Band 1, »VERWANDLUNG«
aus der historischen Romanserie
»TINTE UND SCHWERT«
Ab 10.02.2026 im Buchhandel erhältlich.
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»Rennt!«, schrie sie. Es war zu spät. Wie eine Horde entfesselter Bestien kamen die Fremden angestürmt.
Herbst 1618, Bistum Würzburg. Der Dreißigjährige Krieg ist erwacht.
Nach einem brutalen Überfall, bei dem seine Familie getötet wird, verschleppen Söldner den jungen Priesteranwärter Jacob Wolffen nach Böhmen. In der Armee des gefürchteten Generals Mansfeld wird er zum Schanzdienst gezwungen. Knapp dem Tod entkommen, erkennt Jacob seine göttliche Bestimmung: Ein unbarmherziger Rachefeldzug gegen den skrupellosen Leutnant Heinrich von Hohenfels und seine Schergen.
Eine scheinbar unlösbare Aufgabe, doch in der jungen Heilerin Anna Dillenberger – die ihre eigenen dunklen Geheimnisse hat – findet er eine starke Verbündete. Sie unterstützt ihn mit scharfem Verstand und unerschrockenem Mut. Doch zwischen Belagerung und Verrat stellt sich bald eine grausame Frage: Dürfen sie Todsünden begehen, um die finsteren Mächte zu bezwingen?
»Je genauer du hinschaust, desto weniger siehst du. Dich zu töten, wäre ein Kinderspiel gewesen.«
Die Klauen des Teufels
Gran, Ungarn, 4. August 1595
Wie ein riesiges Ungeheuer kam die Wolke näher. Sie wuchs zur Seite, sie wuchs in den Himmel, sie war düster und verdeckte die Sonne. Und sie brachte tausendfachen Tod.
Mit zittriger Hand wischte Ernst sich den Schweiß aus dem Gesicht.
Allmächtiger Gott, rette mich vor den Klauen der Teufel.
»Lunten auflegen und bereit machen!«, rief der Hauptmann.
»Bereitmachen für den Tod«, flüsterte einer der Gardesoldaten und kicherte wie ein Irrer.
»Halt’s Maul, Wiegand«, schimpfte ein anderer.
Schulter an Schulter standen sie knöcheltief im Schlamm des Grabens, die schweren Musketen auf dem Erdwall aufgelegt. Die Glut der uringetränkten Lunten verbreitete den Gestank von faulen Eiern, doch vor allem stank es nach Latrine und nach Verwesung. War das der Gestank des Todes?
Ein dumpfes und furchteinflößendes Dröhnen erwachte.
»Was ist das?«, fragte Ernst entsetzt.
»Hochgeborener Herr Graf, das sind feindliche Kriegstrommeln«, sagte Gefreiter Jost Guntrum, sein persönlicher Leibsoldat.
Ein bedrohliches Beben erwachte. Kleine Erdklumpen rieselten die Grabenwand hinunter und platschten ins vibrierende Schlammwasser.
»Ein … ein Erdbeben?«, fragte Ernst und hoffte inbrünstig, dass es nichts anderes war.
»Erschütterungen von zwölftausend galoppierenden Pferden«, erklärte Jost mit düsterer Miene.
Oh Gott. Zwölftausend!
Ernst schloss die Augen, stoßartig ging sein Atem, schmerzhaft pochte das Herz gegen den Brustharnisch. Ein harter Griff packte ihn an der Schulter. Es war Karl, der kaiserliche General.
»Du darfst keine Angst zeigen«, flüsterte Karl drohend.
»Ich habe keine …«
»Die Angst steht dir ins Gesicht geschrieben. Meine Leibgarde beobachtet dich. Mach unserer Familie keine Schande und reiß dich zusammen.«
»Aber es sind so viele.«
»Weißt du, was die Osmanen mit uns Christen machen?«
»Sie … sie kreuzigen uns.«
»Und sie foltern uns Offiziere.«
»Ich bin erst fünfzehn.«
»Als mein Halbbruder bist du eine ganz besondere Beute.«
»Warum sagst du mir das?«
»Weil dir klar sein muss, dass es nur den Sieg oder einen grauenvollen Tod gibt. Kämpfe um dein Leben.«
Nicht weinen! Nicht vor Karl.
»Markierung Blau«, schrie der Beobachter. Nur noch zweitausend Schritte.
Karl packte Ernst hart am Harnischkragen und drückte ihn gegen die Grabenwand.
»Sag unseren Familienspruch.«
»Was?«
»Sag unseren Familienspruch. Los. Ich will ihn hören.«
»Strotze vor Kraft.«
»Lauter.«
»Strotze vor Kraft.«
»Verdammt noch mal, ich höre dich nicht.«
»Strotze vor Kraft!«, schrie Ernst, so laut er konnte. Tatsächlich, es half. Ernst verspürte einen Funken Mut.
Die Leibgarde stimmte ein. »Strotze vor Kraft!«, schallte es aus vielen Hundert Kehlen.
»Merk dir den Spruch für die nächsten Stunden.« Karl ging wieder zurück zu seinem Kommandoposten, keine zehn Schritte zur Rechten.
Hat er ›Stunden‹ gesagt?
»Markierung Grün!« Noch tausend Schritte.
Ernst umfasste die auf dem Erdwall aufgelegte Muskete und blies hektisch an der Lunte, doch sie glühte längst. Mit zittrigen Fingern schob er den Deckel der Zündpfanne auf, prüfte das Zündkraut. Es war an Ort und Stelle, wo auch sonst? Auch die Radschlosspistole lag noch griffbereit, geladen und gespannt, auf dem flachen Brett vor dem Brustwall. Degen und Dolch steckten im Wehrgehänge an seiner linken Seite. Alle Waffen waren bereit, nur Ernst war es nicht.
Allmächtiger Gott, ich will noch nicht sterben.
Die Staubwolke, die der Wind dem Feind voraustrieb, wurde dichter und verdunkelte die Welt. Der düstere Schatten stülpte sich über die Burg auf dem Hügel, über die Dächer der Häuser, über die steppenartige Ebene voraus und über die beiden vorderen Schanzgräben und schließlich auch über Ernst.
Strotze vor Kraft.
Das Donnern wurde lauter, die fremdartigen Schlachtrufe schriller.
Strotze vor Kraft.
»Markierung Rot!« Noch fünfhundert Schritte. Ernst musste pissen.
Feindliche Fanfaren schmetterten, das osmanische Ungeheuer setzte zum Sprung an, um sie alle zu verschlingen.
Der irre Leibgardist lachte wieder. »Die apokalyptischen Reiter kommen, uns zu holen.«
»Halt’s Maul, Wiegand«, schimpften mehrere andere.
Die ersten feindlichen Schüsse. Ernst starrte nach vorn.
Großer Gott! So viele!
Das Donnern änderte sich zu einem ohrenbetäubenden Dauerstakkato. Mit schweißnassen Händen packte Ernst die Muskete noch fester, zielte übers Korn auf eine dichte Masse aus Leibern, Turbanen, spitzen Helmen, Rundschilden, Lanzen und Säbeln. Nicht zu hoch zielen, und nicht zu tief, hatte der Hauptmann gesagt, dann würde jede Kugel ein Ziel finden in einer gewaltigen Masse aus Pferde- und Menschenfleisch.
Die Eruption kam schlagartig. Ernst drehte sich nach links und kotzte Jost auf die Hüfte. In dem Augenblick erschallten die kaiserlichen Fanfaren. Aus dem vorderen Verteidigungsgraben, sechzig Schritte vor ihnen, entluden sich donnernd weit über tausend Musketen. Der Lärm übertönte für einen Augenblick die Schlachtrufe der Türken. Viele von ihnen wurden aus den Sätteln gefegt, doch Augenblicke später waren die Reihen wieder dicht, als ob es keine Gefallenen gegeben hätte.
Ein weiteres Signal. Die zweite Verteidigungslinie feuerte über die Köpfe der ersten hinweg. Wieder stürzten Pferde, weitere Reiter wurden aus den Sätteln geschleudert. Nächstes Fanfarensignal, dieses Mal für die dritte und letzte Verteidigungslinie, dieses Mal auch für Ernst. Sein panisches Keuchen übertrug sich auf die Muskete, der Lauf wackelte im Atemrhythmus, zielen unmöglich.
Luft anhalten, ruhig bleiben.
Er zog den Abzug durch, der Hahn mit der eingeklemmten Lunte senkte sich, die Glut drückte ins Zündkraut. Der harte Rückstoß warf Ernst an die hintere Grabenwand. Der Schuss war viel zu hoch gegangen.
Ohrenbetäubender Schlachtlärm. Ernst hatte vergessen, die wachsgetränkten Stofffetzen in die Gehörgänge zu stopfen. Er fummelte sie aus dem Lederbeutel, doch sie rutschten durch seine nervösen Finger und wurden von seinen Mitstreitern in den Schlamm getrampelt.
Entsetzt starrte Ernst nach vorn. Die Osmanen waren schon fast vor dem ersten Graben.
»Nachladen und schießen, Herr Graf«, schrie Jost gegen den Lärm. Ja, natürlich. Ab jetzt mussten sie selbstständig schießen. Es gab kein koordiniertes Signal mehr, es gab gar nichts Koordiniertes mehr, nur noch Lärm, Pulverdampf, Schreie und Chaos.Nachladen! Schnell!
Neues Zündkraut in die Pfanne. Die Hände zitterten so stark, dass er einen großen Teil des feinen Pulvers verschüttete. Egal. Deckel zu, Muskete zurück in den Graben stellen, Schwarzpulver aus dem Pulvermaß vorne ins Rohr schütten, doch es rieselte fast alles daneben.
Heftig zuckte Ernst zusammen, als die kaiserlichen Kanonen knapp zwanzig Schritte hinter ihnen schmerzhaft laut losdonnerten. Glühende Pulverreste spritzten ihm in den Nacken, ein schrilles Pfeifen fraß sich in seine Ohren.
Ein lauter Aufschrei von rechts. Die spritzende Kanonenglut hatte die Pulverflasche des Leibgardisten entzündet, der Soldat brannte lichterloh und warf sich in den Schlamm. Ernst starrte aufs Schlachtfeld. Da die Geschützrohre annähernd horizontal ausgerichtet waren, prallten die Kugeln im flachen Winkel vor der vordersten Verteidigungslinie auf den harten Boden, wurden wieder hochgeschleudert, flogen weitere dreihundert bis vierhundert Schritte in Mannshöhe, schlugen erneut auf und sprangen oft nochmals hoch. Ernst kannte das von den flachen Kieselsteinen, die er vor einigen Tagen im Wasser der Donau hatte springen lassen. Die Kugeln rissen blutige Schneisen in die feindlichen Reihen, konnten den Feind jedoch nicht stoppen.
Pulverqualm ätzte in Mund und Nase, brannte in den Augen. Musketenfeuer, Artilleriefeuer … Das laute Pfeifen in den Ohren wurde unerträglich.
Die Landsknechte im vordersten Graben streckten ihre Piken dem Feind entgegen. Die erste Welle der Angreifer wurde aufgespießt. Innerhalb einer Minute bildete sich ein Wall aus Pferde- und Menschenleibern.
Zwischen den türkischen Reitern tauchten nun auch die Fußtruppen auf. Sie kämpften mit Lanzen, Krummsäbeln, Pfeil und Bogen.
Ein giftiges, wildes Surren zog über Ernst hinweg in Richtung Feind. Es kam von den Kettenkugeln aus den kaiserlichen Kanonen. Zwei Kugeln, mit einer armlangen Kette zusammengeschmiedet, drehten sich nach dem Abschuss in rasender Geschwindigkeit umeinander, fegten wie eine Sense durch die Türken, zerfetzten alles, was im Weg war. Einem Türken wurde der Kopf abgerissen, nachströmende Türken rannten den Rumpf um.
Viele der Feinde brachen im Kugelhagel zusammen. Doch hinter jedem gefallenen Türken tauchten mehrere neue auf. Wie bei einer Hydra wuchsen für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue nach. Die Osmanen stürzten sich auf die Kaiserlichen in der ersten Verteidigungslinie. Die Hydra war in Rage.
Dicker Staub, dichter Pulverqualm, keine Sicht mehr. Schmerzensschreie, Schlachtrufe, Dauerfeuer, klirrende Säbel. Ernst ahnte, was da im vorderen Graben passierte.Strotze vor Kraft. Strotze vor Kraft.
Ein Bote kam den schmalen Laufgraben entlanggerannt und schrie dem General etwas zu. Die Worte waren trotz der kurzen Distanz für Ernst nicht zu verstehen. Ein riesiger Gardesoldat, der die Meldung anscheinend verstanden hatte, drehte sich zu Ernst und den anderen Soldaten, zeigte mit einem Finger in die Luft und zog ihn sich dann quer über den Hals. Die erste von drei Linien war gefallen. Dreißig Schritte trennten sie noch vom Feind.
Heilige Mutter Maria, lass sie nicht zu uns durchkommen.
»Achtung!«, rief Jost und zeigte nach oben. Brennende Feuerballen regneten auf sie nieder. Sie duckten sich tief in den Graben. Der Soldat zur Rechten hatte das Feuer an seiner Kleidung inzwischen mit dem Schlamm gelöscht, doch sein Gesicht war verbrannt.
