Sie ahnt nicht, dass der hochintelligente Psychopath Igor Poljakow grenzenlosen Hass auf sie hat.
Sie ahnt ebenso wenig, dass er Jagd auf sie macht und die dunkle Seele seines Wahnsinns nach ihr greift.
Der Pilot Jens Bachmann, den die Journalistin Hanna Engels liebt, ist wegen mehrfachen bestialischen Mordes verhaftet worden. Für sie scheint keine Gefahr mehr zu bestehen. Doch im zweiten und abschließenden Band des Zweiteilers „Herzschlag des Bösen“ von Matthias Soeder kommt es zur letzten Begegnung zwischen Igor und Hanna – fesselnd und atemberaubend steuert die Geschichte auf einen spektakulären Showdown zu. Ein Thriller für Fans echter und harter Gänsehautspannung.
Taschenbuch
288 Seiten
MainBook-Verlag
Juli 2021
ISBN-10: 3948987467
ISBN-13: 978-3948987466
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Leseproben
Frankfurt, 27. Juni2014
Prolog
Igors Geist schlug Alarm. Verwirrt zog er die Decke zur Seite,
stand auf, orientierte sich in der Dunkelheit. Es musste schon
weit nach Mitternacht sein. Langsam, die Hände tastend nach
vorne gestreckt, lief er zum Fenster.
Neumond, es war stockfinster. Einige Wolken am Himmel,
doch die Sterne waren gut zu erkennen. Es waren die gleichen,
die er auch vor 400 Jahren durch das vergitterte winzige Ker-
kerfenster gesehen hatte.
Warum waren plötzlich diese verfluchten Zweifel erwacht?
Es lief doch alles nach Plan: die perfekte Überwachung, die
Morde, die Täuschung, die Liebesgefühle der Nonne und nun
die Verhaftung ihres Liebsten. Auch für das Finale war alles bis
ins kleinste Detail vorbereitet: der Foltertisch, die Instrumente,
Medikamente, Weihrauch, alles da. Damit es wegen des Blut-
verlustes nicht zum Organversagen kommen konnte, wartete
bereits die Blutspenderin im Käfig auf ihren Einsatz. Sogar an
die Sauerstoffversorgung für eine künstliche Beatmung hatte
Igor gedacht. Wochenlang würde er Hanna Engels immer wie-
der an und über ihre Schmerzgrenze bringen, bis sie letztend-
lich den Abgang machte. Also warum zur Hölle waren da diese
verfluchten Zweifel?
Habe ich etwas übersehen?
War die Bestrafung der Nonne noch immer nicht ausrei-
chend? Doch wie konnte es eine Steigerung geben?
Während Igor grübelnd in den Nachthimmel starrte, erwach-
te der altbekannte Sog. Schwindel, Übelkeit. Igor torkelte zu-
rück zum Bett, legte sich hin und schloss die Augen. Sein
Herzschlag nahm Fahrt auf.
Eine weitere Zeitreise kündigte sich an. Der Sog wurde im-
mer stärker, bis er schließlich seine Seele mit brachialer Gewalt
aus dem Leib riss. Kosmische Unendlichkeit, Erleichterung,
Wohlbehagen, vollkommenes Glück, tiefe Zufriedenheit.8
Sein Geist war wieder zu Hause in der Seelenheimat. Das er-
lösende ‚Vergessen‘ erwachte zaghaft, umnebelte seine Erinne-
rungen. Doch wie üblich währte der Zwischenstopp im para-
diesischen Universum und das damit verbundene Glücksgefühl
viel zu kurz. Eine neue Kraft erwachte. Sie war vergleichbar mit
der Magnetkraft und bedeutete Schmerz, Leid und Wiederge-
burt. Die Seele rauschte nach Bamberg, ins Jahr 1628. Ins
Malefizhaus, in den geschundenen Körper des jungen Johan-
nes. Die euphorische Glückseligkeit aus der zeit- und dimensi-
onslosen Seelenheimat wurde ersetzt durch die grauenhafte
Hölle der hochnotpeinlichen Befragung. Der blutbefleckte Ei-
chentisch, die brutalen Knechte, die unerträglichen Schmerzen,
die verfluchte Nonne. Mit Lederriemen hatten sie ihn auf dem
Foltertisch festgezurrt. Seine Arme waren unnatürlich weit
hinter dem Rücken an einem Seil hochgezogen. Es hatte fürch-
terlich gekracht in den Schultern und nun fühlte es sich so an,
als wären die Arme nur noch durch Sehnen, Haut und Fleisch
mit dem Oberkörper verbunden.
