Prolog

Australien, Dienstag, 14. Dezember 2013

Wie immer kurz vor dem Finale war Igor Poljakow berauscht von diesem archaischen Trieb des Tötens. Seine Hände zitter- ten vor Erregung, als er die App auf dem Smartphone öffnete. Der rot blinkende Punkt des GPS-Trackers bewegte sich zügig auf ihn zu, sie mussten jeden Augenblick auftauchen. Igor spähte hinter dem Eukalyptusbaum nach vorne auf den Costal Drive. Mit der offenen Handfläche schirmte er seine zusammengekniffenen Augen gegen die tiefstehende Sonne ab und erkannte in der Ferne das Wohnmobil mit der Zielperson.
Als sie kurz vor der Abzweigung abbremsten, drückte Igor sich eng an den Baum. Er spürte die glatte Rinde an seiner Stirn, roch den schwachen Duft des Holzes. Die feuchtwarme Luft seines Atems prallte zurück in sein Gesicht.
Das Wohnmobil bog keine 20 Meter vor ihm auf den Buschweg ab. Als es beschleunigte, zog es eine rote Staubfahne hinter sich her.
In einem Kilometer Entfernung endete die Sackgasse auf dem verlassenen Parkplatz in der Nähe des Ufers. Dort war der wilde Übernachtungsplatz, und genau dort wollte Igor sie haben.
Grace Parker, Abgeordnete aus dem britischen Unterhaus, und ihre achtzehnjährige Tochter Emily waren in die Falle gegangen.
Der Auftrag bezog sich nur auf die Mutter, die kleine Göre war Beifang. Doch Igor würde auch den Schmerz der Tochter bis zu ihrem letzten Atemzug auskosten.
Sobald sie außer Sichtweite waren, stellte er die beiden gelben Schilder an der Abzweigung auf. Road Closed stand auf den Schildern. Niemand sollte sie stören.
Der Pick-up Truck war keine 50 Meter entfernt hinter Büschen versteckt. Auf die beiden Seitentüren hatte Igor die großen runden Folien geklebt. Rangerpatrol stand im unteren Halb- rund darauf, ein Koala dominierte die Mitte des Logos.
Igor tauschte sein verschwitztes T-Shirt gegen das khakifarbene Hemd. Ein Rangerabzeichen zierte die Außenseiten der Kurzärmel, auf dem Namensschild über der linken Brusttasche stand Clark Hunter.
Von einem tiefhängenden Ast rupfte er ein Eukalyptus-Blatt ab, zerrieb es und leckte seine Finger ab, sie schmeckten bitter. Ganz anders als der Geschmack von Blut.
Aus dem roten Rucksack zog er die 9 Millimeter Mark 3 Pistole hervor, lud sie durch und steckte sie wieder zurück ins Frontfach. Die Waffe brauchte er nur für den unwahrscheinli- chen Fall, dass die Highway Patrol auftauchen sollte. Für die beiden Opfer reichten einfache Werkzeuge, die er im Baumarkt in Melbourne gekauft hatte. Ein scharfes Teppichmesser mit Ersatzklingen, eine Kombizange, eine kräftige Astschere für die Knochen, Schraubendreher, ein 300 Gramm schwerer Hammer und Draht zum Fesseln. Das silbergraue, reißfeste Klebeband und die kleingeschnittenen Putzlappen würden als Knebel dienen. Auf der Ladefläche war ein 20-Liter-Kanister mit Brandbeschleuniger festgezurrt. Wenn morgen früh die Sonne aufging, würde auch der Wohnwagen in Flammen aufgehen. Weder DNA noch sonstige Spuren würden zurückbleiben.
Mit langsamer Geschwindigkeit fuhr er los und wenige Minuten später tauchte das Wohnmobil mutterseelenallein zwischen den Bäumen auf. Im Hintergrund glitzerte das Meer, die Sonne war fast vollständig abgetaucht. Vereinzelte Bäume warfen lange Schatten.
Ein schöner Platz zum Sterben.
Igor parkte neben dem Wohnmobil, stieg aus und schwang den Rucksack lässig über die Schulter. Das rhythmische Meeresrauschen erinnerte ihn an den Applaus für ein beginnendes Theaterstück. Eine Möwe flog kreischend über die Fahrzeuge. Wollte sie die Opfer warnen? Was für ein belustigender Gedanke.
Fröhliches Lachen erklang aus dem Wohnmobil. Das erregte Zittern seiner Hände hatte aufgehört. Igor wurde ganz ruhig wie der Jäger, bevor er abdrückte.
Er klopfte an die Tür.
„Ja?“
„Rangerpatrol.“
Die Tür schwang auf.
Grace war nicht schön. Zu groß für eine Frau und zu dick, aber sie hatte ein weiches Gesicht. Igor überlegte, wo er nach- her das Teppichmesser ansetzten sollte.
„Sorry, Madam“, sagte Igor lächelnd. „Mein Name ist Clark Hunter, ich bin Ranger und werde gleich wieder weg sein.“
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Grace lächelte zurück.