Als keine Brandballen mehr regneten, richteten sie sich auf. Etwa drei Dutzend der kopfgroßen Kugeln brannten lichterloh in unmittelbarer Nähe vor und hinter ihnen auf der Erde. Plötzliche Explosionen, der Soldat mit dem verbrannten Gesicht rutschte lautlos zurück in den Schlamm. Ein Loch klaffte in der Stirn.
»Kopf runter. Mordschläge!«, schrie Jost. Die in den Feuerballen eingearbeiteten Geschosse entzündeten sich und töteten alles, was sie trafen. Immer öfter knallte es. Ernst weinte. Hoffentlich konnte es niemand sehen.
Heftiges Klopfen auf der Schulter. Es war Jost. »Weiterschießen, Herr Graf.«
Ernst richtete sich auf. Keine Mordschläge mehr. Alle Gardisten standen wieder und bedienten ihre Musketen.
Weitere Boten kamen durch den schmalen Laufgraben. Sie waren blutverschmiert, hatten angstverzerrte Gesichter, riefen dem General etwas zu. Der riesige Soldat zeigte dieses Mal zwei Finger und machte wieder dieses verdammte Zeichen. Die zweite Verteidigungslinie war gefallen.
Nasse Beine! Ernst fasste sich ans Gemächt. In die Hose gepisst.
Herr im Himmel, lass es nicht zum Nahkampf kommen.
Die fremdartigen Schlachtrufe waren inzwischen keinen Steinwurf entfernt. Schemenhaft tauchten Männer mit Turbanen und Spitzhelmen aus Staub und Qualm auf. Heftiger Hustenreiz … der ätzende Pulverdampf.
»Sie kommen!«, brüllte Jost. Grimmige Gesichter, Krummsäbel, Rundschilde, Lanzen. Nahkampf!
Ein Türke erschien auf dem Wall, starrte drohend hinunter zu Ernst und setzte zum Sprung an. Jost rammte sein Schwert nach oben, zwischen die Türkenbeine. Der Feind ging in die Knie, Jost stach das Schwert in den Bauch. Während er die Klinge zurückzog, plumpste der Türke in den Graben. Jost nickte Ernst aufmunternd zu, da zuckte sein Kopf heftig zurück. Ein Pfeil steckte tief im Auge. Mit spastischen, ruckartigen Bewegungen sank der Gefreite in den Graben, wo schon zahlreiche andere Gardisten tot oder verwundet im dunklen Schlamm lagen.
»Achtung!«, warnte einer der anderen Gardesoldaten. Ein blutverschmierter Spitzhelm erschien auf dem Brustwall, dann das Gesicht. Der Feind hatte eine fette, wulstige Narbe zwischen den Barthaaren auf der Backe. Geschmeidig kroch er über die Leiche eines Kampfgefährten und hob den Krummsäbel zum Angriff. Ernst zielte mit der Pistole und drückte ab. Der Türke schwankte, kippte in den Graben, plumpste auf tote Leiber. Sein Spitzhelm rutschte vom Kopf. Dichtes, schwarzes Haar quoll hervor. Der Feind richtete sich auf, starrte Ernst verachtend an. Blut sickerte aus seinem ledernen Brustharnisch. Seinen Säbel hatte er verloren.
Ernst zog den Dolch aus der Scheide. Es war einfach … eigentlich. Zwei Schritte vor, Klinge in den Hals rammen, fertig. Er hatte es oft geübt und musste nur noch über den noch immer zuckenden Körper von Jost steigen. Doch plötzlich – wie durch einen bösen Zauber – konnte er sich nicht mehr bewegen. Blut pulsierte laut in seinen Ohren und dämpfte den Kampflärm. Die Bewegungen der kämpfenden Soldaten im Hintergrund verlangsamten sich, die Welt verlangsamte sich.
Sterbe ich?
Die Faust des Türken kam nach vorne. Sie steckte in einem Lederhandschuh, der an den Knöcheln mit kleinen Metallspitzen gespickt war. Ernst wollte ausweichen, doch die Starre lag über ihm. Die Faust knallte hart in sein Gesicht. Das pulsierende Rauschen in den Ohren wurde langsamer und leiser. Die Welt schwankte, gelbe Blitze durchzuckten seinen Kopf. Dann wurde alles schwarz.
Der fromme Träumer und die Prügel
23 Jahre später, Bachthal, 17. Juni 1618
Ein Knacken im Gebüsch. Jacob zuckte zusammen.
»Sieh mal an. Wen haben wir denn da?« Die Stimme bedeutete Ärger und sie bedeutete Schmerz. Ulrich Kunckel kam aus dem Gebüsch, stand keine zehn Schritte entfernt. Breitbeinig, mit fiesem Grinsen.
»Was willst du?« Jacobs Stimme klang leise, zu schwach. Er hatte Weidenruten geschnitten und nun hatte er Angst.
»Zeit für ’ne Abreibung.«
Hektisch sah sich Jacob um. Die Büsche standen zu dicht, Durchkommen nicht möglich. Es gab nur den schmalen Trampelpfad, nur die eine Richtung zum Abhauen. Er schnellte hoch und rannte los. Plötzlich kam Michl hinter einem Busch hervor und versperrte ihm den Weg. Die beiden Brüder hatten ihn in der Falle.
Herr im Himmel, steh mir bei.
»Wo hast du deinen Köter gelassen?«, fragte Ulrich.
»Der wartet da vorn. Kommt sofort, ich muss nur rufen.«
Die beiden lachten schallend. Sie hatten die Lüge durchschaut. Wenn Caesar hier gewesen wäre, hätte er sich längst schützend vor Jacob gestellt.
»Wir haben noch eine Rechnung offen«, sagte Ulrich.
»Nicht, dass ich wüsste.« Jacob versuchte, seine Angst zu verbergen.
»Du hast mich letzte Woche in den Weiher geschmissen. Das ganze Dorf hat über mich gelacht.«
»Ich bin doch nur ausgewichen, als du mich stoßen wolltest, und dann bist du selbst reingefallen. Tut mir echt leid, Ulrich.«
»Hast du das gehört?«, stichelte Michl. »Der Simpel streitet es auch noch ab.«
»Aber genau so war es doch, und das wisst ihr auch«, sagte Jacob kleinlaut.
»Wir wissen«, sagte Ulrich mit diabolischem Grinsen, »dass ihr Wolffens die größten Lügner im Bistum seid. Das allein reicht schon für eine Tracht Prügel.«
»Wir lügen …«
Plötzlich packte Michl ihn von hinten und hielt Jacob mit beiden Armen fest umschlungen. »Jetzt bist du fällig!«
Großer Gott! Nicht schon wieder Prügel.
Ulrich holte aus. Seine Faust traf Jacobs Gesicht. Die Nase knirschte, ein stechender Schmerz strahlte bis ins Gehirn. Weitere Schläge folgten. Jacobs Lippe platzte auf wie eine reife Pflaume.
»Ich aber sage euch!«, schrie Jacob verzweifelt. Verblüfft hielt Ulrich inne.
»Wenn dich … einer auf die … die rechte Wange schlägt, dann halte ihm … auch die andere hin.«
Die Kunckels lachten. »Kannste haben«, sagte Ulrich. Es hagelte nun Ohrfeigen von beiden Seiten.
Allmächtiger, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Jacob zog die Beine hoch, in der Hoffnung, nach unten aus dem Haltegriff zu rutschen, und tatsächlich: Michl ließ los. Jacob plumpste auf den Boden. Doch nun traten sie auf ihn ein. Schützend hielt Jacob die Arme über den Kopf und igelte sich ein. Er schmeckte seine blutigen Lippen, Blut tropfte auch aus der Nase, sein ganzer Körper schmerzte. Er weinte wegen der Schmerzen, wegen der Ungerechtigkeit und wegen seiner elenden Schwäche.
»Nie mehr … nie mehr … wirst du einen von uns Kunckels zum Gespött machen, hast du kapiert?«, rief Michl, keuchend vor Anstrengung.
Jacob nickte ängstlich. Michl trat wieder zu.
»Antworte, Feigling!«
»Ich hab’s kapiert«, wimmerte Jacob.
»Wir haben nicht verstanden, du Trottel. Hast du’s kapiert, habe ich gefragt!«
»Ja, ich hab’s kapiert!«
Jacob wartete, bis die beiden sich lachend davongemacht hatten, dann richtete er sich langsam auf. Die Arme, der Rücken, der Bauch, die Beine – alles schmerzte. Vorsichtig betastete er sein Gesicht. Ein Auge war zugeschwollen, ein Zahn war locker, an der Stirn hatte er eine fette Beule. Doch am schlimmsten hatte es die Nase erwischt. Durch sie konnte er nicht mehr schnaufen, sie fühlte sich dick an und war ganz schief.
Mit wackeligen Beinen machte er sich auf den Heimweg. Er hasste die Kunckel-Brüder, würde sie am liebsten weit weg wissen … oder tot. Pfarrer Schwartz sprach immer wieder von Vergebung und davon, den Nächsten zu lieben wie dich selbst. Als ob das so einfach wäre.
Warum macht der Allmächtige es mir so schwer?
*
»Gütiger Himmel«, rief Mutter entsetzt, als Jacob wenig später zu Hause ankam. »Was ist jetzt schon wieder passiert?«
Jacob schüttelte verschämt den Kopf und wollte an ihr vorbei, doch sie hielt ihn zurück.
»Nicht so schnell, junger Mann. Schau mich an. Deine Nase … gebrochen. Sie muss gerichtet werden.«
»Nicht nötig. Die wächst schon wieder zu …«
»Keine Widerrede. Hildegard wird sich darum kümmern.«
»Mich stört eine krumme …«
»Schluss jetzt! Es wird gemacht, was ich sage.«
Jacob nickte resigniert. Mutter zu widersprechen, war sinnlos. Er wollte zum Wassertrog, um sein Gesicht zu kühlen, doch sie hielt ihn am Arm zurück. »Du hast vergessen, mir zu antworten.«
»Bitte, Mutter. Ich will nicht darüber sprechen.«
»Was du willst, interessiert mich nicht. Die Kunckels wieder?«
Jacob nickte.
»Warum?«
»Weiß ich doch nicht. Schon immer ärgern sie mich.«
Sie schüttelte den Kopf. »Bin mal gespannt, was dein Vater dazu sagt. Jetzt geh dich waschen.«
Am Trog neben dem Misthaufen tröpfelte Jacob vorsichtig Wasser über sein Gesicht. Sofie, seine sechzehnjährige Nichte, kam angelaufen.
»Die Kunckels?«, fragte sie. Jacob senkte den Blick.
Sie fasste an ihr Amulett mit dem Bildnis der Jungfrau Maria, das an einer silbernen Kette um ihren Hals hing. »Ich bete heute Abend zur heiligen Mutter Maria und bitte sie, diese schlimmen Burschen hart zu bestrafen.«
»Gute Idee.« Beschämt senkte Jacob den Kopf. Bestimmt dachte sie, dass er ein Feigling war. Und das stimmte ja.
»Beuge dich tiefer«, sagte sie. »Ich wasche dir das getrocknete Blut aus den Haaren.«
Mit den Händen goss sie immer wieder behutsam Wasser über Jacobs Kopf.
»Danke, Sofie. Das machst du prima. Du wirst bestimmt eines Tages eine Heilerin.«
Kurze Zeit später traf Hildegard ein.
»Der Jacob schon wieder«, sagte sie mit ihrer dunklen Stimme, als sie in den Hof kam. Mit zügigen Schritten, wie man es einer alten, dicken Frau nicht zugetraut hätte, kam die Hebamme angelaufen, stellte ihre Tasche ab und betrachtete Jacobs Gesicht.
»Nicht so schlimm, wie es aussieht«, meinte sie und reichte ihm einen ledernen Trinkbeutel. »Nimm einen großen Schluck, ist gegen die Schmerzen.«
Jacob nahm einen Schluck und konnte gerade noch den Impuls unterdrücken, das Gesöff auszuspucken. »Schmeckt scheußlich!«
»Das ist gut, dann wirkt es auch.«
Hildegard schmierte eine Salbe auf seine Nase. Er zuckte bei den schmerzhaften Berührungen zurück.
»War das alles?«, fragte Jacob hoffnungsvoll, als sie die Salbe wegpackte.
»Nur noch eine Kleinigkeit. Setz dich dort auf den Schemel.«
Jacob beobachtete ängstlich, wie sie zwei kleine Holzplättchen, verbunden mit Lederschnüren, aus der Tasche zog. Sie fasste ihn am Kinn und hob sein Gesicht an. »Ein wenig wird es wehtun, doch ich verrate dir einen Schmerz-Weg-Zauber. Funktioniert hervorragend, aber nur bei gescheiten Menschen. Und du bist doch einer, richtig?«
Jacob nickte. Und ob er gescheit war. Auch wenn er oft Trottel oder Dummkopf genannt wurde, weil er so viel fragte.
»Und ganz wichtig: Es funktioniert nur, wenn du mir vertraust. Tust du das?«
Jacob nickte wieder.
»Egal, was gleich passiert, du darfst dich nicht ablenken lassen.«
»Ablenken wovon?«
»Du schließt ganz fest die Augen und zählst von 55 rückwärts, sprichst aber nur jede dritte Zahl laut aus. Machst du die Augen auf, funktioniert der Zauber nicht mehr. Verzählst du dich, funktioniert er auch nicht mehr. Wenn du bei ›Eins‹angekommen bist, hast du es geschafft. Verstanden?«
»Verstanden.«
»Dann Augen zu und fang an.«
Jacob schnaufte tief durch den Mund aus, kniff die Augen zu und fing an. Es schien einfach zu sein. »55, 52, 49 …«
Hildegard stand nun ganz dicht hinter ihm. Er spürte ihre Brüste an seinem Hinterkopf. Weich und sanft wie ein Federkissen, nur wärmer. Am liebsten hätte er sich umgedreht, um sein Gesicht in diese weiche Wärme zu drücken, die Brüste zu riechen, sie zu streicheln, zu liebkosen. Er erschrak bei den unkeuschen Gedanken.
