Kapitel 7

Bad Kissingen, 08.03.2014

Lässig lehnte Igor an einer der weißen Säulen und schaute über den Steinbalkon hinunter in die Menschenmenge. Die Gewissheit, dass seine Beute nicht entkommen konnte, gab ihm das Gefühl von Macht und Überlegenheit. Würde Igor für Gefühlsregungen empfänglich sein, wäre er jetzt glücklich. Die Jagd beinhaltete alles, was Igor so sehr schätzte. Überwachung, Kontrolle, Täuschung, Folter, Mord. Die Vertrautheit zu seinem Opfer machte die Jagd einzigartig. Igor hatte beschlossen, ihr so nah zu kommen, wie bei keinem Opfer zuvor.
Lautes Stimmengewirr erfüllte den Raum. Das Pack drängte ins Foyer und auf die Galerie. Es wartete darauf, dass die Türen zum Littmann-Saal geöffnet wurden.
In der kleinen Stadt Bad Kissingen war die Welt noch in Ordnung. Geringe Kriminalität, kaum Morde. Der spektakulärste Fall lag schon lange zurück. Vor 140 Jahren hatte ein Attentäter auf den Reichskanzler Otto von Bismarck geschossen. Leicht verletzt überlebte der Kanzler. Was für ein stümperhafter Attentäter!
Igor gönnte sich einen Blick an die Decke und bestaunte das riesige Fresko. Es zeigte eine Waldlichtung und den Himmel darüber. Dicht bewachsene Laubbäume säumten die Lichtung. Ein Löwe stand im Gras, wirkte entspannt, so wie Igor. Auf der Lichtung waren auch ein Mann, eine Antilope und andere Beutertiere zu sehen. Sie schienen die Gefahr nicht zu erkennen, so wie seine neue Beute.
Der angeklebte Vollbart spannte auf der Haut, es wurde heiß unter der Perücke und die getönte Brille mit dem spiegelnden Glas fühlte sich ungewohnt an. Doch lange würde Igor die Verkleidung nicht mehr tragen müssen. Er kramte sein Handy aus der Tasche. Die App zeigte die Position ihres iPhones. Wie gut, dass es in iCloud den Menüpunkt ‚iPhone-Suche‘ gab. Sie war nur noch einen Steinwurf von dem 100 Jahre alten Regentenbau entfernt, gleich würde er sie sehen. Sollte sie zu ihm hochblicken, würde sie ihn nicht wahrnehmen. Seine Tarnung war die Sichtbarkeit, seine Gestalt verwischte in der Menschenmenge. Er war wie ein einzelnes grünes Blatt auf dem Fresco, unsichtbar in dem dichten Blätterwerk.
Und da schob sie sich langsam in dem Gedränge ins Foyer. Keine zehn Meter trennten sie nun. Ihr Anblick entfachte wieder ein neurobiologisches Feuerwerk. Die Begierde nach ihrem Fleisch machte ihn scharf. Es ging allerdings nicht ums Ficken. Auch nicht um Liebe oder so einen Quatsch. Er stellte sich vor, wie sie schreien würde, wenn er mit der Gartenschere ihre Fingerknochen abtrennte.
Seine Beute war eingekeilt zwischen der Menschenmasse, die langsam, wie zäher Lavabrei, in den Saal quoll. Ihr Gesicht war verzerrt. Was stimmte nicht mit ihr? Ihre Mimik ließ sogar einen Hauch von Abscheu erkennen. Hanna Engels schien sich unwohl zu fühlen in der Enge. Die Journalistin kramte ihr Handy aus der Tasche, hielt es ans Ohr, nickte, sprach gelegentlich. Plötzlich passierte etwas völlig Unerwartetes. Etwas, was Igor noch nie erlebt hatte. Seine Beute wurde nervös. Hanna steckte das Telefon weg, strich immer wieder mit hektischer Bewegung eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr und schaute sich gehetzt um. Ihr Gesicht war verzerrt, sie hielt die Hand vor den Bauch, krümmte sich leicht. Hatte sie Schmerzen?
Ihr Blick wanderte nach oben auf die Galerie, streifte an Igor vorbei, kam zurück, fixierte ihn mit aufgerissenen Augen. Erkannte sie ihren Mörder? Witterte das Luder die Gefahr? Igor war fasziniert. Er liebte die Herausforderung. Diese Jagd versprach, besonders reizvoll werden. Er ging einige Schritte zurück, verschwand in der Menschenmenge. Sie sollte schließlich noch lange nicht wissen, dass er sie gejagt wurde.
Igor ging auf die Toilette und schloss die Tür hinter sich. Lächelnd strich er über seinen falschen Bart. Mit einem kräftigen Ruck riss er in ab.