Die fordernde Stimme der dürren Nonne: „Welche Frauen
besuchten deine Mutter?“
Johannes wollte Namen nennen, alles sagen, was die Nonne
hören wollte. Doch da war der Holzsplitter im Hals. Alles an-
geschwollen, sprechen nicht möglich, schnaufen kaum noch.
Warum konnte sie das nicht erkennen?
Mit wutverzerrter Fratze beugte sich die Nonne ganz nah vor
sein Gesicht. Grüne Augen funkelten ihn bösartig an.
„Wer – war – bei – deiner – Hexenmutter?“, fragte sie flüs-
ternd und zornig.
In einer gewaltigen Kraftanstrengung wollte Johannes einen
Namen aus dem Mund pressen, damit sie endlich aufhörten
mit der Folter. Doch nur ein Schwall flüssiger Kotze, vermischt
mit Blut, spritzte heraus und traf ihr Gesicht. Sie sprang zu-
rück.
„Pfählen!“, schrie die Nonne in schrillem Ton einer Wahn-
sinnigen.
Der Sog setzte ein, riss die Seele aus dem Körper von Johan-
nes. Er freute sich auf den erlösenden Tod. Kein Knecht, keine9
verrückte Nonne, kein Folterwerkzeug und kein Schmerz
konnten ihm noch etwas anhaben. Er war entkommen. Spürte
jeder sterbende Mensch diesen befreienden Sog?
Die Seele war nun wieder zu Hause, losgelöst von Raum und
Zeit. Gerettet, glücklich und zufrieden. Es war der Ort, den
viele Menschen als Himmel bezeichnen würden, oder als Para-
dies. Von hier wollte niemand mehr weg. Auch Johannes’ Seele
– gleichzeitig die von Igor – wollte hierbleiben, doch sie hatte
keinen Einfluss auf die nichtstofflichen Reisen. Das zaghaft
erwachende ‚Vergessen‘ wurde durch die einsetzende Magnet-
kraft jäh zurückgedrängt.
Die Seele knallte wieder zurück in Igors Körper, ins Jahr
2014. Die Schmerzen in Schultern, Hals und Gedärm wurden
schwächer, hörten schließlich ganz auf. Nur der Geruch nach
verbranntem Fleisch hing noch in Igors Nase.
Bestürzt öffnete er die Augen und richtete sich auf. Die Zeit-
reise hatte ihm die Antwort gebracht. Jetzt wusste Igor, warum
sein Geist Alarm geschlagen hatte.
Sein Leib zitterte in hilflosem Hass, als die grauenvolle Er-
kenntnis in sein Bewusstsein drang. Mit unerträglicher Gewiss-
heit wurde ihm die Endlichkeit seines Tuns bewusst. Das Wis-
sen um die Unmöglichkeit, ihre Seele nach dem körperlichen
Tod zu beherrschen und zu foltern, war nicht zu ertragen.
Der erlösende Tod. Der verfluchte erlösende Tod! Mit Ent-
setzen erkannte Igor den Tod als seinen mächtigsten Gegen-
spieler.
Wie Johannes’ Seele durch den körperlichen Tod der Folter
entwischt war, würde auch die Nonne entkommen. Sie würde
den gleichen Notausgang ins Paradies nehmen. Einfach nur
sterben, und schon war sie gerettet. Wohlbehütet im unendli-
chen Universum, in der Heimat aller Seelen. Frei von Nöten,
Schmerzen und Angst. Es war ähnlich wie bei einem Patienten,
der nach einer OP aufwachte und sich aufgrund der Narkose
weder an den Eingriff noch an die damit verbunden Schmer-
zen erinnerte. Das kosmische ‚Vergessen‘ löschte alle Erinne-
rungen an die Folter und machte die Schmerzen dadurch unge-
schehen.10
Und ihre Seele würde unerreichbar sein für Igor, sicher vor
seiner Rache.
Er erkannte, dass er die Kontrolle über ihren Körper nur für
eine geringe Zeit haben konnte. Eine mehrwöchige Folter war
weniger als ein Wimpernschlag im Angesicht der Ewigkeit. Die
verfluchte Nonne würde am Ende entkommen. Das Wissen
um die Flüchtigkeit ihrer Seele nach dem körperlichen Tod
machte ihn rasend. Ein aggressives Summen, als stünde er un-
ter einer Hochspannungsleitung, klang in seinen Ohren. Pulsie-
rende Hitze strömte durch seinen Körper.
Der Wahnsinn griff nach seinem Geist.