Nicht ablenken lassen.
»46, 43, 40 …«
»Du musst lauter zählen.« Mit ihrer fleischigen Hand drückte sie seine Stirn ganz fest an ihre Brust. Sie war stark. Trotz des weichen Busenkissens fühlte es sich wie im Schraubstock an.
»37, 34, 31 …« Das Zählen war überhaupt nicht einfach.
Etwas wurde zu beiden Seiten an seine krumme Nase gelegt. Es waren bestimmt diese sonderbaren Holzplättchen. Die Nase schmerzte. Sein Herz pumpte heftiger.
Nicht schauen! Nicht ablenken lassen!
»28, 25, 22 …«
»Lauter!«, rief Hildegard.
»19, 16, 13 …« Er schrie die Zahlen so laut es ging mit seinem verletzten Mund. So schlimm war die Behandlung gar nicht.
»10, 7, 4 …« Erleichterung. Fast geschafft.
Plötzlich ein fester Druck auf der Nase, gleichzeitig ein starkes Reißen und Knirschen. Stechende Schmerzen, die Tränen sprangen ihm aus den Augen. Ihm wurde schlecht.
»Eins«, sagte er mit zittriger Stimme. Die schlimmen Schmerzen waren Gottes Strafe für seine unkeuschen Gedanken.
»Geschafft. Du kannst die Augen öffnen.«
Sein ganzer Körper bebte, ihm war schwindelig und zum Kotzen zumute.
»Gut gemacht, Frau Hildegard«, sagte Sophie. »Die Nase ist fast wieder gerade.«
»Jetzt muss ich nur noch die Blutung stoppen«, sagte Hildegard. Jacob schüttelte den Kopf. »Nein, nicht …«
»Es ist vorbei, Jacob. Keine weiteren Schmerzen. Ich lege dir einen Stützverband an, das ist alles.«
Kurz darauf war sie fertig. Pochender Schmerz zuckte durch Nase und Kopf. Noch nie hatte er solche Qualen erlebt.
»Leg dich jetzt hin. Bete so lange das Vaterunser, bis du einschläfst. Gott und das Schmerzmittel werden dir helfen.«
*
Am späten Abend wurde Jacob von Hundegebell geweckt. Schmerzen hämmerten in seiner Nase, Atmen war nur durch den Mund möglich. Ächzend richtete er sich auf und schleppte sich hinaus auf den Hof. Vater kam mit dem Ochsengespann zurück. Er hatte eine Fuhre getrocknetes Gras nach Saaldorf gebracht. Caesar, der neben dem Gespann hergelaufen war, bellte freudig und rannte schwanzwedelnd zu Jacob.
»Ist gut, Caesar, ist gut. Du hast mir heute ganz besonders gefehlt.« Das Sprechen fiel nicht leicht, Jacobs Zunge fühlte sich pelzig an. Er ging in die Knie, Caesar winselte leise und schnüffelte behutsam an Jacobs Gesicht.
Vater sprang vom Fuhrwerk, vorwurfsvoller Blick, Kopfschütteln. »Wir reden beim Abendessen darüber.«
Jacob schlug die Augen nieder. Bestimmt würde Vater ihn wieder mit den beiden verstorbenen Brüdern vergleichen.
Kurze Zeit später trafen sich alle in der engen Stube. Die Tür zum Stall war geschlossen, doch Fenster und Tür standen weit offen, damit die Kochhitze entweichen konnte. Das Feuer in der angrenzenden Küche knisterte, der Haferschleim blubberte im Topf. Rauch stieg träge nach oben durch den Schacht, in dem Würste und Schinken hingen. Obwohl der Schacht weit ausladend über die Kochstelle reichte, war die Zimmerdecke in der Stube rußgeschwärzt. Rauch war im Haus ein ständiger Begleiter und manchmal war es so schlimm, dass allen die Augen tränten.
Knecht Daniel hob den dampfenden Topf vom Kochfeuer und stellte ihn auf den Tisch. Sie waren alle da: die Eltern, Ahne Agatha, die beiden Geschwister Benjamin, kurz Benja genannt, und Elisabeth, kurz Elsbeth, Nichte Sofie, der Knecht und die Magd. Es blieb nicht mehr viel Platz in dem kleinen Raum, doch Jacob liebte das enge Zusammensein.
Die Magd schnitt und verteilte das Brot, im Korb lagen gekochte Eier, der Topf mit Butter stand daneben und auf einem Holzbrett lag sogar Räucherschinken. Ein Luxus, für den Mutter bestimmt gesorgt hatte, um Vater zu besänftigen. Vielleicht würde das zu erwartende Donnerwetter nun nicht so schlimm werden. Vom Fleisch konnte Jacob nicht kosten, da sein Schneidezahn locker war und der ganze Kiefer schmerzte. Brei und Butterbrot ohne Rinde mussten reichen.
Vater sprach das Tischgebet und bekreuzigte sich. »Amen.«
»Amen«, sagten alle anderen und schlugen das Kreuz. Das Essen wurde ausgeteilt.
Vorsichtig führte Jacob den Löffel mit dem heißen Brei zum Mund.
»Rechte Hand!«, schimpfte Vater. »Wirst du das nie lernen?«
»Verzeihung.« Jacob senkte den Blick. Seine linke Hand wollte mehr arbeiten als die rechte. Doch das war unnatürlich und sogar sündhaft, sagte Pfarrer Schwartz.
»Nun erzähl mal«, forderte Vater, nachdem er einen großen Schluck vom selbst gekelterten Wein getrunken hatte.
Jacob berichtete und alle hörten aufmerksam zu.
»Hast du dich gewehrt?«, fragte Vater, als Jacob geendet hatte.
Beschämt schüttelte Jacob den Kopf.
»Herrgott noch mal! Was bist du nur für eine Memme?«
»Hans! Versündige dich nicht«, schimpfte Mutter und bekreuzigte sich.
»Ist doch wahr. Er benimmt sich wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Wann lernt er endlich, zurückzuschlagen?«
»Es waren zwei gegen einen«, rechtfertigte sich Jacob. »Und sie sind beide größer und stärker als ich.«
»Was kein Wunder ist. Schließlich hängen sie nicht den ganzen Tag über Büchern. Sie sind kräftig und mutig. Mut, Jacob. So etwas kennst du nicht.«
Mutter schüttelte den Kopf. »Es hat nichts mit Mut zu tun, wenn zwei Burschen einen einzelnen verprügeln.«
»Ihr kapiert überhaupt nichts«, polterte Vater. »Jacob wird verprügelt, weil er ein schwacher Feigling ist. Georg und Conrad wurden nie verprügelt. Sie hatten Muskeln und sie hatten Mut.«
Da war er wieder, dieser schmerzhafte Vergleich mit seinen verstorbenen Brüdern.
»Jacob ist weder feige noch schwach«, erwiderte Mutter.
»Du verblendetes Weib, siehst du es denn nicht? Das kommt alles nur, weil der Bub beim Pfarrer nutzloses Zeug lernt.«
»Der Bub ministriert. Das ist nicht nutzlos, sondern ausgesprochen gottgefällig.«
»Ich meine das unnütze Lesen und Schreiben. Und dann vergeuden sie noch ihre Zeit mit diesem überflüssigen Spiel.«
»Schach, das Spiel der Könige«, sagte Jacob.
»So, so. Das Spiel der Könige. Aber es ist nur ein hirnloses Spiel, du Simpel. Schau mal, wie langsam du wächst! Das kommt nur von all diesem Unfug. Sogar Benja ist schon fast so groß wie du und viel stärker.«
»Keine Sorge, Hans. Er wird noch wachsen«, besänftigte Mutter.
Jacob ärgerte sich über den ungerechten Vergleich. Benja war noch lange nicht so groß.
»Außerdem ist Jacob gescheit«, ergänzte Mutter. »Auch das ist eine Art von Stärke.«<
»Meinst du etwa, Gescheitheit kann zurückschlagen?«
»Und meinst du etwa, es wird besser, wenn Jacob zurückschlägt?«
»Natürlich wird es dann besser. Schmerzen machen vorsichtig, Schmerzen erzeugen Respekt.«
»Oder sie machen es nur noch schlimmer.«
»Ich kann mich noch gut an deine frühen Jahre erinnern«, sagte Ahne Agatha mit ihrer zittrigen Stimme und meinte Vater damit. »Erbärmlich hast du ausgesehen, als du siebzehn Jahre alt …«
»Halte deinen Mund, Agatha«, schimpfte Vater. Die Geschwister grinsten sich verstohlen an.
Vater hob drohend den Finger. »Ich dulde keinen Widerspruch. Schon gar nicht von Weibsvolk. Jacob darf nicht ständig ausfallen. Ich brauche ihn dringend auf dem Hof.«
Einmal mehr wurde Jacob schmerzlich bewusst, dass Vaters Vorstellung von seiner Zukunft stark von seiner eigenen abwich. Die Felder, der Hof, das Vieh und die Weinberge machten viel Arbeit. Da wurde jede Hand gebraucht. Noch wagte Jacob nicht, über seine Pläne zu sprechen.
»Auch vergangene Woche hätte er beim Mähen helfen sollen.«
»Wie viel hast du für die Fuhre bekommen?«, fragte Mutter, die damit geschickt das Thema wechselte.
Vater schnaufte frustriert aus. »Das Gras war noch feucht. Wir benötigen mehr Zeit fürs Sensen. Mit Jacobs Hilfe hätten wir auch die Wiesen im Schefftal abmähen können, doch der Herr war wieder in der Kirche, hat bestimmt das Spiel der Könige gespielt. Mit Georg und Conrad hätte ich alles in der Hälfte der Zeit geschafft. Oh Gott! Wie sehr ich sie vermisse.«
»Ich vermisse sie auch!«, sagte Jacob mit Tränen in den Augen. »Doch Gott hat sie zu sich geholt und es hilft niemandem, wenn ich immer mit ihnen verglichen werde.«
»Wie kannst du …«
»Warum hast du nicht ein paar Tage später gemäht?«, fragte Mutter. »Da hätte Jacob dir helfen können.«
»Das weißt du doch, dummes Weib. Zu viel Regen dieses Jahr. Ich musste die wenigen trockenen Tage nutzen. Es ist wie verhext. Wir haben kaum noch einen richtigen Sommer.«
»Ich hab’s doch letztens erst gesagt«, meinte Ahne Agatha. »Wir hatten einen verregneten März.«
»Ja und?«, fragte Vater gereizt. Die Ahne hob belehrend ihren krummen Finger. »Ein fauler, feuchter März ist jedes Bauern Schmerz.«
»Ach, Agatha, verschone uns mit deinem Geschwätz.«
»Und habt ihr die Bäume nicht beobachtet?«, fragte sie geheimnisvoll.
»Was ist damit?«, fragte Sofie mit großen Augen.
Die Ahne beugte sich nach vorn ins Kerzenlicht. »Die Eiche hat schon wieder vor der Esche geblüht«, flüsterte sie.
»Na und?«
»Blüht die Eiche vor der Esche, gibt es eine große Wäsche. Das heißt, der Sommer wird verregnet.«
»Hör auf, Agatha. Kluge Sprüche kann man für alles erfinden.«
»Aber unsere Ahne hat recht«, verteidigte Jacob sie.
»Mag sein, doch das hilft uns auch nicht weiter. Es ist eine Tatsache, dass wir nicht einmal genug Getreide für Gottlieb zusammenbekommen. Und Wein wird es auch wenig geben. Zu wenig Sonnenschein.«
Oheim Gottlieb war der Generalsuperior der Rosenkranzbrüderschaft in Büchold und Vater war der Hauptlieferant. Schon dreimal hatte er in den vergangenen Jahren eine Wagenladung mit Lebensmitteln geliefert.
»Die Brüderschaft wächst«, sagte Vater. »Gottlieb hat dieses Mal noch mehr bestellt. Mehr, als wir liefern können. Deswegen habe ich mit Genehmigung des Hochstifts andere Bauern mit ins Geschäft gebracht.«
»Wen?«, fragte Mutter.
»Den Greubel Jost und den Kunckel Alfred.«
Jacob war entsetzt. »Aber Vater, der Kunckel ist ein heidnischer Lump.«
»Ich habe das entschieden, und du hast nichts zu sagen.«
»Die Kunckels sind doch immer misstrauisch und versuchen, einen übers Ohr …«
»Schluss jetzt!« Vater hob drohend den Finger.
Beleidigt stocherte Jacob mit dem Löffel im Haferschleim. Er konnte nicht verstehen, warum Vater diesen Ketzer in das Geschäft einbezog. Jeder im Dorf wusste, dass die Kunckels heimlich dem neuen, falschen Glauben anhingen.
Schweigend beendeten sie ihr Abendmahl.
Als der Tisch abgeräumt war, zog Vater ein zusammengefaltetes Stück Papier hervor. Eine Zeichnung und viel Geschriebenes waren darauf zu sehen.
