Prolog

Prolog
Tokio, 2013

Eine fiebrige Erregung durchzuckte seinen Leib. Igors Jagdinstinkt erwachte und damit auch die Gier zum Töten.
Es war laut in dem Einkaufszentrum mitten in Tokio, doch das Stimmengewirr und die Musik aus unsichtbaren Lautsprechern störten ihn nicht. Der Mörder schloss die Augen und begann mit seinem Ritual. Kräftig hob und senkte sich sein Brustkorb, als er mehrmals tief durchatmete.
Zuerst spürte er das vertraute Kribbeln in seinem Gehirn, dann die Verbindung zum Universum. Sein Geist verschmolz mit dieser unermesslichen Einheit aus Raum, Zeit, Materie und Energie. So wie alles war auch Igor ein Teil davon. Auch seine Vergangenheit, seine Gegenwart und das, was jetzt gleich passieren würde.
Das Blut rauschte in seinen Ohren, der Pulsschlag pochte an seiner Schläfe. Die archaische Mordlust traf ihn mit voller Wucht. In dem Moment, als die hochrangige Politikerin Itsuko Yamamoto an ihm vorbeilief, öffnete Igor die Augen. Abrupt blieb Yamamoto stehen. Sie starrte ihn an.
Igors Atem stockte, sein Körper zitterte in Vorfreude auf das Schlachtfest. Die Politikerin spürte die tödliche Gefahr, doch dann hatte Igor seinen Blutrausch wieder unter Kontrolle. Er sendete ihr beruhigende Gedanken. Einen Wimpernschlag später war für sie die Gefahr vorbei und vergessen. Auch die beiden Bodyguards, die neben Yamamoto standen, entspannten sich wieder. Das Trio lief weiter, Igor folgte. Die Jagd hat begonnen!
Die Politikerin betrat ein Spielwarengeschäft, um ein Geschenk für ihre kleine Tochter zu kaufen. Genauso, wie Igor schon am Vortag diesen Wunsch in ihr Gehirn gepflanzt hatte. Yamamoto ließ sich die Barbiepuppe mit den blonden langen Haaren vorführen. Sie konnte sprechen. »Komm, spiel mit mir«, quakte sie mit kindlicher Stimme in englischer Sprache. Mit dem verpackten Geschenk in der Hand verlies die Politikerin – die Personenschützer im Schlepp – das Geschäft. In großem Abstand folgte der Jäger. Sichtkontakt war nicht nötig. Selbst als sein Opfer über den Aufzug nach unten in das Erdgeschoss abtauchte, verlor er nicht ihre Fährte. Er sah ihre Gedanken. Es war wie ein mentales Navigationssystem, das Zielobjekt hatte keine Chance zu entkommen.
Igor spürte auch die Gedanken der beiden Bodyguards. Einen Besuch ihrer Schutzbefohlenen im belebten Einkaufszentrum waren sie nicht gewohnt, deswegen waren sie besonders vorsichtig. Sie platzierten ihren Schützling in der Mitte, doch es würde nichts nutzen.
Sie eilten aus der Shopping-Mall in die Fußgängerzone. Yamamoto schirmte ihre Augen gegen das Sonnenlicht ab.
Kurz darauf standen sie auf der Rolltreppe, die hinunter in die U-Bahn-Station führte, hinunter ins Grab.
Als Igor eine Minute später in der Station ankam, rauschte Adrenalin durch seine Adern.
Das kalte Neonlicht reflektierte im weißgefliesten Fußboden, Blut würde sich darauf besonders gut machen. Eine gelbgenoppte Fliesenreihe, das Blindenleitsystem, verlief parallel zur Bahnsteigkante. Yamamoto stand mit ihren Leibwächtern ganz vorne, nicht weit vom Schlund des Tunnels entfernt. Genau so, wie Igor es ihr mental befohlen hatte. Erst in einer halben Stunde würde die Rush-Hour beginnen, doch bereits jetzt herrschte leichtes Gedränge. Zwei Frauen mit glänzend schwarzen Haaren in weißen Kimonos standen in der Nähe der Politikerin. Rote Blumenmuster zierten ihre Kleidungsstücke. Sie tuschelten und kicherten. Anscheinend erkannten sie Yamamoto.
Die nächste einfahrende U-Bahn wurde auf der elektronischen Tafel angezeigt. Zwei Minuten! Über den Lausprecher wurde die Anzeige in blecherner Frauenstimme auf Japanisch und auf Englisch bestätigt. Lautes Stimmengewirr hallte durch die Station. Sanft erwachte das unheilvolle Dröhnen.
