Kapitel 7

Kapitel 7

 09.03. 2014, Berlin

Keine zehn Meter trennten Olaf von seinem neuen Opfer. Er stand an der Wand, Hanna an der gegenüberliegenden Seite. Die Menschen strömten zwischen ihnen in den großen Saal zur Eröffnungsrede.
Der Mörder versteckte sein Gesicht hinter einem angeklebten Vollbart und dazu passender Perücke mit halblangem, braunem Haar. Durch eine Brille mit dickem Rahmen, aber ohne Gläser, beobachtete er Hanna. Sie telefonierte, mit dem Finger hielt sie ihr freies Ohr zu.

Olaf stand auf einer kleinen, zusammenklappbaren Trittstufe. So konnte er sie über die Köpfe der Menge hinweg betrachten. Der visuelle Kontakt wäre nicht nötig gewesen, doch er wollte sie sehen. Sie war groß und hatte blondgelockte halblange Haare. Ihr markantes Kinn stand im Kontrast zu ihren weiblichen Gesichtszügen und verlieh ihr eine rechteckige Gesichtsform. Sie war eine herbe Schönheit.
Er tastete ihre oberflächlichen Gedanken ab, erfuhr, dass sie am Telefon mit ihrem Chefredakteur sprach.
Es wurde Zeit für den Angriff. Der Mörder drang in sie ein. Er zapfte ihren Geist an und so wie Wasser dem Gebirgsbach hinunterfließt, flossen nun ihre Erinnerungen zu ihm. Er spionierte sie aus, suhlte sich in ihren Gedanken. Er spürte ihren siebten Sinn, ihre Sensibilität für Gefahren, die sie seit ihrer Kindheit hatte. Da war das Leid über der Tod ihrer Zwillingsschwester. Ihr Pech mit Männern. Dann der Horror in Nigeria. Ach ja, da waren auch die Erinnerungen an Federico, dem bösen Mann, der nicht lieben konnte.
Plötzlich war da eine Sperre. Etwas Unerwartetes. Etwas, was er noch nie bei einem Opfer erlebt hatte.
Sie spürt mich!
Interessiert beobachtet Olaf seine Beute.
Sie wurde nervös. Hanna steckte das Telefon weg, strich sich eine Haarsträhne hinters linke Ohr und schaute sich irritiert um. Sie witterte die tödliche Gefahr. Ihr Unterbewusstsein versuchte, den mentalen Angriff zu sperren. Das Wasser des Gebirgsbaches wurde durch einen Stein zurückgehalten, floss nur noch als kleines Rinnsal. Frenetisch rieb Hanna an ihrer Narbe auf der rechten Stirnseite. Die Journalistin wurde panisch, drückte sich entsetzt an die Wand. Ihr gehetzter Blick schweifte über die Menschenmenge, streifte an Olaf vorbei, kam zurück zu ihm. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn über die Köpfe der Menge an.
Olaf war fasziniert. Du Luder!
Korrigierend griff er ein und sorgte dafür, dass sie ihn als gefahrlos einstufte. Sie zögerte einen Moment, dann suchte sie fieberhaft weiter nach der Quelle der Gefahr.
Noch nie hatte ein Opfer einen Gedankeneingriff gespürt. Er zog sich zurück aus der Tiefe ihres Geistes und verweilte nur noch an der Oberfläche. So konnte er immer noch ihre gegenwärtigen Empfindungen aufsaugen. Sie hatte panische Angst, wusste aber nicht wovor. Der Killer sendete ihr beruhigende Gedanken. Sie sollte schließlich noch lange nicht wissen, dass sie gejagt wurde. Äußerst zufrieden strich er über seinen falschen Bart.
Meine liebe Hanna, du wirst eine wunderbare Beute sein. Doch bevor ich dich erlege, spiele ich mit dir.
Die Gier des Jägers erwachte. Viel stärker, als er es gewohnt war. Olaf stieg von seiner Trittstufe und verschwand.
Hannas pochender Herzschlag beruhigte sich allmählich. Dieses entsetzliche Gefühl der Gefahr war so schnell verschwunden, wie es aufgetaucht war. Die Narbe, die diesmal nicht nur gejuckt, sondern geschmerzt hatte, spürte sie nicht mehr. Hanna wusste, dass der Tod nach ihr gegriffen hatte.
Aber warum? Und von wem?