»Eine Flugschrift«, sagte Vater, während er das Papier glattstrich. »Hab ich vom Zehntmeister in Saaldorf bekommen. Da geht es um Ärger in Böhmen. Jacob, lies mal vor. So kannst du dich wenigstens einmal nützlich machen.«
»Oh ja«, riefen die Geschwister entzückt und holten die Lampe und weitere Talgkerzen vom Regal.
»Wie gut, dass unser Jacob lesen kann«, sagte die Ahne grinsend.
»Doch vom Lesen wird man nicht satt«, meinte Vater mürrisch. »Was ist nun, Jacob? Wirst du endlich vorlesen?«
Das Sprechen war mit den Gesichtsverletzungen mühselig, doch Jacob freute sich darauf. Wenn er vorlas, hörte sogar Vater zu. Wenn er vorlas, fühlte sich Jacob gebraucht und wichtig.
»Sind das Soldaten?«, fragte Benja und zeigte auf das Papier. »Die haben Piken und Musketen. Und da ist sogar eine Kanone.«
»Da geht’s um irgendwas in Böhmen«, erklärte Jacob. »Ich kann nicht alles lesen. Die Tinte ist zu verschmiert.«
»Fang jetzt nicht mit Ausreden an.« Vater klopfte ungeduldig mit dem Finger auf die Flugschrift.
Jacob versuchte, aus den erkennbaren Wortteilen den Sinn zu erfassen.
»Da steht was von evangelischen Ketzern. Sie haben die katholischen Statthalter aus dem Fenster geworfen. Das war in Prag, am 23. Mai.«
»Hoffentlich war das Fenster nicht hoch«, meinte Sofie.
Jacob entzifferte weitere Worte. »Schlimmes Unrecht … Kaiser Mathias … Demütigung … Zorn … eiserne Faust … Rache.«
»Was das nun wieder bedeuten soll?«, fragte Mutter stirnrunzelnd.
»Hier steht auch das Wort ›Vertreiben‹ … und ›Krieg‹.«
Sie starrten sich an.
»Schon wieder ein Krieg? Das wäre das Letzte, was wir brauchen«, flüsterte Magd Hedwig und faltete die Hände zum Gebet.
»Böhmen ist weit weg. Das bekommen wir gar nicht mit«, meinte Mutter.
»Wie weit weg?«, fragte Sofie, ihr Amulett fest umgreifend. Mutter zuckte mit den Schultern. »Mehr als zwei Wochen zu Fuß.«
»Dann ist es wirklich weit weg.«
»Aber zu Pferd in weniger als einer Woche machbar«, sagte Vater. »Und damit leider nicht weit genug weg.«
»Jetzt endlich verstehe ich die Zeichen!«, seufzte die Ahne.
»Welche Zeichen?«, fragten die Geschwister fast gleichzeitig mit großen Augen. Wenn die Ahne von ›Zeichen‹ sprach, war das immer spannend.
Sie beugte sich wieder nach vorn und sah die Kinder verschwörerisch an.
»War schon so im Jahr des Herrn anno 1595. Ähnliche Zeichen. Brachten großes Unglück. Ich hab’s auch damals richtig gesehen.«
»Was?«, fragte Sofie.
»Die Türken, mein Kind. Sie waren damals kurz davor, uns zu überrennen. Wir wären jetzt alle tot.«
»Dummes Geschwätz«, schimpfte Vater. »Du hast damals nur gesagt, dass etwas Schlimmes passieren wird.«
»Es ist ja etwas Schlimmes passiert.«
»Aber in Ungarn, und das ist wirklich weit weg. Von dem Krieg haben wir hier in Bachthal nichts mitbekommen.«
»Du hast anscheinend die Truppendurchzüge des wallonischen Kriegsvolks vergessen. Das Pack hat geplündert, gebrandschatzt und gemordet. Auch bei uns.«
»Ja genau. Ich kann mich noch erinnern«, bestätigte Daniel, der Knecht.
Vater winkte wieder ab. »Deine Vorhersage war nichts als ein Zufall.«
»Aber erzähl doch mal von den neuen Zeichen«, forderte Jacob seine Ahne auf.
»Oje, die neuen Zeichen. Noch deutlicher, noch schlimmer. In den vergangenen Wochen habe ich mehrmals die Spuren am Nachthimmel gesehen. Sie bedeuten großes Unglück.«
»Quatsch, Agatha. Himmelserscheinungen gibt es immer wieder und sie haben nichts mit Unglück zu tun.« Vater war sichtlich verärgert.
»Wirklich nicht?« Die Ahne kam nun anscheinend so richtig in Schwung. Die Kinder liebten es, wenn sie und Vater sich stritten.
»Wie war das denn mit der Pestilenz vor sieben Jahren?«, fragte sie schnippisch. »Fast ein Drittel des Dorfes ist gestorben.«
Vater schüttelte den Kopf. »Du hast nur gesagt, dass was passieren wird. Und passieren tut schließlich immer etwas.«
»Ich habe gesagt, dass ein großer Teil des Dorfes dahingerafft wird. Bald darauf ging es los. Auch wir haben schreckliche Verluste hinnehmen müssen. Auch mein lieber Emil, Georg, Conrad, Sofies Vater …« Die Ahne bekreuzigte sich. Alle anderen, bis auf Vater, schlossen sich mit an.
Jacob erinnerte sich noch gut an die schreckliche Zeit der Pestilenz. Er war neun Jahre alt gewesen, als sie alle gestorben waren. Seine Ahne kannte sich zwar aus mit dem Heilen, doch weder sie noch die Hebamme hatten damals etwas ausrichten können. »Aber Ahne«, fragte Elsbeth, Jacobs ältere Schwester. »Woher wusstest du, dass etwas Schlimmes kommt?«
»Nicht nur der Himmel spricht zu mir. Da sind auch die Botschaften aus der Natur. Zu viele Mäuse und Ratten bedeuten Unglück. Und da war noch dieses ganze Ungeziefer.«
»Schluss jetzt, Agatha. Du machst die Kinder noch verrückt.«
»Ja, ja. Ist ja vorbei mit der Pestilenz.«
»Warum weißt du so viel?«, fragte Sofie flüsternd. Die Ahne schaute verschwörerisch um sich. Ihr runzeliges Gesicht schien im flackernden Kerzenlicht zu tanzen.
»Ich halte Augen und Ohren offen, beobachte alles ganz genau. Deswegen erkenne ich die Zeichen. Und das, was ich jetzt beobachte, macht mir große Sorgen.« Die Ahne seufzte. »Es sind nicht nur die Himmelszeichen. Da sind auch die Bäume, das Wetter, das Leben. Es ist eine Mischung aus allem, was unser Schicksal formt, und nun kündigen die Zeichen großes Unheil an.« Sie deutete auf die Flugschrift. »Das da bestätigt meine Beobachtungen. Es wird Schlimmeres als die Pest kommen und Schlimmeres als ein Krieg in weiter Ferne. Ich fürchte, wir werden bald Unheil und Verderben erleben. Gott steh uns bei.«
»Agatha! Du nervst uns.«
»Ist schon recht. Wollte es nur gesagt haben.«
Die Tarnmaske der Freundlichkeit
Heidelberg, 21. Juni 1618
Graf Heinrich von Hohenfels zügelte seinen Hengst und schaute hinunter ins Neckartal. Das Zaumzeug klirrte, als das Pferd laut schnaubend mit dem Kopf auf und ab schlug.
»Wir sind am Ziel.«
Seine beiden Vertrauten schlossen zu ihm auf, die vier Knechte hielten sich mit den Packpferden im Hintergrund. Moritz, sein Berater, zeigte auf das weitläufige Schloss. »Dort unten wird Weltpolitik geschmiedet.«
»Und meine Zukunft«, ergänzte Heinrich. »Gleich morgen früh spreche ich beim Kurfürsten vor.«
Moritz runzelte die Stirn. »Hoffen wir, dass es klappt mit einer Audienz.«
»Warum sollte es nicht klappen?«, fragte Heinrich schroff.
»Für Friedrich bist du ein unbekannter Bitsteller.«
Heinrich starrte ihn wütend an. »Ich warne dich, alter Mann! Noch mehr respektlose Worte, und du spürst meine Reitgerte.«
Moritz nickte demütig. Der wortkarge Hüne Paulus, Waffenmeister und militärischer Ratgeber von Heinrich, zeigte wie immer ein ausdrucksloses Gesicht.
»Entschuldigung, Heinrich«, sagte Moritz kleinlaut. »Ich bin nur in Sorge, weil Friedrich kaum Besucher zu sich durchlässt.«
»Friedrich wird mich empfangen, du Klugscheißer. Schließlich nimmt auch ein Kurfürst gerne Geschenke an. Vor allem, wenn sie so dringend gebraucht werden wie meines.«
»Du hast recht«, bestätigte Moritz besänftigend. »Geschenke öffnen Türen und wichtige Geschenke öffnen sogar Türen im Heidelberger Schloss. Und vielleicht ist sogar Elisabeth bei der Audienz anwesend.«
Heinrich grinste. Die Tochter des englischen Königs war angeblich eine Schönheit. Es wurde gesagt, dass der naive Friedrich seiner Gattin hörig war. Ob Heinrich sie mit seinem verführerischen Lächeln bezaubern und für seine Zwecke gewinnen konnte?
In ungeduldiger Vorfreude trieb er sein Pferd an. »Wir suchen Quartier in der Stadt.«
*
Geraume Zeit später kam Moritz unverrichteter Dinge aus dem neunten Gasthaus zurück. »Auch hier alles belegt. Ich habe den Eindruck, sämtliche Handwerker und Gärtner aus dem Reich sind hier, um den neuen Prunkgarten beim Schloss anzulegen.«
Wütend knallte Heinrich den halb verputzten Apfel gegen die Hauswand. Er konnte es nicht ausstehen, wenn Volk von niedrigem Stand seine Pläne durchkreuzte.
»Ich fürchte, wir müssen in eine der umliegenden Ortschaften ausweichen«, meinte Moritz.
Es wurde bereits dunkel, als sie das Gasthaus ›Zum schwarzen Pferd‹ in Handschuhsheim erreichten. In der Wirtsstube roch es nach Rauch und säuerlichem Kohl, der Gestank vom Misthaufen wehte durch das offene Fenster, und Schmeißfliegen surrten umher.
»Zwei Gulden pro Zimmer pro Nacht«, sagte der Wirt mit düsterem Gesicht. »Für eure Pferde noch mal zwei Gulden dazu.«
»Das ist Wucher«, empörte sich Heinrich. »Ich gebe dir drei Gulden für alles zusammen pro Tag. Das ist mehr als genug.«
»Mein Preis oder kein Preis.«
Heinrich presste die Hand zur Faust, wollte den Wirt am liebsten niederschlagen. Doch er durfte hier im nahen Umfeld des Pfalzgrafen nicht abträglich auffallen. Zähneknirschend stimmte er zu.
Der Wirt zeigte ihnen zwei kleine Kammern. In die kleinere schickte Heinrich die vier Knechte. Mit Paulus und Moritz bezog er die etwas größere. Der Raum war spartanisch eingerichtet: ein Schemel, ein wackeliger Tisch, ein paar Strohsäcke mit Decken und zwei Eimer, einer für die Notdurft und einer mit Trinkwasser. Heinrich schob eine klamme Filzdecke zur Seite und betastete angewidert den Strohsack. Er war plattgelegen und vermutlich die Heimat von Wanzen und Flöhen.
Nachdem die Knechte die Bagage hochgebracht hatten, schickte Heinrich seine Männer hinunter in die Wirtstube und packte seine eng eingewickelte edle Gewandung aus dem Ledersack. Behutsam breitete er sie über eine Holzstange aus, damit sie für den morgigen Tag möglichst faltenfrei war.
Als er die steile Stiege hinunter in den gut besuchten Schankraum stieg, sah er seinen Pferdeknecht Melchior Porr vor einem breitschultrigen Mann stehen, der fast zwei Köpfe größer war.
»Du Zwerg wirst dich sofort entschuldigen«, schimpfte der Bursche und schubste Melchior grob zurück.
Der Kleidung nach zu urteilen, war der Bursche Handwerker, so wie auch die meisten anderen Gäste. Einige von ihnen glotzten Heinrich feindselig an.
Es war nicht das erste Mal, dass Melchior in Streitereien verwickelt war. Der Pferdeknecht war zwar klein, hatte aber ein großes Maul.
»Du hast mich absichtlich angerempelt«, schimpfte Melchior. »Entschuldige du dich gefälligst bei mir.«
Laut lachend drehte sich sein Widersacher zu einem Tisch, an dem ein knappes Dutzend weiterer Handwerker saß. »Der Zwerg sehnt sich ins Himmelreich.«
Sie grölten.
Heinrich schielte zu seinen Männern. Sie waren immer bereit für eine Keilerei, und wenn Paulus aufstand, würde den Burschen das Lachen schnell vergehen. Sogar der hochgewachsene Heinrich musste den Kopf heben, wenn er vor ihm stand. Paulus Ebel hatte mehrere Jahre in Montferrat als Feldwebel gegen die Spanier gekämpft und sich in vielen Schlachten als erfolgreicher Kämpfer bewährt. Dort hatte ihm auch eine Musketenkugel das halbe Ohr weggerissen.
»Dir Winzling prügele ich Manieren in den Leib!«, brüllte der Handwerker den kleinen Melchior an.
Wenn du wüsstest, dachte Heinrich, und da passierte es auch schon. Während der Bursche zum Schlag ausholte, trat Melchior ihm kräftig zwischen die Beine. Blitzschnell sprang er auf einen Stuhl, packte mit beiden Händen das dichte Haar des Handwerkers, zog dessen Kopf nach unten und rammte ihm sein Knie ins Gesicht. Der Handwerker ging stöhnend zu Boden. Der Kampf war beendet, bevor er richtig begonnen hatte.