„Wollen Sie hier übernachten?“
„Ja. Ich hoffe, das ist kein Problem.“
„Überhaupt nicht. Wir Ranger wollen nur wissen, auf welche Besucher wir aufpassen müssen.“
„Das ist sehr nett von Ihnen, Mister Hunter. Meine Tochter und ich sind zum Urlaub in Australien. Wir fahren mit dem Wohnmobil bis nach Sydney.“
„Wie haben Sie diesen schönen Platz gefunden?“
„Wurde uns empfohlen. Wir wollten auf dem Campingplatz vor San Remo übernachten. Doch der ist voll, sagte uns ein Mitarbeiter von Wind-Camper vor einer Stunde am Handy. Er hat uns diesen wunderbaren Platz empfohlen.“
Igor nickte. Er war der Anrufer gewesen, hatte Call-ID- Spoofing genutzt. Auf ihrem Handydisplay hatte Grace den Kontakt und die Festnetznummer des Reisemobil-Vermieters gesehen.
Die 18-jährige Tochter stellte sich an die Seite ihrer Mutter. „Hallo Ranger.“
„Hallo junge Dame. Willkommen in meinem Revier.“ „Danke.“
„Ich will nicht lange stören, möchte nur noch gerne Ihre Ausweise sehen. Danach müssen wir immer fragen.“
„Ja natürlich.“ Grace verschwand im Wohnmobil.
„Wollen Sie sich die Tiere bei uns ansehen?“, fragte Igor die junge Frau. Er hatte sich schon vor zwei Wochen in die Computer der beiden eingehackt und wusste, dass die Tochter auf diesem Urlaub unbedingt Koalas und Kängurus sehen wollte.
„Ja“, sagte sie begeistert. „Hier in Victoria sollen die Koalas bis zu 14 Kilogramm schwer werden.“
„Das stimmt. Bei uns gibt es die größten Koalas von ganz Australien. Das feuchte, gemäßigte Klima ist ideal für die Burschen.“
Grace kam mit den Ausweisen zurück und reichte sie Igor. Er schaute sie interessiert an. Wegen der Fingerabdrücke machte er sich keine Sorgen. Das Feuer würde gründliche Ar- beit leisten. Igor hätte die beiden schon längst überwältigen können, doch er liebte das Katz- und Mausspiel.
„Frau Parker, ich muss Sie leider noch um eine Gebühr von 20 $ bitten.“
„Ich wusste nicht, dass wir zahlen müssen.“
„Tut mir leid, ist ne neue Regelung. Aber …“, Igor tat so, als würde er überlegen. „… da Sie das ja nicht wussten, brauchen Sie diesmal nicht zu zahlen.“
„Oh. Sie sind sehr nett. Vielen Dank, Herr Hunter.“
Igor winkte ab. „Kein Problem. Wir möchten doch, dass Sie sich bei uns wohlfühlen. Und falls Sie morgen früh die größten Koalas von ganz Australien sehen wollen, habe ich sogar einen Geheimtipp für Sie.“
Mutter und Tochter schauten sich mit freudigem Erstaunen an. „Wir möchten unbedingt die Koalas sehen“, sagte Grace.
Igor nickte zufrieden. „Vor einer Woche haben wir eine neue Gruppe Koalas ausgesetzt. Gar nicht weit weg von hier, keine zehn Minuten zu fahren. Das wäre auch ein guter Platz zum Frühstücken.“
„Das ist ja wunderbar.“
„Kein Tourist weiß bisher davon.“
„Wo?“ Die Tochter konnte es anscheinend kaum erwarten. Aus der Seitentasche seiner Hose zog Igor lächelnd eine Karte und zeigte umständlich mit dem Finger darauf.
„Hier unten.“ Die Karte knickte weg, so war natürlich nichts zu erkennen, zudem war es inzwischen zu dunkel dazu. „Kommen Sie doch bitte herein“, sagte Grace. „Auf dem Tisch können Sie die Karte ausbreiten und uns die Stelle genau zeigen.“
„Gerne, Madam.“
Sie und ihre Tochter strahlten übers ganze Gesicht. Das würde sich gleich ändern.
Igor stieg die zwei Stufen hoch in das Wohnmobil. Dort setz- te er den Rucksack ab, legte die Karte auf den Tisch und klopf- te mit dem Zeigefinger auf eine markierte Stelle. Sie beugten sich aufgeregt darüber. Es war schon fast enttäuschend ein- fach. Igor schlug ihre Köpfe mit Wucht zusammen. Sie torkel- ten beide, ein unterdrückter Schrei der Tochter. Igor schlug seine Faust auf ihre Schläfe, sie sackte zu Boden. Zeitgleich riss Mama ihr Maul auf, setzte zum Schreien an. Igor knallte seinen Ellenbogen unter ihr Kinn. Auch sie ging zu Boden.
Der Spaß konnte beginnen.