Mit zittrigen Händen hob sie ihre Tasche auf, die ihr in der Panik entglitten war. Wie ein leichtes Nachbeben durchströmte das Echo der Angst ihren Körper, doch mit jeder Sekunde fühlte sie sich besser. Ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit ergriff ihr Gemüt. Innerhalb von zwei Minuten fühlte sie sich entspannt. Sie wischte den kalten Schweiß von der Stirn und lief mit den letzten Gästen in den Saal, ging nach vorne zu der ersten Sitzreihe. Dort stand auch der Veranstalter, Herr Weber. Er sprach mit einigen Leuten. Hanna wartete auf einen passenden Moment, um ihn anzusprechen.
»Guten Tag Herr Weber, ich bin Hanna Engels von der Frankfurter Presseschau. Wir haben am Telefon schon miteinander gesprochen.«
»Guten Tag Frau Engels. Willkommen. Hier ist Ihr reservierter Platz.« Er zeigte auf den Stuhl mit dem Schild: Miss Engels, Journalist.
Der Veranstalter ging auf die Bühne, Hanna legte das Schild unter den Stuhl und setzte sich. An ihr schlimmes Erlebnis von gerade eben dachte sie nicht mehr. Sie konzentrierte sich auf ihren Job.
Die Konferenz zum Thema Flugsicherheit war mit über 1000 Teilnehmern ausgebucht. Namhafte Vertreter von Politik und Wirtschaft waren anwesend. Neue Erkenntnisse wurden vorgestellt, neue Sicherheitskonzepte, neue Verhaltensregeln. Aus ihrer Handtasche holte Hanna Schreibblock und Kugelschreiber. Sie war bereit. Herr Weber ging ans Rednerpult und hüstelte ins Mikrofon. Das Stimmengewirr flaute ab. Er begrüßte die Teilnehmer. Nach langweiligen Minuten der Danksagung kam endlich der erste Experte zu Wort. Er sprach über neue Formen von explosiven Stoffen. Im 30-Minuten-Takt folgten weitere Redner. Hanna machte sich eifrig Notizen. Dann stand ihr Interviewpartner am Rednerpult. Der Leiter der Abteilung Luftsicherheit vom Luftfahrtbundesamt in Braunschweig, Herr Marquard, erzählte langweilig über trockene Theorie. Als er fertig war, stand Hanna auf und empfing ihn an der Treppe, die vom Podest herunter führte.
»Guten Tag, Herr Marquard, ich bin Hanna Engels von der Frankfurter Presseschau. Wir haben einen Termin für ein Interview.«
»Guten Tag Frau Engels«, er schaute auf seine Armbanduhr. »Leider ist mir etwas dazwischen gekommen. Ich muss den Termin mit Ihnen absagen.«
»Und das sagen Sie mir erst jetzt?«
Er zuckte mit den Achseln. »Kurzeitige Änderung. Tut mir leid, es geht nicht.« Dann rauschte er davon. Hanna war stinksauer.
Seit wann hat ein Beamter Zeitdruck? Und jetzt? Ich soll doch ein Interview mit nach Hause bringen.
Der Veranstalter hatte in der Zwischenzeit den nächsten Redner angekündigt. Einen Piloten in Uniform. Hanna konnte Uniformen nicht ausstehen. Nach ihren Erfahrungen in Nigeria schon ganz und gar nicht.
Als der Veranstalter das Podium verlies, rannte Hanna ihm nach.
»Mein Interviewpartner hat kurzfristig abgesagt«, rief sie ihm hinterher.
Herr Weber drehte sich zu ihr um. »Das tut mir sehr leid. Darauf habe ich keinen Einfluss.«
»Ja, ja. Schon klar, aber können Sie mir nicht einen anderen Experten liefern?«
»Lassen Sie mich mal überlegen.« Herr Weber drehte sich zur Bühne und zeigte auf den Redner. »Nehmen Sie doch den da.«
»Den?«
Hanna schaute skeptisch zu dem Piloten.
»Das ist Kapitän Bachmann. Er ist Sicherheitsexperte und hält nun einen Vortrag über Terrorabwehr. Sprechen Sie ihn nach seinem Vortrag an«, sagte der Veranstalter.
Mit Uniform eine Rede halten! Was für ein Angeber.
Hanna setzte sich wieder auf ihren Stuhl und nahm das Programmheft in die Hand.
Jens Bachmann, Kapitän bei Worldcargo, fliegt die Boeing 747-8F im weltweiten Einsatz. Experte für Terrorabwehr und Frachtsicherheit.
 
