von Angriff und Verteidigung ist genauso gestört wie die der Russen.«
Plötzlich standen die Zwillinge heulend auf der Treppe. Elisabeth eilte sofort zu ihren Kindern.
»Ihr streitet ja! Menschen, die streiten, sind doof. Seid ihr auch doof?«
»Ja, zumindest gerade eben waren wir doof.«
Dieter kam zu seiner Familie und nahm sie alle drei in seine Arme.
»Es tut mir leid. Ich habe meine Nerven verloren.«
»Kommt Kinder«, sagte Elisabeth, »ich bringe euch wieder ins Bett.«
Wenige Minuten später kam Elisabeth zurück. »Was passiert da mit uns? Wir haben uns noch nie so gestritten.«
Dieter schüttelte ratlos seinen Kopf. »Wir werden uns nicht unterkriegen lassen. Auch diese Schwierigkeiten kriegen wir in den Griff.«
»Schwierigkeiten? Das hier sind keine Schwierigkeiten. Der dritte Weltkrieg ist gerade dabei, sich zu entfalten und wir sind mittendrin.«

Schweißgebadet wachte Collister auf. In dem Albtraum verlor die Kontrolle über die Marionetten und ein nuklearer Holocaust zerstörte die Welt.
Hatte sein Sohn recht und das Spiel wurde zu gefährlich? War ein Atomkrieg möglich?
An Schlaf war nicht mehr zu denken, aber es wurde sowieso Zeit, aufzustehen. Der Puppenspieler brauchte Antworten. Nach dem Frühstück griff er zum Telefon.
»Würden die Russen einen atomaren Erstschlag gegen die westliche Welt durchführen?«, fragte er Fred Miller, seinen Experten für nukleare Konflikte.
»Nein.«
»Dann besteht also keine nukleare Bedrohung?«
»Das hängt von der NATO ab. Das westliche Militär überschätzt sich. Es wird nicht in der Lage sein, Russland mit konventionellen Waffen in die Knie zu zwingen.«
»Sie meinen, die NATO könnte einen atomaren Erstschlag durchführen?«
»Ich kann es mir vorstellen.«
»Wie würden Sie vorgehen, wenn Sie als Russe mit einem Atomschlag antworten wollten?«
»Ich würde eine Bombe auf eine deutsche Stadt abwerfen.«
»Warum auf eine deutsche Stadt?«
»Die Deutschen sind der Wirtschaftsmotor in Europa.«
»Auf Berlin also?«
»Wohl kaum. Die Metropole liegt zu weit im Osten und damit zu nahe an Russland. Ich würde die Bombe auf Düsseldorf oder Köln werfen. 1.500 Kilometer entfernt von der russischen Grenze. Weit genug weg, um den eigenen Schaden auf ein Minimum zu halten.«
»Wie groß würde der Schaden sein?«
»Die Rhein-Ruhr-Metropole ist sehr dicht besiedelt. Die Bombe würde ein paar Millionen Menschen direkt erwischen, eine weitere Million verletzen. Die Industrie wäre zerstört.«
»Wann würden Sie zuschlagen?«
»Wenn Ostwindlage herrscht, dann würde der radioaktive Fallout nach Frankreich treiben.«
»Der Wind kommt in Mitteleuropa aber meistens aus Westen.«
»Aber manchmal eben nicht.«
»Sind wir in Amerika gefährdet?«
»Natürlich. Der Bündnisfall wäre eingetreten und wir würden unsere Raketen nach Moskau schicken. Doch die Russen würden sofort reagieren.«
»Was wäre das Resultat?«
»Kein Leben auf der Nordhalbkugel für die nächsten einhundert Jahre.«
Dem Puppenspieler wurde klar, dass ein verwundeter russischer Bär dazu in der Lage war, dieses Szenario wahr werden zu lassen. Doch noch war James Collister der Herr über die Marionetten. Er war sich sicher, dass niemand einen atomaren Erstschlag durchführen würde. Das Prinzip ‚Abschreckung‘ funktionierte immer.
Collister legte eine Liste mit Namen vor sich auf den Tisch. Es waren die Namen hochrangiger Politiker und Militärs. Es waren die Marionetten, die für ihn den Krieg angezettelt hatten. Diese Marionetten konnten den Krieg auch wieder beenden. Er griff zum Telefon und rief die Nummer neben dem ersten Namen an.
Am Abend war die Liste abgearbeitet. Frustriert lehnte sich James Collister in seinem Bürostuhl zurück. All sein diplomatisches Geschick, all seine logischen Einwände, alles Bitten und Erpressen half nichts. Die Marionetten gehorchten nicht mehr ihren Meister. Die Strippen waren durchtrennt.
Sein Sohn stürmte ins Zimmer.
»Vater! Die Amerikaner haben von den Aleuten aus U-Boote in russische Gewässer geschickt.«
Collister wurde kreidebleich. »Wann?«
»Vor drei Tagen.«
»Was ist das Ziel?«
»Der russische Marinestützpunkt in Petropawlowsk auf der sibirischen Halbinsel.«
Collister rief sofort beim NATO-Oberbefehlshaber an. »Schicken Sie auf der Stelle die U-Boote zurück.«
»Sie sind bereits auf dem Rückweg. Der Auftrag ist erfüllt.«
»Welcher Auftrag?«
»Petropawlowsk erlebte vor zehn Minuten das gleiche Schicksal wie Hiroshima vor über 70 Jahren.«
»Sie haben eine Atombombe abgefeuert?«
»Jawohl. Wir haben den Russen gezeigt, dass mit uns nicht zu spaßen ist.«
Schweißtropfen bildeten sich auf Collisters Stirn. »Ich hatte klare Anweisung gegeben, keine Atomwaffen einzusetzen!«
»Herr Collister, es herrscht Krieg. Sie haben gar nichts mehr anzuweisen.«
»Und was glauben Sie, wird die Antwort aus dem Kreml sein.«
»Kapitulation natürlich. So wie die Japaner vor über 70 Jahren werden sich nun auch die Russen ergeben.«
Kraftlos legte James Collister das Telefon auf den Tisch.
»Besorge mir die Großwetterlage von Europa«, befahl er seinem Sohn.
Kurze Zeit später lag die Wettervorhersage für Europa auf seinem Tisch. Für die nächsten Tage war Ostwind angekündigt.

Dieter war auf den Weg zur Arbeit. Das Radio funktionierte nicht. Nur noch Rauschen war zu hören. Wurde der Sender gestört? Zu gerne hätte er die letzten Neuigkeiten erfahren. Als er auf die Autobahn Richtung Düsseldorf auffuhr, rief Elisabeth an.
»Was gibt es Liebling? Habe ich etwas zuhause vergessen?«
»Die Sirenen heulen!«, sagte Elisabeth trocken.
»Bestimmt nur eine Übung der Feuerwehr, oder es brennt irgendwo.«
»Die Kirchenglocken läuten auch.«