Kapitel 7

Kapitel 7
Bad Kissingen, 08.-09.03.2014

Igor lehnte an einer der weißen Säulen und schaute über den Steinbalkon hinunter in die Menschenmenge. Äußerlich wirkte er entspannt, doch das Jagdfieber hatte ihn gepackt und er spürte seinen Herzschlag. Er lächelte in der Gewissheit, dass sie ihm nicht entkommen konnte. Der angeklebte Vollbart spannte auf der Haut, die dazu passende Perücke juckte, die Brille mit dem dicken Rahmen fühlte sich ungewohnt an. Doch lange würde er die Verkleidung nicht mehr tragen.
Immer mehr Leute strömten ins Foyer und auf die Galerie. Inzwischen erfüllte lautes Stimmengewirr den Saal. Das Pack wartete darauf, dass sich die Türen zu dem imposanten Littmann-Saal öffneten.
Die App auf seinem Handy zeigte die Position der Miniwanze, die er in ihrer Handtasche versteckt hatte. Sein Opfer war nur noch einen Steinwurf von dem 100 Jahre alten Regentenbau entfernt. Igor atmete tief durch, gönnte sich einen Blick an die Decke und bestaunte das riesige Fresko. Es zeigte eine Waldlichtung und den Himmel darüber. Laubbäume säumten die Lichtung, ein Löwe stand im Gras, wirkte entspannt. Nicht weit davon entfernt eine Antilope. Sie erkannte die Gefahr nicht. So wie Igors Beute.
Die Wanze kam näher, bewegte sich nun ins Gebäude. Seine Zielperson musste jeden Moment zu sehen sein. Sollte sie zu ihm hochblicken, würde sie ihn zwar sehen, ihn jedoch nicht wahrnehmen. Seine Tarnung war die Sichtbarkeit, seine Gestalt verwischte in der Menschenmenge. Er war wie ein einzelnes grünes Blatt auf dem Fresco, das unsichtbar war zwischen dem dichten Blätterwerk.
Und da kam sie. Langsam schob sie sich mit der Menge ins Foyer. Hanna Engels schien sich unwohl zu fühlen in der Enge. Ihr Gesichtsausdruck zeigte sogar einen Hauch von Abscheu. Keine zehn Meter trennten sie nun. Igor zitterte in angespannter Erwartung, als er sie sah. Es war ein altvertrautes Gefühl. Doch diesmal kam noch ein weiteres dazu. Die Mischung aus Mordlust und abgrundtiefem Hass raubte ihm fast den Atem.
Du dürres Miststück, versteckst deine verrotteten Zähne hinter Zahnbrücken. Es nutzt dir nichts. Ich habe dich längst erkannt.
Die Journalistin kramte ihr Handy aus der Tasche, hielt es ans Ohr, nickte, sprach und hielt sich ihr freies Ohr zu. Plötzlich passierte etwas völlig Unerwartetes. Etwas, was Igor noch nie erlebt hatte. Seine Beute wurde nervös. Hanna steckte das Telefon weg, strich eine Haarsträhne immer wieder hinter ihr linkes Ohr und schaute sich gehetzt um. Ihr Gesicht war verzerrt, sie hielt ihre Hand vor den Bauch, krümmte sich leicht. Hatte sie schmerzen?
Ihr Blick ging nach oben auf die Galerie, streifte an Igor vorbei, kam zurück, fixierte ihn mit aufgerissenen Augen.
Witterst du die Gefahr, du Luder?
Igor war fasziniert. Es würde ein besonderer Genuss sein, ihr die Schmerzen der Folter zurückzuzahlen. Er ging einige Schritte zurück, verschwand in der Menschenmenge und aus ihrem Blickfeld. Sie sollte schließlich noch lange nicht wissen, dass sie gejagt wurde.
Wunderbare Hanna, verfluchte Nonne, wir werden noch viel Spaß miteinander haben.
Igor ging auf die Toilette, schloss die Tür hinter sich. Lächelnd strich er über seinen falschen Bart und riss in mit einem Ruck ab.