Sie schaute auf den Redner. Sein Gesicht war gebräunt, was vor dem Hintergrund des weißen Uniformhemdes noch deutlicher zur Geltung kam.
Ein Hauch von Abenteuer umwehte ihn. Er war ihr unsympathisch. Mister obercool schaute in die Menschenmenge, nickte selbstsicher. Dann brachte er einen halb misslungenen Scherz, die Menge lachte verhalten.
Arschloch!
Der Typ laberte über Flugsicherheit und Terrorabwehr. Hanna war gelangweilt. Zuerst wirkte er leicht verwirrt. Er versprach sich mehrmals, legte zu lange Sprechpausen ein.
War er nervös? Schlecht vorbereitet? Hatte er gesoffen? Gekifft?
Hanna konnte ihre Schadenfreude nicht verleugnen.
Doch zusehends gewann der Typ an Sicherheit, nach wenigen Minuten wirkte er souverän. Er präsentierte seinen Vortrag mit eindrucksvoller Video- und Fotounterstützung. Hannas Langweile war vergessen. Nach einer halben Stunde beendete Bachmann seinen beeindruckenden Vortrag. Die Zuhörer applaudierten, er nickte dankend. Hanna stand auf und ging an die Treppe, die von der Bühne herunterführte, um ihn zu empfangen.
»Guten Tag, Kapitän Bachmann, mein Name ist Hanna Engels von der Frankfurter Presseschau. Sie haben eine beeindruckende Rede gehalten. Ich würde liebend gerne ein Interview mit ihnen durchführen.«
Er schaute sie lächelnd an, zwinkerte.
Ein Arschloch, wusste ich es doch.
»Guten Tag Frau Engels, sehr gerne.«
In einem Nebenraum setzten sie sich an den Tisch und Hanna fing mit dem Interview an. Bachmann erwies sich kompetenter Experte in seinem Gebiet. Eifrig machte Hanna sich Notizen. Als sie sich für einen Moment schweigend anschauten, spürte sie eine Veränderung. Sie erkannte, dass er kein arrogantes Arschloch war, sondern ein netter Kerl. Aus Abneigung wurde Neugier, aus Neugier Zuneigung. Sie spürte ein Kribbeln im Bauch und ein wunderbares Gefühl von Vertrautheit. Sie zwang sich dazu, an das Interview zu denken, an die nächste Frage.
»Und Sie behaupten, dass es niemals möglich sein wird, absolute Sicherheit gegen Terrorangriffe in der Luftfahrt zu gewährleisten?«
»Richtig. Alle Maßnahmen, die bisher auf den Weg gebracht wurden und alle Maßnahmen, die noch folgen werden, schrecken nicht alle potenziellen Terroristen ab. Sie werden Wege finden, um ihr Ziel zu erreichen.«
Sein Lächeln ist umwerfend.
»Wie zum Beispiel?«
»Er könnte eine Bombe als Fracht aufgeben.«
»Die Fracht wird überprüft und durchleuchtet.«
»Nicht die von zertifizierten, also von vertrauenswürdigen Spediteuren.«
»Die werden aber keine Bombe in der Fracht verstecken.«
»Der Terrorist könnte die Fracht- und Lieferpapiere fälschen, und damit als vertrauenswürdige Spediteure auftreten.«
Hanna schrieb in Schnellschrift die Antworten auf. Sie fand es erschreckend, wie einfach es doch war, einen Anschlag durchzuführen.
»Gibt es weitere Möglichkeiten für einen Anschlag?«
»Aber sicher. Ein Pilot könnte ein Selbstmordattentäter sein.«
»Die Piloten werden sehr sorgfältig auf ihre psychologische Eignung getestet.«
»Richtig. Das schließt aber nie aus, dass jemand sich verstellt oder auf die Tests vorbereitet. Der Pilot könnte auch im Laufe der Jahre durch schlechten Einfluss oder durch Schicksalsschläge vom rechten Weg abkommen.«
»Die psychologischen Tests werden nicht wiederholt?«
»Nein.«
»Sie sagen also, Fliegen ist gefährlich?«
»Nein, das sage ich nicht. Die Gefährdung ist relativ.«
»Wie meinen Sie das?«
»Fühlen Sie sich sicher, wenn Sie Auto fahren?«
»Ja.«
»Frau Engels, wissen Sie, wie viele Menschen letztes Jahr in Europa bei Autounfällen gestorben sind?«
»Nein.«
»Knapp 26000.«
»Ich hätte nicht gedacht, dass …«
»Das sind über 70 Tote pro Tag. Und dennoch sind Europas Straßen weltweit die sichersten.«
»Und jetzt werden Sie mir bestimmt sagen, wie viele Menschen bei Flugunfällen letztes Jahr in Europa gestorben sind.«
»Was schätzen Sie?«
»Keine Ahnung. 500?«
Herr Bachmann schüttelte den Kopf. »Schlecht geraten. »Es waren etwa 200. Weltweit!«
Hanna war beeindruckt. »Die Zahlen wirken überzeugend.«
»Die Gefahr ist natürlich trotzdem da. Wenn Sie fliegen, besteht die extrem geringe Chance, bei einem Flugunfall oder Terroranschlag ihr Leben zu verlieren. Wenn sie nicht fliegen, werden sie definitiv kein Opfer eines Flugunfalls.«
»Es sei denn, ich würde von einer abstürzenden Maschine erschlagen.«
»Sehen Sie, sogar wenn Sie nicht fliegen, können Sie dieser Gefahr nicht vollständig entkommen.«