Igor stellte sich an die Wand, etwa zehn Meter von seiner Beute entfernt und konzentrierte sich auf die beiden Leibwächter, um sie abzulenken.
Sie wurden unruhig, sahen plötzlich einen verdächtigen Japaner, der auf der Bank saß und in seiner Tasche kramte. Die Leibwächter stellten sich zwischen dem Verdächtigen und ihrer Schutzbefohlenen.
Das Rumoren der näherkommenden U-Bahn wurde lauter, schwoll zu bedrohlichem Donnern an. Der Boden bebte, ein Luftstoß wehte aus dem schwarzen Tunnelmaul in die Haltestelle.
Einer der beiden Personenschützer steckte die Hand unter sein Jackett. Sie dachten, die Gefahr ginge von dem Mann auf der Bank aus und erkannten nicht die Falle. Igor lächelte und schloss die Augen. Er drang in die Gedanken seiner Beute ein. Es war wunderbar, darin zu wühlen.
Yamamoto fasste sich an den Kopf, ihr wurde schwindelig. Wie ein übermächtiges Monster rauschte der gelbe, eckige Triebwagen in die Haltestelle. Das Quietschen der Bremsen schmerzte in den Ohren. Zeitgleich schwanden der Politikerin die Sinne. Die Plastiktüte mit dem Geschenk rutschte aus ihrer Hand. Yamamoto torkelte nach vorne, direkt an die Kante des einfahrenden Zugs. 100 Tonnen harter Stahl gegen 60 Kilogram weiches Menschenfleisch, ein ungleiches Duell. Der Körper der Frau wurde einige Meter mitgeschleift, rutschte zwischen Zug und Bahnsteigkante. In dem drei Zentimeter schmalen Spalt wurde die Politikerin zerrieben wie eine Fliege in den Handflächen.
Knochen barsten, Fleisch wurde zerrissen, Blut spritze auf die Kimonos der beiden schockierten Frauen. Die roten Spritzer passten zum Blumenmuster.
Die Verpackung mit dem Geschenk lag zerfetzt auf dem Boden, Menschen trampelten entsetzt über die Barbiepuppe. Sie sprach. Niemand konnte es in dem Chaos hören, Igor aber schon. »Komm, spiel mit mir.«
Schreie hallten durch die Station, Panik brach aus. Die Menschen drängten von der Einsteigkante zurück, möglichst weit weg von dem Gräuel. Frauen hielten im Schock ihre Hände vor den aufgerissenen Mündern, drehten schockiert ihre Gesichter zur Seite. Die beiden Bodyguards starrten fassungslos über ihre Schultern, sahen die Überreste ihrer Schutzbefohlenen.
Der linke Unterarm der Politikerin lag auf dem gelbgenoppten Blindenstreifen, der Ehering – noch am Finger – glänzte im Neonlicht. Die Finger bewegten sich, krallten sich an die gelben Noppen und zogen den Unterarm vorwärts. Eine schleimige, braungelbe Flüssigkeit, Gehirnmasse und Teile vom Darm breiteten sich auf dem Boden aus, alles war mit Blut bespritzt.
Polizisten waren plötzlich da, schrien Kommandos.
Igors Herz raste, sein Oberkörper hob und senkte sich im Takt der Atmung. Die emotionale Wucht packte ihn wie eine Flutwelle, er wollte Schreien vor Glück. Den Energiestrom erfasste ihn wie ein heißer Orkan. Es war diese Energie, nach der er lechzte. Sie stärkte ihn, machte ihm zum Gott. Nach wenigen Augenblicken klang der geistige Orgasmus ab. Tief befriedigt öffnete Igor die Augen. Er war erschöpft, Schweiß stand auf seiner Stirn, doch er fühlte sich wunderbar.
Er folgte den letzten Menschen, die hektisch auf der langen Rolltreppe nach oben drängten.
Grelles Tageslicht empfing ihn. Menschen rannten aufgeregt durcheinander. Sanitäter eilten vorbei, hinunter in die U-Bahn-Station. Sie würden nicht viel zu tun haben.
Die schrägstehende Sonne tauchte eine Hälfte der Fußgängerzone in gleißende Helligkeit. Die andere Hälfte wirkte dagegen düster. Igor lächelte. Das Lichtspiel erinnerte ihn an sein perfektes Doppelleben. Eines führte er im Schatten, eines im Licht. Das im Licht, das war ein Gutes, das im Schatten aber nicht.