Frankfurt, 30. Juli 2014
Das Hochsicherheitsgefängnis Frankfurt 1 war die Heimat für
Mörder, Terroristen, Totschläger … Kurz: für den Abschaum
der Menschheit. Und Haus B, Zelle 328, war das neue Heim
von Jens Bachmann.
Elf Quadratmeter. Weniger als drei Meter breit, keine vier
Meter lang. Ein Bett, ein Stuhl, eine Tischplatte, ein Wasserko-
cher und ein kleiner Kühlschrank zählten zur Ausstattung. In
der Zelle gab es auch noch eine Toilette und ein Waschbecken,
sonst nichts.
Die schwere Eisentür wurde aufgeschlossen.
„Hey Pilot, ich hab was für dich.“
Der Wärter schmiss einen Umschlag aufs Bett.
Alle Briefe wurden aus Gründen der Sicherheit und Ordnung
geöffnet und gelesen, hatten sie Jens bei der Einlieferung mit-23
geteilt. Doch der Umschlag auf seinem Bett war noch ver-
schlossen. Jens schaute auf den Absender und verstand. Für
diesen Brief galten andere Regeln.
Als der Wärter weg war, wollte Jens den Umschlag aufreißen.
Doch lautes Geschrei lenkte ihn ab. Jens lief zum geöffneten
Fenster und schaute durch die Gitterstäbe auf den Innenhof.
Es war ein trostloser Anblick. Die hohen Mauern waren grau
und grün angestrichen, Stacheldraht thronte wie eine Krone
obendrauf. Alle Fenster, und es waren viele, waren vergittert.
Um einen Fluchtversuch mit Helikopter zu verhindern, war ein
Stahlnetz über den gesamten Innenhof gespannt. Einzig das
Basketballfeld in der Mitte erschien als etwas Normales. Und
von da kamen die Schreie.
Zwei Gefangene prügelten aufeinander ein. Pfeifen trillerten,
mehrere Wärter gingen mit Schlagstöcken und Reizgas dazwi-
schen, trennten die Streitenden und hielten die anderen auf
Distanz.
Obwohl Jens hier mitten in Frankfurt war, fühlte es sich für
ihn so an, als wäre er in einem anderen Universum. Es war aber
nicht nur das befremdliche Umfeld, das so verstörend wirkte.
Es waren vor allem die Freiheit, die Selbstbestimmung und die
Würde, die ihm hier genommen wurden.
Gefügig sein und Klappe halten, hatte Jens bei der Begrü-
ßung vor fünf Tagen herausgehört.
384 Überwachungskameras und 300 Mitarbeiter hielten die
600 Gefangenen in Schach. Ein Angriff auf einen Wärter
wurde hart bestraft. Es wäre aber sowieso sinnlos, man käme ja
nicht weit, behaupteten sie. Jeder einzelne Wärter hatte ein
Notrufgerät bei sich und innerhalb weniger Sekunden würde
bei einem Alarmsignal Verstärkung bereitstehen.
JVA Frankfurt 1 zählte zu einem der sichersten Gefängnisse
der Welt. Noch nie hatte es bisher ein Gefangener geschafft,
von hier abzuhauen.
Am Tag seiner Verhaftung war Jens dem Haftrichter vorge-
führt worden. Der Typ faselte etwas von dringendem Tatver-
dacht, von der Schwere der Tat und von Fluchtgefahr. An-
schließend steckten sie ihn in diese Zelle. Kein Kontakt zu den24
Mitgefangenen. Keine Genehmigung zum Arbeitsdienst, kein
Hofgang mit den anderen Gefangenen, keine gemeinsamen
Veranstaltungen, kein Besuch im Fitnessraum … totale Isolati-
on. Wegen der Schwere der Tat kam Gruppenvollzug nicht
infrage.
Bei der Einlieferung hatte Jens alles abgeben müssen, auch
Laptop und Handy. Das war schmerzlich. Er durfte jedoch
wählen, ob er die Gefängniskleidung – rotes Hemd und graue
Hose – oder seine eigene Kleidung tragen wollte. Er entschied
sich für die eigene Kleidung. Es war die einzige Entscheidung,
die ihm zugestanden wurde.
Die Mahlzeiten wurden in seine Zelle gebracht. Das Essbe-
steck bestand aus Weichmetall, bog sich, wenn Druck darauf
ausgeübt wurde. Unbrauchbar als Waffe, niemand konnte da-
mit verletzt oder getötet werden.