Ihr pochender Herzschlag beruhigte sich. Warum hatte der Kerl sie angestarrt? Und wieso spürte sie Gefahr? Für einen Moment hatte es sich so angefühlt, als ob der Tod nach ihr gegriffen hätte. Wie aus heiterem Himmel waren die Magenkrämpfe plötzlich da gewesen. Doch der vollbärtige Typ war zum Glück verschwunden, so wie ihre Magenschmerzen.
Mit noch zittrigen Händen wischte sie den kalten Schweiß von der Stirn und hob ihre Tasche auf, die ihr in der Panik entglitten war. Wie ein leichtes Nachbeben durchströmte das Echo der Angst ihren Körper, doch mit jedem Atemzug ging es ihr besser.

Seit ihrem schrecklichen Erlebnis in Nigeria fühlte sie sich bedroht, wenn fremde Menschen zu dicht bei ihr standen oder wenn sie angestarrt wurde. Vor wenigen Augenblicken war beides zusammengekommen. Ihr war natürlich klar, dass hier in dem friedlichen Bad Kissingen keine Gefahr drohte. Die Einbildung und ihre lebhafte Fantasie hatten ihr einen Streich gespielt. Es war das Erbe ihres afrikanischen Albtraums, das war alles.

Die großen Flügeltüren wurden geöffnet, Hanna ging mit der Menge in den Littmann-Saal zur Eröffnungsrede und vergaß den Gaffer.
Der Veranstalter stand ganz vorne neben dem Podium.
»Guten Tag, Herr Weber, ich bin Hanna Engels von der Frankfurter Presseschau. Wir haben am Telefon miteinander gesprochen.«
»Guten Tag, Frau Engels. Willkommen. Hier ist Ihr reservierter Platz.« Er zeigte auf den Stuhl mit dem Schild: Miss Engels, Journalist.
Herr Weber stieg auf die Bühne, Hanna legte das Schild unter den Stuhl und setzte sich. Beeindruckt sah sie sich um. Aufwendig verarbeitete Kirschholzvertäfelungen an den Wänden und der Decke gaben dem Saal eine interessante rotdunkle Ausstrahlung. Oder war es eine Düstere?
Der Saal, mit 1100 Teilnehmern bis auf den letzten Platz ausgebucht, wurde wegen seiner hervorragenden Akustik oft für Konzerte gebucht, aber auch für Kongresse benutzt.
Zuerst hatte Hanna sich darüber gewundert, dass der internationale Kongress in einer Kleinstadt wie Bad Kissingen ausgerichtet wurde. Doch der Veranstalter hatte ihr erklärt, dass die Stadt zentral gelegen war und eine gute Verkehrsanbindung hatte. Zudem war der Littmann-Saal bestens für die Größe dieser Veranstaltung geeignet.
Herr Weber ging ans Rednerpult und hüstelte ins Mikrofon, das Stimmengewirr flaute ab. Er begrüßte die Teilnehmer zu dem Kongress für Flugsicherheit und Terrorabwehr. Es folgten die üblichen Danksagungen an Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Der erste Experte betrat die Bühne. Er sprach über neue Formen von explosiven Stoffen. Im 30-Minuten-Takt folgten weitere Redner, Hanna machte sich eifrig Notizen. Ihr Interviewpartner kam auf die Bühne. Der Vortrag des Leiters der Abteilung Luftsicherheit vom Luftfahrtbundesamt in Braunschweig, Herr Marquard, hörte sich langweilig an. Als er fertig war, stand Hanna auf und empfing ihn an der Treppe, die vom Podest herunterführte.
»Herr Marquard, ich bin Hanna Engels von der Frankfurter Presseschau. Wir haben einen Termin für ein Interview.«
»Ach, Frau Engels«, er schaute auf seine Armbanduhr, »leider ist mir etwas dazwischengekommen. Wir müssen unseren Termin verschieben.«
»Und das sagen Sie mir erst jetzt?«
Er zuckte mit den Achseln. »Kurzfristige Änderung. Tut mir leid.« Dann rauschte er davon. Hanna war stinksauer.
Seit wann hat ein Beamter Zeitdruck?