Doch nun standen seine Gefährten auf. Einige griffen zu Messern. Auch Heinrichs Männer erhoben sich und verteilten sich im Raum. Balthasar, der Knecht von Paulus, stellte sich grinsend neben seinen riesigen Herren. Er stand ihm im Totschlagen kaum nach. Mit seinem entstellten Gesicht wirkte Balthasar wie der Leibhaftige höchstpersönlich. Ein Schwerthieb hatte ihm in Italien ein Stück vom Kieferknochen weggerissen.
»Jetscht wird’sch luschtig«, nuschelte er.
»Du … du Hund!« Ächzend raffte sich Melchiors Gegner auf. Blut tropfte aus seiner Nase. Die Handwerker nickten sich zu, machten sich bereit für den Kampf.
Heinrich lockerte seinen Dolch in der Scheide. Eine Prügelei war eine nette Abwechslung. Besonders, wenn man wusste, wie es ausgehen würde.
»Hört sofort auf, oder ich rufe die Nachtwache, die euch alle ins Loch steckt«, schrie der Wirt laut. Heinrich zögerte. Er durfte sich jetzt keine Zwischenfälle mit der Obrigkeit erlauben. Wenn der Kurfürst davon erfuhr, würde Heinrich bestimmt nicht zur Audienz vorgeladen und damit in ernsthaften Schwierigkeiten stecken.
»Setzt euch«, befahl Heinrich seinen Männern.
Langsam, die Handwerker nicht aus den Augen lassend, kehrten Heinrichs Männer zu ihrem Tisch zurück. Die Handwerker starrten noch immer grimmig und schienen zu überlegen, was zu tun sei.
»Wir sind Soldaten des Kurfürsten«, log Heinrich mit lauter Stimme. »Mit uns solltet ihr euch nicht anlegen.«
Verhaltenes Gemurmel, die Männer setzten sich wieder. Heinrichs Taktik war erfolgreich. Mit Soldaten ihres Auftraggebers wollten sie sich nicht anlegen.
Heinrich setzte sich zu seinen Männern.
»Ihr werdet euch anständig benehmen«, schärfte er ihnen ein. »Keine Prügeleien, es werden keine Weiber ohne ihren Willen bestiegen, ihr werdet schön brav für alles bezahlen, und ihr werdet keiner Seele etwas zuleide tun. Auch wenn’s schwerfällt. Ist das verstanden?«
Betroffenes Nicken.
»Macht Platz«, sagte der Wirt schroff und tischte auf. Auf einem armlangen Brett servierte er fetttriefendes Schweinefleisch und Brot, in einem Topf dampfte Sauerkraut, die Zinn- und Steingutkrüge waren mit Dünnbier gefüllt.
Während sie aßen, erzählten sich Heinrichs Begleiter Geschichten vom Krieg. Doch die interessierten Heinrich nicht. Nicht heute.
»Ich geh schlafen, und ihr benehmt euch«, sagte Heinrich und trank mit einem letzten Zug seinen Becher leer.
Wenige Minuten später legte er sich auf den plattgedrückten Strohsack, zog die Decke über sich und blies die Kerze aus.
Vater wird stolz auf mich sein.
*
Am nächsten Morgen, nachdem er Paulus und Moritz nach unten in die Wirtsstube geschickt hatte, verriegelte er die Tür von innen. Niemand sollte sehen, was jetzt zu tun war.
Aus der Satteltasche zog er zwei Tücher und eine Dose. Das größere Tuch befeuchtete er sparsam mit Wasser und reinigte sich unter den Achseln und im Schritt. Früher hatten sich auch die Adeligen oft mit Wasser gewaschen. Was für ein Wahnsinn! Zum Glück wusste heutzutage jeder halbwegs Gebildete, dass Wasser die Poren der Haut öffnete und somit der Pestilenz und anderen Krankheiten die Tür öffnete. Nur das Bauernpack war zu blöd, das zu verstehen. So war es kein Wunder, dass es bei der widerlichen Brut die meisten Seuchentoten gab.
Heinrich öffnete die Dose und hielt die Nase darüber. Zu einem unverschämten Preis hatte ein Kräuterweib aus der Grafschaft den wohlriechenden Puder für ihn zusammengestellt. Dabei war es nur Tonerde, die das Weib mit Rosenöl, Lavendel und weiteren Kräutern verfeinerte.
Vorsichtig streute er etwas davon auf das kleinere Tuch und sparsam rieb er sich damit ab. Wenn er nachher beim Kurfürsten vorsprach, durfte er nicht stinken.
Er zog sein sorgfältig mit feinem Leinenstoff umhülltes Bündel aus der Tasche. Darin verstaut hatte er einen Spiegel und ein Rasiermesser – Geschenke des Conte von Venedig und Zeichen einer neuen Zeit. Seit vielen Jahren hüteten die Venezianer erfolgreich das Geheimnis der Spiegelherstellung und niemand aus der deutschen Spieglerzunft war in der Lage, eine so perfekte Reflexion der Wirklichkeit herzustellen. Und die Klinge des kostbaren Rasiermessers ließ sich in den mit Elfenbein beschlagenen Griff einklappen und war so scharf, dass Heinrich sich schon mehrfach versehentlich geschnitten hatte.
Vorsichtig klemmte er den Spiegel in einen Spalt an der Holzwand neben dem winzigen Fenster, tauchte das Rasiermesser in den Wassereimer und rasierte sich.
Männer von Stand trugen gewöhnlich einen Bart. Doch der wollte bei Heinrich ums Verrecken nicht wachsen und der verfluchte Flaum eines Halbwüchsigen ließ Heinrich viel zu jung aussehen – ein Eindruck, den er gerade heute nicht brauchen konnte. Glattrasiert war besser als ein Flaumteppich.
Nach der Rasur betrachtete er sein Spiegelbild, strich sanft mit den Fingern über die Haut. Alle in der Grafschaft sagten, dass er außergewöhnlich gut aussah, und Heinrich war stolz darauf. Die schlanke Gestalt hatte er von Mutter, Muskeln und Größe vom Vater. Nur die blassrote Narbe auf der Stirn störte. Ein Geschenk von Vater, der mit dem Schürhaken nach ihm geschlagen hatte. Doch zum Glück konnte Heinrich mit seinem wallenden, blond gelockten Haar den kleinen Makel gut überdecken.
Heute war sein großer Tag und endlich konnte er das auf seiner zweijährigen Kavaliersreise Gelernte anwenden. Während dieser Zeit hatte er in Venedig nicht nur höfisches Benehmen und die Kriegskunst, sondern auch die Kunst der Diplomatie gelernt. Conte Giovanni di Ronsecco, ein alter Freund des Vaters, war ein schlauer Fuchs. ›Lächle oft‹, hatte er gesagt. ›Die Tarnmaske der Freundlichkeit versteckt deine wahren Absichten. Mit dieser Tarnmaske kannst du überzeugen und täuschen, manipulieren und sogar töten.
Heute würde Heinrich mit dieser Tarnmaske überzeugen.
Sorgfältig packte er Spiegel und Rasiermesser weg und legte die festliche Gewandung an. Gelb und Rot waren die Farben des Adelsgeschlechtes von Hohenfels. Er schlüpfte in die rote Kniebundhose mit den schmalen gelben Streifen und zog die bis zu den Knien reichenden Stulpenstiefel an. Weißes Hemd, schwarzer Lederkoller darüber, die gelb-rote Schärpe legte er quer über die Schulter. Das Haar war frisch gekämmt, die Locken legten sich sanft auf die weiße Halskrause. Die gelb-rot gefärbte, prachtvolle Pfauenfeder wickelte er vorsichtig aus der Schachtel und steckte sie in die Öse am rostroten, breitkrempigen Hut.
Das Duftwasser tröpfelte er sparsam an den Hals. Das Geheimnis lag in der richtigen Menge, hatte das Weib des Conte gesagt. Zu viel davon stank zu penetrant, zu wenig war wirkungslos.
Zum Abschluss hängte Heinrich die Seitenwehr mit dem verzierten Degen um. Er wusste um die Wirkung seines Auftretens. Der Kurfürst und seine Gemahlin würden beeindruckt sein.
Die Luft war noch kühl, als Heinrich eine halbe Stunde später durch die Gassen hinauf zum Schloss ritt. Trotz des frühen Morgens herrschte bereits emsiges Treiben. Es wimmelte von Handwerkern, Dienern, Fuhrleuten und Gärtnern, die alle zum Schloss eilten. Vor der herabgelassenen Zugbrücke zweigte ein breiter Weg ab in die Gartenanlage, in die fast das gesamte Gesindel verschwand.
Heinrich ritt auf die Zugbrücke zu. Zwei Wachsoldaten mit Hellebarden versperrten den Durchgang.
»Wohin des Weges, edler Herr?«
»Zum Pfalzgrafen. Ich habe etwas für ihn.«
»Hat der Herr eine Audienz?«
»Nein. Aber ich bin Graf Heinrich von Hohenfels. Und jetzt lasst mich durch.«
»Wir müssen den werten Herrn Grafen erst anmelden.«
Der eine Wachsoldat winkte einen Knecht zu sich, flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Knecht nickte und rannte über die Zugbrücke zurück ins Schloss.
Neugierig schaute sich Heinrich um. Die gesamte östliche Seite und der riesige Garten dahinter waren eine einzige Baustelle. Männer gaben lautstark Kommandos, ein vorgespannter Ochse brüllte im Protest, als die Peitsche knallte, zwei gut gekleidete Herren stolzierten eitel über aufgeschüttete Erde und waren bemüht, ihre Stiefel sauber zu halten.
Endlich kam der Knecht zurück, begleitet von einem alten Mann mit einer fetten Warze auf der Wange.
»Graf von Hohenfels?«
Heinrich nickte lächelnd. Der Warzenbursche zog seinen schwarzen Dreieckshut und deutete eine Verbeugung an.
»Hochgeschätzter Herr Graf, ich bin des Kurfürsten Kammerdiener im äußeren Dienst. Wie kann ich Euch helfen?«
»Ich benötige eine Audienz beim Kurfürsten.«
»Darf ich erfahren, in welchem Verhältnis der Herr Graf zum Kurfürsten steht?«
Heinrich zögerte. Auf diese Frage war er nicht vorbereitet. Er beugte sich aus dem Sattel ein Stück nach unten. »Ich habe ein Geschenk für ihn.«
»Darf ich mich erkühnen, die Annahme zu äußern, dass der gnädige Kurfürst von Euch keine Kunde hat?«
»Deine Annahme könnte richtig sein, Kammerdiener. Sag dem gnädigen Kurfürsten, dass ich ein wertvolles Geschenk für ihn habe.«
»Darf ich erfahren, worum es sich dabei handelt?«
»Nein.«
»Edler Graf von Hohenfels, unglücklicherweise habe ich die Order, niemanden vorzulassen, wenn ich das Anliegen nicht kenne.«
Seinen erwachenden Zorn tarnte Heinrich hinter seinem Lächeln.
»Habt Ihr mich nicht verstanden?«, fragte er fordernd. »Es geht um ein Geschenk für Kurfürst Friedrich.«
»Werter Herr Graf, ich muss wissen, um was für ein Geschenk es sich handelt.«
»Mit Verlaub, Kammerdiener im äußeren Dienst, das geht dich einen Dreck an. Der Kurfürst wird von mir erfahren, was ich ihm schenke.«
»Tut mir leid, ehrenwerter Herr Graf. In dem Fall muss ich Euch abweisen.« Der Diener drehte sich um und ging davon.
Er wagt es, mir den Rücken zuzuwenden.
In einem ersten Impuls wollte Heinrich den Mistkerl niederreiten, doch die Wachsoldaten standen dazwischen.
»Ich biete dem Kurfürsten eine Söldnereinheit an«, rief Heinrich dem arroganten Drecksack hinterher. Der blieb stehen und drehte sich um.
»Für solche Angelegenheiten ist Oberstleutnant von Goldstein zuständig. Soll ich Euch zu ihm bringen?«
Verdammt. Es lief überhaupt nicht so, wie Heinrich sich das gedacht hatte.
»Ja, Kammerdiener, bring mich zum Oberstleutnant.«
Heinrich wollte seinen Hengst antreiben, doch die Wachsoldaten stellten sich in den Weg, hielten ihm die Hellebarden entgegen.
»Der Herr Graf muss wissen, dass niemand im Schloss im Sattel sitzen darf«, rief der Kammerdiener. Mit dem Gefühl der Demütigung stieg Heinrich ab. Der Warzenmann winkte ihn zu sich. Heinrich zögerte. Es war zutiefst beleidigend, wie ein Leibeigener behandelt zu werden, insbesondere von einem Angehörigen des niederen Standes.
»Will der werte Herr Graf nicht kommen?«
Irgendwann ergibt sich die Gelegenheit, dir deine Frechheiten auszutreiben.
Heinrichs Lächeln war nun echt.
Sein Pferd am Zügel führend, passierte er zwei Falltore und kam in den Innenhof, der so groß war, dass man ohne Platzprobleme Reiterspiele wie Ringstechen oder Schweifrennen hätte veranstalten können. Wie jämmerlich und klein doch der eigene Burghof im Vergleich dazu war.