Inzwischen kannte Jens die Gefängnis-Routine. Jeden Mor-
gen gegen sechs Uhr wachte der Knast auf. Schritte hallten auf
dem Flur, Stimmen, manchmal wütendes Schimpfen, Schlüs-
selgeklapper, aufgehende Türen, schließende Türen.
„Morgen“, sagten die Justizvollzugsbeamten normalerweise,
wenn sie die schwere Metalltür zur Zelle öffneten. Das Wort
‚Guten‘ schenkten sie sich meist. Es wäre auch zynisch gewe-
sen. Sie warteten auf eine Antwort von Jens oder auf eine Be-
wegung oder dass er einfach nur grunzte. Irgendeine Reaktion
musste er zeigen, denn die Wärter überprüften, ob die Knackis
noch lebten. ‚Lebendkontrolle’ nannten sie dieses morgendli-
che Ritual. Selbstmord war keine Seltenheit an diesem Ort.
Durch das Guckloch in der Tür konnten die Wärter jederzeit
in die Zelle schauen und den Gefangenen beobachten. Im
Reich der Schwerverbrecher gab es auch keine Privatsphäre.
Wenn Jens die Zelle verlassen durfte, was nicht oft passierte,
waren immer zwei Wärter zur Aufsicht dabei. Was für ein Privi-
leg, denn die anderen Gefangenen wurden nur von einem Wär-
ter eskortiert. Auch das gelegentliche Duschen fand unter Auf-
sicht statt.
Jens hatte Anspruch auf eine Stunde Freigang pro Tag. In
den Innenhof zu den anderen Gefangenen durfte er aber nicht.25
Sein Freigang fand im Spazierraum statt. Allein mit zwei Wär-
tern in einem Raum mit hellgrauen Wänden. Der Raum war
etwa zwei Stockwerke hoch, zehn Meter lang, fünf Meter breit.
Eine Tischtennisplatte aus Beton stand in der Mitte. Keine
Fenster, nur ein Lichtschacht in der Decke, natürlich vergittert.
Wirklich leise war es nie. Obwohl die Wände dick und stabil
waren, drang das Schnarchen des Zellennachbars oft zu ihm
durch. Manchmal hörte Jens weinende Männer oder wütendes
Schimpfen in verschiedenen Sprachen, gelegentlich auch ag-
gressives Brüllen.
Psychische Störungen waren im Knast die Normalität. Viele
Gefangene hatten Tobsuchtsanfälle, Depressionen und Suizid-
gedanken. Der Wahnsinn fand an diesem Ort reichlich Beute,
doch Jens konnte ihn mit sportlicher Betätigung auf Distanz
halten. Liegestützen, Kniebeugen und Bauchaufzüge waren
auch in der kleinen Zelle machbar. Jeden Tag stellte er die Mat-
ratze an die Wand, drosch bis zur völligen Verausgabung da-
rauf ein. Sie würden es nicht schaffen, ihn zu brechen.
Die Gefangenen mussten oft Monate bis zur eigentlichen
Verhandlung warten. Manchmal dauerte es auch Jahre. Nach
einer Verurteilung wurden die Verbrecher in ein anderes Ge-
fängnis verlegt. Meistens für viele Jahre, manchmal auch für ein
ganzes Leben.
Wer freigesprochen wurde, bekam 25 Euro Haftentschädi-
gung pro Tag. Doch kaum jemand kam in den Genuss. Schließ-
lich wurde man nicht grundlos in U-Haft gesteckt.
Das laute Gebrüll im Innenhof hatte aufgehört. Die beiden
Streitenden wurden mit auf dem Rücken gebundenen Armen
abgeführt, die anderen Gefangenen spielten weiter Basketball
oder versammelten sich in Grüppchen zum Tratschen.
Jens drückte sein Gesicht zwischen die Gitterstäbe und
schaute in die unendliche Weite des Himmels. Doch auch diese
Sicht war eingeschränkt. Das Stahlnetz teilte den Himmel in
winzige Quadrate ein.
In Santiago de Chile, 12000 Kilometer entfernt von hier, hät-
te Jens noch abhauen können. Geld von einem seiner Offsho-26
re-Konten abheben, untertauchen und mit anderer Identität
eine neue Existenz aufbauen.
Doch nun wurde sein Leben von Strafvollzugsbeamten be-
stimmt. Bald würden ein Verteidiger und ein Staatsanwalt um
sein Schicksal kämpfen und ein Richter würde darüber ent-
scheiden.