Es klopfte an der Tür. Der Kongressveranstalter trat ein.
»Entschuldigen Sie die Störung. Aber einer meiner Redner ist kurzfristig ausgefallen. Können Sie nachher einspringen, Kapitän Bachmann?«
»Ich habe meinen Vortrag doch schon gehalten.«
»Sie könnten über das Sicherheitsproblem bei der Luftfracht sprechen. Das gehört doch zu ihrem Spezialgebiet.«
Bachmann nickte. »Dazu muss ich mich aber vorbereiten.«
»Wie lange brauchen Sie?«
»Mindestens eine Stunde.«
Der Veranstalter schaute auf seine Uhr. »Die Pause ist in 70 Minuten um. Dann gehört Ihnen die Bühne zum zweiten Mal.«
»Heißt das, wir müssen das Interview jetzt abbrechen?«, fragte Hanna.
»Leider ja«, sagte der Kapitän.
Mist! Wie schaffe ich es, das Interview nun zu beenden? Und wie schaffe ich es, mit ihm in Kontakt zu bleiben? Wenig Zeit! Ich muss auch die anderen Vorträge anhören und darüber schreiben. Morgen Abend geht mein Flug zurück nach Frankfurt. Verdammter Mist!
Dann kam ihr die Idee.
»Können wir uns heute Abend nochmal treffen, um das Interview zu abzuschließen? Vielleicht beim Abendessen? Ich lade Sie ein.« Hanna war über sich selbst erschrocken, das war ausgesprochen untypisch für sie.
Bachmann überlegte einen Augenblick, dann lächelte er. »Die Einladung nehme ich mit Vergnügen an.«
Hanna freute sich wie ein kleines Mädchen vor dem ersten Date. Das Interview würde sie fertig kriegen. Aber noch wichtiger war ihr die Gesellschaft dieses sympathischen Piloten. Was war nur los mit ihr? Noch nie fühlte sie so schnell so starke Zuneigung zu einem Mann. Von den  ‚Schmetterlingen im Bauch‘ hatte sie schon gehört. Was für ein Quatsch! So ein Gefühl gibt es nicht, glaubte sie. Doch nun wusste sie, was damit gemeint war. Es kribbelte mächtig in ihrem Bauch. Es war ein wunderschönes und intensives Gefühl.

Am Abend trafen sie sich in einem italienischen Restaurant. Die Schmetterlinge waren wieder da. Das Interview war nach weiteren 20 Minuten beendet. Sie brachte kaum einen Bissen hinunter. Wie auch? Schließlich hatte ein Riesenschwarm von Insekten Ihren Bauch besetzt.
Sie plauderten entspannt, er war charmant und witzig, sie fühlte sich sehr wohl bei ihm. Und sie fühlte eine starke Anziehungskraft.
»Wollen wir uns duzten?«, fragte er.
»Sehr gerne. Ich bin Hanna.«
»Ich bin Jens und freue mich sehr, mit dir hier zu sitzen.«
Hanna nickte. »Ich mich auch. Und ich bin froh, dass du jetzt nicht deine Uniform trägst.«
Jens lachte. »Keine Sorge. Während des Vortrages musste ich sie tragen, weil meine Firma darauf bestand. Ich mache so mehr Eindruck, meint mein Vorgesetzter.«
Hanna war beruhigt. »Was bedeutet die Münze an deinem Halskettchen?«, fragte sie.
Jens griff danach und lächelte. »Die alte deutsche Währung. Das Markstück ist mein Talisman. Ich trage die Münze nicht immer, aber wenn aufregende Momente zu erwarten sind, ist mein Glücksbringer dabei.«
»Aufregende Momente? Ist es das, was du mit mir heute Abend erwartest?«
»Ja, aber nicht so, wie du vielleicht denkst. Ich finde es aufregend, mit dir hier zu sitzen und mich mit dir zu unterhalten. Ich fühle …«
»Schmetterlinge?«
Er lachte. »Du scheinst meine Gefühle zu kennen.«
Sie stellten fest, dass sie am nächsten Abend mit der gleichen Maschine zurück nach Frankfurt fliegen würden.
»Ich werde es so organisieren, dass wir nebeneinandersitzen. Dann können wir uns noch lange unterhalten«, sagte Jens.
»Hoffentlich werden wir nicht Opfer eines Terroranschlages.«
»Mit dir an meiner Seite gehe das Risiko gerne ein.«