Knechte, Mägde und Diener eilten geschäftig umher. Vier edel gekleidete Weiber spielten mit halbwüchsigen Kindern. Mit Holzkeulen versuchten sie, einen kleinen Lederball zwischen zwei Stangen zu schlagen. Sie lachten und kicherten dabei.
Mehrere Gärtner stutzten Zierblumen und unbekannte Büsche. An drei Seiten ragten die Gebäudewände in schwindelerregende Höhe. Fünf Stockwerke zählte Heinrich. Wie viele Zimmer es in diesem Schloss wohl gab? Es mussten weit über einhundert sein.
An der einen Wand waren lebensgroße Figuren aus Sandstein in die Mauer gesetzt. Irgendwelche mythischen Helden und römische Kaiser, wie Heinrich vermutete.
Ein Stallbursche eilte herbei, nahm ihm die Zügel ab und band den Hengst an einer Querstange fest. Etwa ein Dutzend weiterer Pferde war dort bereits angebunden.
»Wenn der Herr Graf mir in den Ottheinrichsbau folgen wollen?«
Sie gingen in den Bau mit den Steinfiguren in der Fassade. Ihre Schritte hallten in dem langen und breiten Gang auf den glatten Sandsteinplatten. Die gewölbte Decke war reich verziert mit Ornamenten, buntes Licht fiel durch bleigefasste Butzenscheiben und erzeugte eine andächtige Stimmung. Zwischen den Fenstern standen weitere lebensgroße Statuen von Rittern und Adeligen. Gedämpft konnte Heinrich das Kichern der Weiber und Kinder hören. Es war warm und trocken hier, kein kalter und pfeifender Luftzug wie zu Hause in der Burg.
Vor einer wuchtigen Flügeltür am Ende des Ganges hielt der Kammerdiener an.
»Wir sind da. Wenn der Herr Graf sich einen Augenblick gedulden möchte, ich melde ihn an.« Der Diener warf einen verächtlichen Blick auf Heinrich, öffnete leise die Tür, die doppelt so hoch war wie ein Mann, und verschwand dahinter.
Irgendwann krieg ich dich.
Gelangweilt betrachtete Heinrich die Ölporträts vergangener Herrscher an der Wand. Auch in Vaters Burg hatte es ein paar Ölgemälde gegeben, doch die hatte Vater an einen Juden verkauft.
Flüsternde Stimmen waren hinter Türen zu hören. Zwei Diener huschten vorbei, zogen ihre Hüte zum Gruß und beugten demütig ihre Köpfe. Heinrich beachtete sie nicht.
Die wuchtige Tür wurde geöffnet, der Warzenmann nickte ihm zu.
»Der Oberstleutnant erwartet den Grafen von Hohenfels.«
Heinrich betrat einen großen Raum, erhellt durch die kräftige Morgensonne. Ein älterer Mann stand mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor einem der Fenster und drehte sich zu Heinrich.
»Guten Morgen, Graf von Hohenfels. Ich bin Oberstleutnant Wilhelm von Goldstein. Wie kann ich Euch helfen?«
»Ich kann Euch helfen, Herr Oberstleutnant.« Heinrich zeigte sein Überzeugungslächeln.
»Ach ja? Und wie?«
»Zwei Dutzend zu allem entschlossene Soldaten, Herr Oberstleutnant.«
Der Offizier zog die Augenbrauen hoch. »Ich verstehe nicht.«
»Ich stelle für die protestantische Union vierundzwanzig Söldner zur Verfügung. Ein Teil von ihnen hat bereits Kampferfahrung. Alle sind gut ausgebildet. Drill mit Muskete, Radschlosspistole, mit Hieb- und Stichwaffe.« Heinrich war sich seiner Sache sicher. Niemand würde ein solches Angebot ausschlagen.
Der Oberstleutnant atmete tief durch, sein Gesicht wirkte ausdruckslos. Warum gab er keine Antwort?
Der alte Sack überlegt, mich dem Kurfürsten vorzustellen.
Noch immer hielt Goldstein seine Hände auf dem Rücken verschränkt, so wie alte Männer das oft machten.
»Junger Graf, ich bewundere Eure Loyalität für unsere Sache. Doch wir können Euer großzügiges Angebot nicht annehmen.«
»Ich habe in Italien zwei Jahre lang Offizierswesen und Kriegstaktik studiert und trotz meines jungen Alters von zwanzig Jahren habe ich absolute Autorität über meine Soldaten.«
»Darum geht es nicht, Herr Graf.«
Heinrich starrte den Offizier entgeistert an. »Das … das verstehe ich nicht. Es werden doch Soldaten gebraucht.«
»Die Situation hat sich geändert.«
»Aber meine Männer sind mir treu ergeben und zu allem bereit. Sie folgen mir in den Tod, wenn es sein muss.«
»Auch darum geht es nicht, Graf Heinrich.«
»Was ist mit dem Kriegsherrn Graf von Mansfeld? Er braucht doch bestimmt Soldaten.«
»Nicht mehr. Die Spanier sind aus Vercelli abgezogen. Damit sind alle Bedingungen für den Frieden von Madrid erfüllt.«
»Es ist doch immer irgendwo Krieg.«
»Nein, junger Graf.« Der Oberstleutnant klang traurig. »Es gibt zurzeit keine Verwendung für Soldaten. Mansfeld wird sein Regiment auflösen. Frieden ist lästig, wie Ihr jetzt am eigenen Leibe erfahrt.«
Heinrich war wütend und maßlos enttäuscht.Vater erschlägt mich.
Nach knapper Verabschiedung eilte er hinaus durch den Gang, hinaus aus dem Ottheinrichsbau, nahm sein Pferd, hinaus aus dem Schlosshof, durch die Falltore, hinaus aus dem Schloss.
Mit aller Kraft rammte er die Sporen in die Flanken seines Pferdes und riss gleichzeitig an den Zügeln. Das Pferd bäumte sich auf, wollte zur Seite ausbrechen. Mit Gewalt hielt Heinrich das Vieh unter Kontrolle. Die Bürger und Handwerker auf der Straße glotzten ihn blöd an. Am liebsten hätte er sie alle niedergeritten.
Im Galopp preschte er auf der Holzbrücke über den Neckar. Passanten sprangen erschrocken zur Seite.
*
Bis Heinrich in Handschuhsheim ankam, war sein Hengst nassgeschwitzt.
»Moritz! Sattle dein Pferd. Wir reiten aus. Es gibt Dinge zu besprechen.«
Kurz darauf folgten sie im Schritt einem einsamen Waldpfad.
»Der Kurfürst braucht keine Soldaten«, sagte Heinrich. »Es herrscht Frieden mit den Spaniern. Nirgends gibt es Krieg. Frieden ist zum Kotzen.«
Moritz schaute ihn verwundert an. »Ich dachte, es werden immer Soldaten gebraucht. Was ist mit dem Aufstand in Böhmen?«
»In Böhmen gab es schon immer Ärger. Ist nichts Neues.«
»Dieses Mal ist es schlimmer. Einige katholische Statthalter wurden in Prag aus dem Fenster geworfen. Die Nachricht hat sich sturmartig im ganzen Land verbreitet. Der König lässt sich das bestimmt nicht gefallen.«
»Nur, weil ein paar Höflinge aus dem Fenster fliegen, fängt niemand einen Krieg an.«
»Der Zwischenfall war nur der Beginn. Die Protestanten haben die Katholiken aus den wichtigen Ämtern vertrieben, ihr Land und Vermögen eingezogen. König Ferdinand wurde bis auf die Knochen blamiert, und damit die Habsburger Dynastie und die gesamte katholische Welt. König Ferdinand treibt mit aller Gewalt die Rekatholisierung in Böhmen voran. Nun hat er einen triftigen Grund, einzugreifen, und ohne Hilfe kann Böhmen nicht gegen die Habsburger bestehen.«
»Aber wenn Böhmen militärische Unterstützung braucht, warum mustert Mansfeld dann sein Regiment ab? Der pfälzische Kurfürst ist der Anführer der protestantischen Union. Müssen die sich im Notfall nicht gegenseitig mit Soldaten und Geld unterstützen?«
»Die Böhmen sind nicht in der Union und ich nehme an, sie bieten Mansfeld nicht genug Geld.«
»Dann müssen die Böhmen die Suppe alleine auslöffeln? Keine Anwerbungen für Soldaten und Offiziere? Keine Karriere für mich als Offizier?«
Moritz zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
»Keine Ahnung? Jetzt, da alles auf dem Spiel steht, hast du keine Ahnung? Was bist du nur für ein lausiger Berater?«
»Mit Verlaub, Heinrich. Was steht auf dem Spiel?«
»Alles, verdammt noch mal. Einfach alles.«
»Du willst Offizier werden, doch das wird vorerst nichts. Wir könnten zurück in die Grafschaft reiten und abwarten. Frieden dauert nie lange.«
»Ich kann nicht mit leeren Händen zurückkehren.«
Moritz hielt sein Pferd an. »Mit allem Respekt, Graf Heinrich von Hohenfels. Wenn ich dich richtig beraten soll, muss ich wissen, warum wir nicht zurückreiten können.«
»Du kennst doch meinen Vater«, sagte Heinrich verärgert.
Moritz nickte.
»Vor einer Woche hat er mir den Auftrag gegeben, Karriere beim Militär zu machen.«
»Aha. Und du willst ihn nicht enttäuschen?«
»Ich darf ihn nicht enttäuschen, weil alles davon abhängt. Die Grafschaft steckt tief in den Schulden. Wir brauchen das Geld.«
Moritz schüttelte erstaunt den Kopf. »Aber wie kann das sein? Solange ich noch Verwalter war, ging es der Grafschaft finanziell gut.«
»Weil der Rheingraf jedes Jahr viertausend Gulden geschickt hat. Das hörte auf, als Mutter starb. Seitdem rutscht die Grafschaft immer tiefer in die Schulden.«
»Aber erwirtschaftet sie nicht auch ohne die Unterstützung des Rheingrafen Gewinne? Der Abbau von Eisenerz war doch ertragreich.«
»Teile des Stollens sind eingestürzt. Fünf Tote. Der Stollen müsste aufwendig abgestützt werden. Doch es wird ohnehin kaum noch Eisenerz gefunden. Der Zehnt der Bauern reicht auch nicht mehr aus. Schlechte Ernten, sagt das Pack. Vater hat neue Steuern und Abgaben verhängt, doch die verfluchten Bauern wollen nicht zahlen. Selbst Folter und der Galgen helfen nicht. Vor einem Monat musste Vater fünftausend Gulden bei den Juden leihen. Zu Wucherzinsen! Und lang wird auch dieses Geld nicht reichen. Wenn nicht schnell etwas geschieht, müssen wir die Grafschaft mit allem, was dazugehört, weit unter Wert an die verdammten Juden verhökern.«
»Jetzt fange ich an, zu verstehen.«
»Vater erschlägt mich, wenn ich versage. Ich habe meine Schulden zu begleichen, sagt er. Zwei Jahre Italien haben zweitausend Gulden gekostet, und das holt mich jetzt ein.«
»Aber wie in Gottes Namen willst du bei der Armee so viel Geld auftreiben? Ein Leutnant bekommt nach meinem Wissen dreißig Gulden im Monat, ein Hauptmann vielleicht das Doppelte. Das reicht nicht einmal für die Zinsen.«
»Deswegen soll ich ja die Hälfte der Wachleute aus der Grafschaft mitnehmen. Und dich. Unnütze Fresser, sagt Vater. Er muss jeden Heller sparen und für die Soldaten kassiere ich zusätzlich Geld.«
»So schlimm steht es?«
»Noch schlimmer. Die Burg ist in einem katastrophalen Zustand. Die dringend nötigen Reparaturen würden noch mal mehrere tausend Gulden verschlingen.«
»Aber warum hast du mir nicht längst davon berichtet? Ich bin dein Berater und arbeite für dich. Vielleicht wäre mir etwas dazu eingefallen.«
»Weil ich es bis vor einer Woche selbst nicht wusste, du Blödmann. Der benötigte Betrag für Schuldenrückzahlung samt Wucherzinsen und Renovierungskosten wird zehntausend Gulden weit übersteigen.«
»Selbst wenn du vom Sold der Männer einen Teil einbehältst und den Beuteanteil beim Plündern einrechnest.«
»Ein Offiziersvertrag ist aber Bedingung für den Kredit. Wenn ich den nicht vorlegen kann, werden die Juden ihr Geld zurückverlangen. Deswegen darf ich nur zurückkommen, um die Männer aus der Grafschaft für den Kriegsdienst abzuholen und um Vater meinen Offiziersvertrag vorzulegen. Und nun erfahre ich, dass der Pfalzgraf keine Soldaten braucht.«
Moritz nickte. »Jetzt wird mir alles klar. Noch weiß ich nicht, wie wir das Problem lösen, doch mir wird schon noch etwas einfallen.«
»Na, hoffentlich bald.«
*
Zwei Tage später hatte Moritz noch immer keine Idee geliefert. Tagsüber trieb er sich in der Nähe vom Schloss herum. Um die Lage zu erkunden, wie er behauptete.
Heinrich ertrug es nicht länger, in der stinkigen Herberge herumzulungern. Auch er ritt in die Stadt und irrte planlos durch die Gassen. Auf dem Platz vor der Kirche boten Händler schreiend ihre Waren an. Es war später Nachmittag und der Markt war gut besucht, doch auch das bunte Treiben konnte die düsteren Gedanken nicht vertreiben. Zu allem Übel fing es auch noch an zu regnen. Zum Glück hatte sein Filzhut eine breite Krempe.