Der Veranstalter hatte in der Zwischenzeit den nächsten Redner angekündigt und das Podium wieder verlassen. Hanna rannte ihm hinterher, zupfte ihn am Arm.
»Mein Interviewpartner hat kurzfristig abgesagt«, flüsterte sie.
Herr Weber drehte sich zu ihr um. »Das tut mir leid, darauf habe ich keinen Einfluss.«
»Schon klar, aber können Sie mir nicht einen anderen Experten empfehlen?«
Herr Weber zeigte auf den neuen Redner. »Fragen Sie Kapitän Bachmann nach seinem Vortrag.«
Hanna setzte sich wieder auf ihren Stuhl und faltete das Programmheft auf:
Jens Bachmann, Kapitän bei Worldcargo. Fliegt die Boeing 747-8F im weltweiten Einsatz. Experte für Terrorabwehr und Frachtsicherheit.
Ihr Blick fiel auf den Redner. Sein Gesicht war gebräunt, er hatte kurze, schwarze Haare, war nicht besonders groß für einen Mann, aber sehr gutaussehend.
Er präsentierte seinen Vortrag mit eindrucksvoller Video- und Fotounterstützung. Während Hanna mitschrieb, überlegte sie, wie sie ihre Fragen auf den neuen Interviewpartner umbauen konnte. Als Bachmann fertig war, applaudierten die Zuschauer, er nickte dankend. Hanna ging an die Treppe, die von der Bühne herunterführte, um ihn zu empfangen.
»Kapitän Bachmann, ich bin Hanna Engels von der Frankfurter Presseschau«. Sie zeigte ihren Presseausweis. »Ich würde gerne ein Interview mit Ihnen führen.«
Er schaute sie an, lächelte und schien zu für einen Moment zu überlegen.
»Gerne Frau Engels, sehr gerne.«
In einem Nebenraum fingen sie mit dem Interview an. Er war ein guter Gesprächspartner, war freundlich und gab bereitwillig Auskunft.
»Sie behaupten also«, fragte Hanna, »dass es niemals möglich sein wird, eine absolute Sicherheit gegen Terrorangriffe in der Luftfahrt zu gewährleisten?«
»Richtig. Keine der Maßnahmen, die bisher auf den Weg gebracht wurden und auch keine, die noch folgen, schrecken einen entschlossenen Terroristen ab. Er wird immer Wege finden, um sein Ziel zu erreichen.«
»Wie zum Beispiel?«
»Er könnte eine Bombe als Fracht aufgeben.«
»Wird die Fracht nicht überprüft?«
»Nicht die von zertifizierten, also von vertrauenswürdigen Spediteuren.«
»Die werden aber keine Bombe in der Fracht verstecken.«
»Der Terrorist könnte die Fracht- und Lieferpapiere fälschen, und damit als vertrauenswürdiger Spediteur auftreten.«
Hanna schrieb in Schnellschrift die Antworten auf. Sie fand es erschreckend, wie einfach es war, einen Anschlag durchzuführen.
»Gibt es weitere Möglichkeiten?«
»Aber sicher. Ein Pilot könnte ein Selbstmordattentäter sein.«
»Die Piloten werden sehr sorgfältig auf ihre psychologische Eignung getestet.«
»Richtig. Das schließt aber nicht aus, dass sich jemand bei den Tests verstellt. Der Pilot könnte auch im Laufe der Jahre vom rechten Weg abkommen.«
»Die psychologischen Tests werden nicht wiederholt?«
»Nein.«
»Sie behaupten also, Fliegen ist gefährlich?«
»Nein, das behaupte ich nicht. Die Gefährdung ist relativ.«
»Wie meinen Sie das?«
»Frau Engels, fühlen Sie sich sicher, wenn Sie Auto fahren?«
»Ja.«
»Wissen Sie, wie viele Menschen letztes Jahr in Europa bei Autounfällen gestorben sind?«
»Nein.«
»Knapp 26000. Das sind über 70 Tote pro Tag. Und Europas Straßen gehören zu den sichersten weltweit.«
»Jetzt werden Sie mir bestimmt sagen, wie viele Menschen bei Flugunfällen letztes Jahr in Europa gestorben sind.«
»Was schätzen Sie?«
»Keine Ahnung. 1000?«
Bachmann schüttelte den Kopf. »Schlecht geraten. »Es waren etwa 250, und zwar weltweit! Die Gefahr ist natürlich trotzdem da. Wenn Sie fliegen, besteht die extrem geringe Chance, bei einem Flugunfall oder Terroranschlag ihr Leben zu verlieren. Wenn Sie nicht fliegen, besteht diese Gefahr nicht.«
Es klopfte an der Tür. Der Kongressveranstalter trat ein.