Jens war sich seiner Situation sehr wohl bewusst. Der Vertei-
diger würde mit kümmerlichen Argumenten arbeiten müssen
und der Staatsanwalt hatte übermächtige Beweise. Es war ein
ungleicher Kampf. David gegen Goliath. Steinschleuder und
Kieselstein gegen schwere Rüstung und scharfes Schwert.
Doch in der Legende aus der Bibel hatte der kleine David ge-
gen den Riesen gewonnen.
Jens lief zurück zum Bett, riss den Umschlag auf und las den
Brief.
Morgen würde David sehen, wie groß seine Kieselsteine wa-
ren.
Frankfurt, 24. Juli 2014
Igor öffnete die Augen und lächelte. Kein Summen und Pfei-
fen mehr, auch keine Kopfschmerzen. Das Problem war gelöst,
alle Zweifel und Befürchtungen beseitigt. Er hatte wieder die
Kontrolle zurück und die Nonne würde ihre angemessene Stra-
fe bekommen.
Wie sehr sie wohl um ihr irdisches Leben winseln würde?
Igor konnte nicht verstehen, warum die Menschen so eine
schreckliche Angst vor dem Tod hatten. Dabei wussten sie
doch, dass es sie eines Tages sowieso erwischen würde.
In fast allen Religionen wurde davon gefaselt, dass der Kör-
per nur ein verrottendes Stück Fleisch war. Asche zu Asche,
Staub zu Staub. Es wurde geboren, um zu sterben. Und die
Zeit als Erdenwesen war nur ein winziger Augenblick im Ver-
gleich zur Lebenszeit des Universums und der Seelen, die
friedvoll und glücklich in ihrem Zuhause, das die Gläubigen
‚Himmel‘ nannten, existierten.
Und trotzdem wollten sie nicht sterben. Sie schufteten und
rackerten sich ab, wurden von Krankheiten und Sorgen ge-
plagt. Viele von ihnen waren ständig unzufrieden und perma-
nent am motzen. Als ob es etwas Wertvolles wäre, hingen sie
an ihrem beschissenen Leben.
Und dabei war der Weg zum vollkommenen Glück so ein-
fach. Ein Selbstmord war eine Kleinigkeit. Für die ganz Blöden
gab es im Internet sogar Hinweise und Tipps, wie das anzustel-
len war.
Nur einmal konsequent handeln und all die Probleme,
Schmerzen und Nöte waren für immer vorbei. Und zwar viel
schneller als für die Feiglinge, die durch Krankheit, Verletzung
oder Alter viele Jahre dahinsiechten und sich verzweifelt am
Leben klammerten.
Nach dem Tod fing die absolute Glückseligkeit erst wirklich
an. Nur für die Nonne würde es anders laufen. Für sie würde
die Qual nach ihrem Foltertod weitergehen, sogar noch76
schlimmer werden. Ihre Kerze würde wild flackern, wenn Igor
neben ihr war.
In der Bibel wurde von der Offenbarung des Johannes ge-
schrieben, von der Apokalypse und dem Jüngsten Gericht. Die
Guten in den Himmel, die Bösen ins Fegefeuer.
Andere Religionen predigten ähnliche Szenarien. Erstaunlich,
wie nah sie alle der Wahrheit kamen. Igor war ein Gott, ein
Richter, ein Vollstrecker. Nicht nur im Diesseits, sondern seit
Neuestem auch im Jenseits.
Es war eine kosmische Prophezeiung, dass Igor für Gerech-
tigkeit sorgen musste.
Das Universum hatte Vorarbeit geleistet und die göttliche
Seele in den Körper von Igor gesteckt. Ausgestattet mit Intelli-
genz, Talent, Stärke und mit der Möglichkeit, durch Raum und
Zeit zu reisen.
Das Universum hatte auch die Nonne im Körper von Hanna
Engels zurück auf die Erde geschickt, damit sie ihre gerechte
Strafe empfangen konnte. Es war alles vorbestimmt. Und die
weltlichen Schmerzen würden als ‚warm-up’ ein Vorgeschmack
auf die Hölle sein.
Allerdings gab es da noch ein kleines Problem, das gelöst
werden musste. Im Seelenreich würde sie nur leiden, wenn er
auf Besuch bei ihr war. Solange seine Seele aber im Körper
von Igor steckte, hatte die Nonne ihre Ruhe.
Auch ich muss mein irdisches Leben aufgeben, damit die Nonnenkerze
für immer flackert.
Igor lachte laut auf. Seine Entscheidung war eines Gottes
würdig.
Er hatte plötzlich großen Hunger. Im Kühlschrank lagen
noch Steaks.