Heinrichs Gedanken passten zu den dunklen Wolken und dem Regen. Die Vorstellung, als Versager zurückzukommen, war unerträglich. Vaters Tobsuchtsanfälle waren in der ganzen Grafschaft gefürchtet und hatten schon einigen Leibeigenen das Leben gekostet. Sogar vor der eigenen Verwandtschaft machte Vater nicht halt, wie der plötzliche Tod von Oheim Sebastian eindrucksvoll gezeigt hatte. Mutters tödlicher Sturz vom Turm war offiziell ein Unfall. Heinrich hatte keinen Zweifel daran, was wirklich vorgefallen war.
Er neigte den Kopf nach vorn, damit das angesammelte Regenwasser aus der Hutkrempe ablaufen konnte. Als er wieder aufblickte, entdeckte er keine zwanzig Schritte entfernt eine bekannte Gestalt. Trotz des hochgezogenen Mantelkragens war die widerliche Warze auf der Wange gut zu erkennen.
Der arrogante Kammerdiener vom Schloss steckte nun in bürgerlicher Kleidung, hatte einen Korb in der Hand, war wohl zum Einkaufen auf dem Markt.
Er hat mich nicht gesehen. So soll es auch bleiben.
Heinrich band sein Pferd an einem Eisenring neben der Kirche fest und folgte dem Diener. Er hatte keinen konkreten Grund, wollte ihn einfach nur beobachten und seinen Hass nähren.
Nach kurzer Zeit verschwand der Warzenmann in einer engen Gasse. Heinrich folgte ihm.
Der Mann bog nach rechts ab und durchschritt einen kleinen Torbogen. Als Heinrich dort ankam, stand der Diener keine vier Schritte entfernt vor einer Tür, die er gerade aufschloss. Schlagartig erwachte die Rachelust. Heinrich musste sich sofort entscheiden. Entweder davonlaufen, doch dann würde der Diener – sollte er sich umdrehen – Heinrich erkennen. Das wäre erniedrigend. Oder …
Er sieht mich noch immer nicht.
Heinrich riss den Dolch aus der Scheide, stürmte nach vorn, packte den Warzenmann an den Haaren und presste das Gesicht mit ganzer Kraft gegen die Tür.
»Was …?« Weiter kam der Diener nicht. Heinrich knallte ihm den angespitzten Knauf seines Dolches gegen die Schläfe, einmal, zweimal. Der Warzenmann sackte zu Boden. Die Augen sonderbar verdreht, anscheinend bewusstlos. Hektisch sah sich Heinrich um. Niemand sonst zu sehen. Mit voller Wucht rammte er dem Diener den Metallknauf mehrmals ins Gesicht. Knochen knackten, die Schneidezähne splitterten. Keine Klinge. Nicht der Tod war das Ziel. Tote spürten nichts mehr. Keinen Schmerz, keine Schande. Der Diener sollte für den Rest seiner Tage leiden. Und Heinrich brauchte das befriedigende Gefühl der Rache.
Das hast du davon, du arrogantes Arschloch.
Von innen machte sich jemand an der Tür zu schaffen. Heinrich eilte schleunigst davon. Als eine Frau laut aufschrie, war er schon um die Ecke gebogen. Kurz darauf band Heinrich sein Pferd los und ritt zufrieden lächelnd aus der Stadt.
Zurück in der Herberge zog er seine nassen Kleider aus und legte sich auf den Strohsack. Rache machte glücklich.
*
Einen weiteren Tag später stand Heinrich am Waldrand auf der Höhe, starrte trübsinnig hinunter zum Schloss. Das befriedigende Rachegefühl hatte nur kurz angehalten und noch immer wusste er nicht, wie er sein Problem lösen konnte.
Ein Reiter kam den Weg entlang. Es war Moritz.
»Endlich habe ich dich gefunden«, sagte er.
»Ich hoffe, du hast eine Lösung, sonst kannst du gleich wieder abhauen«, schimpfte Heinrich verärgert.
Moritz grinste. »Es tut sich was im Schloss. Außergewöhnlich viele Boten und Herrschaften spazieren ein und aus.«
»Und was nützt mir das?«
»Etwas Wichtiges geht da vor sich, wir sollten die Ursache herausfinden.«
»Warum bist du nicht ins Schloss rein und hast es herausgefunden?«
»Die Wachsoldaten lassen niemanden ohne Anmeldung rein.«
»Dann lauern wir eben einem der Boten auf und kitzeln die Informationen aus ihm heraus.«
»Das bringt nicht viel. Wenn überhaupt, kennt ein Bote nur einzelne Nachrichten. Wir sollten aber über alles Bescheid wissen, was da vor sich geht. Lass uns lieber versuchen, verschiedene Quellen anzuzapfen.«
»Spione? Bestechung?«
Moritz schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe eine bessere Idee.«
Während Moritz seinen Plan erläuterte, keimte Hoffnung in Heinrich. Er klopfte seinem Berater auf die Schulter. »Genauso machen wir’s.«
Eine unmögliche Entscheidung
Pilsen, 3. März 1619
Pfarrer Allendorfer hatte nachvollziehbar erklärt, wer für das entsetzliche Leid auf Erden verantwortlich war. Alles, was er über Hexen gesagt hatte, hörte sich logisch und schlüssig an. Doch auch Ahne Agatha hatte die Ursachen der schlimmen Ereignisse nachvollziehbar darlegen können. Auch ihre Erklärungen hatten sich logisch und schlüssig angehört. Aus unterschiedlichen Mündern konnte sich der gleiche Sachverhalt komplett unterschiedlich anhören. Wer sagte nun die Wahrheit?
Nach dem Gesetz der Logik musste Pfarrer Allendorfer recht haben, denn ein Pfarrer war gebildet, hatte Zugang zu vielen klugen Büchern und konnte auf über eintausendsechshundert Jahre geballtes, christliches Wissen zurückgreifen. Was wusste im Vergleich dazu schon eine alte Frau, die nicht lesen und schreiben konnte? Doch zumindest in einem Punkt musste sich der Pfarrer täuschen: Weder in Bachthal noch in der Wolffen-Familie gab es Hexen.
Warum ist es so schwierig, die Wahrheit zu erkennen?
Es war Jacob bewusst, dass er dummerweise die Aufmerksamkeit des Hexenjägers auf sein Dorf gelenkt hatte. Doch zum Glück war Bachthal weit weg.
Jetzt galt es vor allem, die Wahrheit hier in Pilsen herauszufinden. War sie tatsächlich eine Hexe? Das herauszufinden, war riskant und machte Jacob Angst. Er brauchte jedoch eine Antwort und hoffte, auf die Gefahr vorbereitet zu sein. Schon seit einer Stunde betete er immer wieder leise den Engelsgruß.
Das Herz pochte spürbar. Vor Annas Tür angekommen, zog er den hölzernen Verschluss aus dem Zinnröhrchen und besprenkelte sich mit Weihwasser, das er aus dem Steinbecken im Kloster abgefüllt hatte. Dann küsste er inbrünstig sein Holzkreuz, das er immer um den Hals trug.
Großer Gott, steh mir bei.
Er klopfte an die Tür.
»Wer da?«
»Jacob.«
Anna öffnete. Sie hatte eine dicke Decke um ihre Schultern gezogen. »Komm rein.«
Es war kalt in der Stube, kaum wärmer als draußen. Das Feuer auf der Kochstelle flackerte nur schwach.
Obwohl Tageslicht durch das kleine Fenster kam, war es schummerig in der Stube. Es reichte aber, um Einzelheiten zu erkennen.
Von der Decke hingen getrocknete Kräuter, kleine Tontöpfchen reihten sich auf den Regalen, Schalen, Stößel … solche und ähnliche Dinge hatte Jacob oft genug auch bei seiner Ahne und bei Hebamme Hildegard gesehen. Es war also kein eindeutiges Indiz.
»Du brauchst Brennholz«, erkannte er.
»Ich brauche so vieles.«
»Hier.« Jacob zog einen dicken Schinken aus dem Leinensack.
Sie starrte ihn mit großen Augen an. Jacob holte auch Würste und einen Laib Brot hervor und einen kleinen Sack Holzkohle aus der Schmiede. »Woher hast du das?«
»Als Schreiber habe ich so meine Möglichkeiten.«
»Ich stehe tief in deiner Schuld.«
Er beobachtete sie genau, während sie Brot und Schinken aufschnitt.
Wie verhält sich eine Hexe?
»Stühle und Tisch sind leider schon verfeuert«, sagte Anna und deutete auf die Decke am Boden in der Ecke. »Wir setzen uns dahin.«
»Erzählst du mir deine Geschichte?«, fragte sie, während sie kaute.
»Was willst du hören?«
»Woher kommst du? Was hat dich nach Pilsen verschlagen? Solche Sachen eben.«
»Na gut. Aber erzählst du im Gegenzug auch deine?«
Sie nickte und Jacob erzählte. Sie hörte aufmerksam zu, stellte gelegentlich Fragen, schnitt zwischendurch weitere kleine Stücke vom Schinken ab.
Es tat gut, sich alles von der Seele zu reden. Und obwohl er sie kaum kannte, erzählte er ihr sogar von seinen Racheplänen. Sie strahlte Vertrauen aus. Ob das mit Hexerei zu tun hatte? Hatte sie bereits einen Schadenszauber über ihn gelegt?
Aufpassen!
»Und nun folge ich meiner gottgegebenen Bestimmung«, schloss er. »Ich bleibe nur in der Armee, damit ich den Tod meiner Familie rächen kann.«
»Dein Plan hört sich nicht einfach an.«
»Ich weiß, es klingt lächerlich. Was soll ein Bauernbursche da schon ausrichten? Doch Gott hat mich für die heilige Rache auserwählt und ich werde ihn nicht enttäuschen.«
»Ich bin beeindruckt von deiner Klugheit und von deinem Mut, aber eines verstehe ich nicht. Du willst töten, doch du willst auch Pfarrer werden. Wie passt das zusammen?«
»Gott hat mir den Auftrag gegeben. Deswegen passt es zusammen.«
»Hat er mit dir geredet?«
»Ja. Auf seine Art.«
»Was ist seine Art?«
»Taten, Anna. Gott spricht durch seine Taten.« Jacob erzählte von dem Vorfall beim Schanzen. »Kein Mensch hätte einen solchen Kugelhagel überleben können.«
»Du warst das?«, fragte sie erstaunt.
»Du hast davon gehört?«
»Es geht das Gerücht in Pilsen um, dass einer der Mansfelder ein Zauberer sei, weil die Kugeln einen Bogen um ihn machen. Du bist also der Zauberer.«
Jacob lachte. »Es war der Zauber Gottes, der die Kugeln um mich herum gelenkt hat.«
»Was wäre passiert, wenn Gott dir nicht den Auftrag gegeben hätte?«
»Dann wäre ich jetzt im Himmelreich bei meiner Familie.«
»Und dass Gott dich am Leben gelassen hat, ist für dich ein Zeichen, dass du die Rache ausführen sollst?«
»Nicht ganz. Es war nur das Zeichen, dass er noch Pläne mit mir hat. Dass ich Rache üben soll, hat er mir auf andere Art gesagt.«
Jacob erzählte von dem Gewitter, dem Blitz, der in die eiserne Fahnenstange gefahren und einen der Hohenfelser getötet hatte, von den Sonnenstrahlen, die als Antwort sein Herz erwärmt hatten.
»Und du glaubst wirklich, dass du zwanzig oder mehr kampferprobte Männer töten kannst?«
»Wahrscheinlich nicht, auch wenn Gott mir beisteht. Ich habe es schon ein paarmal versucht, doch im letzten Moment hat mich immer der Mut verlassen.«
»Versucht, zu töten?«
Jacob nickte und seufzte frustriert. »Ich schaff’s nicht alleine.«
Er erzählte von Ulrich, der jetzt für mehrere Wochen weg war.
Anna nickte und kaute stumm den Schinken. Eine peinliche Stille entstand, Jacob räusperte sich und erinnerte sich an den eigentlichen Zweck seines Besuches. »Willst du mir nun von dir erzählen?«
»Na gut. Aber ich mache es kurz.« Sie stand auf, legte Holzkohle nach, blies die Glut an und setzte sich wieder neben Jacob.
»Vor einem Jahr bin ich mit Mutter aus Hanau geflohen. Sie war Hebamme.«
Oh Gott! Ihre Mutter war die Hexe! Dann ist Anna auch …
Mit Entsetzen erinnerte sich Jacob an die Worte von Pfarrer Allendorfer. Die Tür war etwa fünf Schritte entfernt – ein schneller Spurt, und er wäre gerettet. Er tastete nach seinem Kreuz, das er unter dem Hemd trug.