»Entschuldigen Sie bitte die Störung, Kapitän Bachmann. Einer meiner Redner ist kurzfristig ausgefallen. Können Sie einspringen?«
»Ich habe meinen Vortrag doch schon gehalten.«
»Sie sind doch auch Spezialist für Sicherheitsfragen in der Luftfracht.«
»Dazu müsste ich mich vorbereiten.«
»Wie lange brauchen Sie?«
»Na ja, bestimmt eine Stunde.«
Der Veranstalter schaute auf seine Uhr. »Die Pause ist in 70 Minuten um. Dann gehört Ihnen die Bühne zum zweiten Mal.«
»Heißt das, wir müssen das Interview jetzt abbrechen?«, fragte Hanna.
»Leider ja«, sagte der Kapitän.
Mist! Wie schaffe ich es, das Interview zu beenden?
»Können wir uns heute nochmal treffen, um das Interview abzuschließen? Vielleicht beim Abendessen? Ich lade Sie ein.«
Der Kapitän überlegte einen Augenblick, dann lächelte er. »Die Einladung nehme ich mit Vergnügen an.«
Die Unterbrechung hatte zumindest auch einen Vorteil. Hanna konnte nun ihre Fragen noch besser auf den Kapitän abstimmen.

Am Abend trafen sie sich beim Italiener. Sie saßen sich an dem kleinen Tisch gegenüber, seine blauen Augen strahlten eine wunderbare Sympathie aus. Er roch gut. Nicht etwa nach After Shave oder Parfüm. Es war so etwas wie ein natürlicher Geruch. Das Interview war nach 20 Minuten beendet. Sie sprachen über ihr Privatleben, es wirkte selbstverständlich.
»Wollen wir uns duzten?«, fragte er nach der Pasta, die Hanna nur zur Hälfte aufgegessen hatte.
»Sehr gerne.« Hanna fühlte sich wohl in seiner Anwesenheit. Sie stellten fest, dass sie zu vielen Dingen vergleichbare Ansichten hatten, sie spürte eine angenehme Vertrautheit.
Sie fiel ihm mehrmals ins Wort, was sie normalerweise nie tun würde. Doch sie konnte ihre Gedanken einfach nicht zurückhalten und musste sich mitteilen. Die Unterhaltung mit ihm war anregend, kurzweilig und spannend.
Obwohl sie längst satt war, bestellte sie sich eine Nachspeise, aß jedoch nur einen halben Teelöffel von dem Tiramisu. Der Wunsch, noch mehr Zeit mit ihm zu verbringen war größer als ihre Abscheu vor dem Essen.
»Schmeckt es dir nicht?«, fragte Jens.
»Nein, nicht wirklich.«
Ihre Hände berührten sich zufällig. Ein angenehmes Kribbeln strömte durch ihren ganzen Arm. Sie zog die Hand nicht weg. Er auch nicht. Das Kribbeln spürte sie auch in ihrem Magen. Waren das etwa die berühmten Schmetterlinge im Bauch? Inzwischen waren sie die letzten Gäste im Restaurant. Das Personal warf ihnen vorwurfsvolle Blicke zu.
»Ich fürchte, sie wollen zuschließen«, sagte Jens.
»Ja, das fürchte ich auch.«
»Wie kommst du morgen zurück nach Frankfurt?«
»Mit dem Zug«, sagte Hanna.
»Ich fahre nach dem Kongress mit dem Auto zurück. Fahr mit mir, dann können wir unser Gespräch fortsetzen.«
Hanna war glücklich. Als sie später im Hotelbett lag, dauerte es lange, bis sie einschlief.