»Es wurde gefährlich für Frauen in Hanau«, sagte Anna. »Viele wurden hochnotpeinlich befragt und verbrannt. Angeblich alles Hexen. Meine Mutter …« Anna schniefte, wischte ihre zotteligen Haare aus dem Gesicht. »Meine Mutter hatte einer Frau bei einer schweren Geburt geholfen. Das Ungeborene lag quer, eine fast hoffnungslose Sache. Ich war wie immer dabei, sie hat mich angelernt, hat mir gezeigt, wie man die Lage des Kindes im Leib erfühlt. Sie wollte es von außen drehen. Kräftig auf den Bauch drücken und so, doch der Ehemann, dieser widerliche Mistkerl, hat es verboten. Auch den Einsatz des Wendestäbchens hat er untersagt.«
»Wendestäbchen?«
»Ein Stab mit einer Schlaufe dran. Man führt ihn in den Unterleib ein und legt die Schlaufe um ein Bein des Ungeborenen. Dann kann man es drehen. Aber das durfte meine Mutter ja nicht. Zuerst ist das Kind im Mutterleib gestorben, und dann die Gebärende, unter schlimmen Schmerzen. Meine Mutter hatte noch versucht, die Frau zu retten, indem sie das tote Kind aus ihr rausholt, aber der Ehemann hat sie geschlagen, uns vom Hof gejagt und wegen Schadenzauber beim Pfaffen gemeldet. Zum Glück hat ein Freund uns gewarnt. Hals über Kopf sind wir geflohen.«
Jacob erkannte schon wieder, dass eine Geschichte zwei Seiten haben konnte. Eine wahre und eine falsche. Doch welche war die wahre?
»Konnte dein Vater euch nicht schützen?«
»Gestorben, schon vor Jahren. Hat sich im Wald verletzt und ist verblutet. Ich war dabei, konnte es nicht verhindern. Mutter und ich waren also schon lange auf uns allein gestellt. Eine Witwe, noch dazu eine Hebamme, ist in den Augen der Kirche besonders verdächtig. Nach der Flucht sind wir hierhergezogen. In Böhmen gab es kaum Hexenverfolgungen, und Hebammen werden gebraucht. Uns wurde dieses Häuschen angeboten und wir haben angenommen. Ein schlimmer Fehler.«
»Warum?«
Anna schnaufte tief durch. »Wir konnten ja nicht ahnen, dass dieser Bamberger Pfaffe hierherkommt. Ein halbes Jahr ist das her. Er sei im Auftrag Jesu Christi unterwegs und es sei seine Mission, Hexen zu jagen, hat er gesagt. Die verfluchten Pfaffen fürchten kluge Frauen, vor allem, wenn die sich mit der Natur- und Heilkunde auskennen. Sie pfuschen in Gottes Werk, sagt der verfluchte Pfaffe.« Sie schniefte und wischte sich mit dem Handrücken Rotz von der Nase.
»Du musst nicht weitererzählen«, sagte Jacob.
»Die Geschichte ist ohnehin fast zu Ende. Also: Es dauerte nicht lange, und Mutter sah sich wieder des Schadenzaubers angeklagt. Diesmal erfuhren wir zu spät davon. Sie wurde abgeholt zur hochnotpeinlichen Befragung. Weißt du, was das bedeutet?«
Jacob erinnerte sich an die Hexenbrennung in Würzburg. Die beiden Frauen waren schlimm zugerichtet gewesen, noch bevor sie auf den Scheiterhaufen gekommen waren.
»Mutter wollte sich der Probe unterziehen. Freiwillig. Sie war bereit, den Beweis ihrer Unschuld mit ihrer Gesundheit zu bezahlen.«
»Welche Probe?«
»Glühendes Eisen mit den blanken Händen festpacken oder kochendes Wasser trinken. Die bescheuerte Kirche glaubt, dass nur eine Hexe so etwas unbeschadet überstehen würde. Schlimme Verletzungen wären also der Beweis der Unschuld. Doch Mutters Bitte wurde abgelehnt, weil angeblich nur eine wirkliche Hexe so eine Probe anfordern würde.«
Anna atmete stockend und wischte sich Tränen von der Wange. »Den Kopf haben sie ihr kahl geschoren, den ganzen Körper blank rasiert, nach Hexenmalen gesucht. Dann kam die hochnotpeinliche Befragung. Streckbank, Nadelprobe, Feuereisen und solche schrecklichen Dinge. Ein Knecht, der dabei war, hat es mir berichtet. Ich war jeden Tag vor dem Gefängnis, aber sie haben mich nicht reingelassen. Ihre Schreie habe ich aus dem Folterkeller gehört. Nie werde ich das vergessen. Sie wurde verurteilt.«
Anna schluchzte auf. Ihre Schultern zuckten. Ohne zu überlegen, legte Jacob tröstend den Arm um ihre Schulter, so wie er das bei seiner Schwester oder Sofie getan hätte.
»Wann war das?«
»Vor etwa vier Monaten.«
»Also während der Belagerung?«
Anna nickte. »Der Stadthauptmann Felix Dornheim hatte die Hexenbrennung verboten. Doch der verfluchte Pfaffe hat die Ratsherren hinter seinem Rücken überredet. Angeblich, weil man die Belagerung und eine Erstürmung abwendet, wenn die Hexen erst mal weg sind. Meine Mutter sah fürchterlich aus, als sie auf den Scheiterhaufen gebunden wurde. Ich habe sie fast nicht mehr erkannt.« Anna schluchzte. »Ich konnte … konnte auch Vater nicht retten, weil ich nicht wusste, wie die Blutung zu stoppen war. Und Mutter … Ich hätte sie überreden müssen, rechtzeitig aus Pilsen zu verschwinden. Ich habe versagt. Bei Vater und nun auch bei Mutter.« Sie weinte herzerweichend.
Aufpassen! Hexen verstellen sich.
Jacob zog den Arm wieder weg. Er musste auf Distanz bleiben. Sie schnäuzte in ein Tuch. »Mutter … war eine wunderbare Frau. Hat immer allen geholfen.«
So wie meine Familie.
Für eine Weile sagten beide kein Wort. Annas Tränen versiegten allmählich. Sie wischte ihre Tränen ab und putzte sich erneut die Nase.
Ich muss endlich Gewissheit haben.
»Die Hexen«, sagte Jacob, »werden verantwortlich gemacht für das schlimme Wetter, die Toten, das Leid, den Krieg. All das.«
»Stimmt.« Anna richtete sich auf. »Aber nicht nur die Hexen, sondern auch die Hexer. Auch Männer stehen mit dem Teufel im Bunde. Und weißt du, wie Hexer auch noch genannt werden?«
»Ja klar. Drudner oder Zauberer.«
Anna schaute erstaunt auf. »Oh, Zauberer! So wie du. Die ganze Stadt hat davon geredet. Es waren ja eindeutige Zeichen des Teufels.«
»Es waren Zeichen von Gott!«, rief Jacob empört.
»Wirklich? Ich glaube dir nicht, denn jeder, der mit dem Teufel im Bunde steht, lügt.«
»Wie kannst du nur so eine Ungeheuerlichkeit behaupten?«
»Kein Mensch kann solch einen Kugelhagel überleben, hast du selbst gesagt. Folglich stehst du mit dem Teufel im Bunde. Ich muss dich melden.«
Entsetzt sprang Jacob auf. »Was erzählst du da für einen Mist! Ich bin kein Zauberer. Würden die Leute glauben, dass ich mit dem Teufel im Bunde stehe, hätten sie mich doch längst verhaftet.«
»Bei den protestantischen Soldaten ist der Hexenwahn nicht so verbreitet, und Männer können sich ohnehin viel mehr Freiheiten herausnehmen. Sie sind ja nicht so schwach wie das Weib. Richtig? Da hast du bisher Glück gehabt. Doch trotzdem stehst du mit dem Teufel im Bunde.«
»Ich stehe nicht mit …«
»Ja. Ja. Ich hab’s kapiert und ich glaube dir. Setz dich wieder, du starker Mann.«
»Hör auf, mich zu beleidigen.«
Anna klopfte neben sich auf den Boden. »Komm schon. Ich wollte dir nur beweisen, wie schnell man unschuldig unter Anklage kommen kann.«
Verärgert ließ sich Jacob wieder neben sie plumpsen.
»Die verfluchten Pfaffen«, sagte Anna, »basteln sich nach ihrem krankhaften Weltbild Erklärungen zusammen und suchen Schuldige für das Elend. Dabei kann niemand etwas für das schlechte Wetter. Und Seuchen gibt es, seit es Menschen gibt. Zudem treten sie immer auf, wenn das Wetter lange Zeit schlecht war.«
Ahne Agatha und Mutter hatten Ähnliches gesagt.
»Die Kirche sieht sich in ihrer Macht beschnitten, wenn Frauen mit den Kräften der Natur den Menschen helfen.« Annas Stimme klang nun wütend. »Die Menschen sterben, während die fetten Pfaffen im Luxus leben. Sie kassieren Ablass und behaupten, dass damit die Sünden vergeben sind. Sie versprechen und drohen, zeigen mit dem Finger auf Unschuldige, erklären andere verantwortlich für das Unglück. Sie sind verdammte Verbrecher.«
»Hör auf mit der Blasphemie!«, schimpfte Jacob.
Anna nickte, beruhigte sich wieder. »Ja, ja. Schon gut. Aber kannst du nicht verstehen, dass ich wütend bin?«
Jacob wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
»Und schau dir im Gegensatz dazu die heilkundigen Frauen an! Die reden nicht lang herum, sondern helfen den Menschen. Die Kirche sieht sie als Konkurrenz, und deshalb werden sie verfolgt und verbrannt.«
»Doch auch die Kirche tut Gutes«, sagte Jacob. »Sie baut Spitäler, hilft den Armen und vieles mehr.«
Anna winkte traurig ab. »Ja, ich weiß. Vielleicht sind nicht alle Pfaffen schlecht. Du wärst ein Guter, davon bin ich überzeugt.«
»Willst du auch Hebamme werden, wie deine Mutter?«
»Oh ja. Ich habe viel von ihr gelernt, könnte alleine als Hebamme arbeiten.«
»Auch auf die Gefahr hin, dass du dann der Hexerei beschuldigt wirst?«
Anna zuckte mit ihren schmalen Schultern. »Ich hoffe, ich wäre stark genug dazu.«
»Kannst du allen Menschen helfen? Also nicht nur Müttern und Kleinkindern?«
»Ich kann Wunden heilen, kenne Mittel gegen Gicht, Aussatz, Hauptweh, Fieber, Bauchschmerzen, Pest und vieles mehr. Hab ich von Mutter gelernt. Dort auf den Regalen sind Tinkturen, Salben, Kräuter und Wurzelelixiere.«
Anna stand auf und zeigte auf verschiedene Tiegel, Töpfe und Ledersäckchen.
»Weidenrinde, Rose, Beinwell, Ringelblumensalbe, Beifuß, Bibernelle, Heilziest …« Sie lächelte nun. Dieses Gesicht gefiel Jacob viel besser als das wütende.
»Und was kannst du damit machen?«
»Oje. Vieles.« Sie deutete auf einige Säckchen und Tiegel. »Hiermit kann ich Rotlauf oder Wundbrand, Grind, Durchfall und Blutauswurf behandeln. Und hier liegen Schienen und Verbände zur Heilung von Arm- und Beinbrüchen. Das hier sind Pulver und Salben gegen Quetschungen, Verstauchungen, Verbrennungen …«
»Du kennst dich wirklich gut aus.«
»Ich weiß auch, zu welcher Jahreszeit und zu welcher Mondzeit die Pflanzen gesammelt werden müssen. Nur so entfalten sie ihre volle Wirkkraft, und ich …« sie stockte.
»Ja?«
»Ich kann mich auch selbst behandeln. Dafür sorgen, dass ich nicht schwanger werde, wenn der Quartiermeister kommt.«
»Der Quartiermeister wird nicht mehr kommen.«
»Hast du eine Ahnung. Er ist schon überfällig.«
»Dein Haus ist mit Quartier belegt.«
»Mit wem?«, rief sie entrüstet.
»Mit mir.«
»Wie kannst du …?«
»Ich habe meinem Feldzeugmeister erklärt, dass ich in der Schmiede meine Arbeit als Schreiber nicht machen kann, weil es dort immer so laut ist. Dein Haus ist prima geeignet, hab ich gesagt, und der Feldzeugmeister hat zugestimmt.«
»Vergiss es! Du ziehst hier nicht ein.«
»Das ist auch nicht meine Absicht.«
»Was? Du verwirrst mich.«
»Ich wohne nach wie vor beim Schmied zusammen mit dem Artilleriestab. Für ein paar Stunden am Tag bin ich jedoch offiziell hier. Um Briefe abzuschreiben und so ein Zeug. Der Feldzeugmeister hat einen Quartierantrag gestellt und einem Feldzeugmeister schlägt man solch einen Antrag nicht ab. Dein Haus ist für alle Einquartierungen blockiert. Nun wird dich niemand mehr erpressen.«
Jacob lächelte. Es fühlte sich gut an, Gutes zu tun.
»Du meinst also …«, fragte Anna zögerlich, »der Quartiermeister kommt nicht mehr?«
»Er wurde informiert und wird es nicht wagen, den Befehl eines Feldzeugmeisters infrage zu stellen.«
»Und du bist sicher, dass ich jetzt meine Ruhe habe?« Zweifel in ihrer Stimme.
»Der Quartiermeister wird nicht mehr hier auftauchen. Doch es gibt eine andere Gefahr für dich.«
Jacob erzählte von dem Gespräch mit Pfarrer Allendorfer und davon, dass der Pfarrer nur auf eine Gelegenheit wartete, auch Anna hochnotpeinlich zu verhören.
»Ich weiß«, sagte sie niedergeschlagen. »Zwar hat General Mansfeld Hexenverfolgungen verboten, doch auch bei Mutter war es so und trotzdem wurde sie getötet.«
»Wir werden verhindern, dass so etwas noch mal passiert.«
Sie schnaufte tief durch. »Glaubst du, dass ich eine Hexe bin? Oder dass meine Mutter eine war?«
Jacob dachte an seine Familie. Anna war wie seine Schwestern …
