Kapitel 14

Singapur, 14. August 2014

… Großzügig entlohnte er den Taxifahrer, stieg aus und schlug die Tür zu. Er atmete tief durch, dann schwang er lässig den roten Rucksack über die Schulter. Es war kurz vor 23 Uhr, eine gute Zeit für die Jagd. Mit zustimmendem Kopfnicken beobachtete er die vorbeiströmenden Passanten und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Der Geylang Distrikt war belebt, die Straßenrestaurants waren gut besucht und in den kleinen Geschäften tummelten sich die Menschen. Es würde leicht sein, hier ein Opfer zu finden.
Er schaute in den Nachthimmel. Einige Sterne kamen ihm wie alte Gefährten vor. Im Winter des Jahres 1627 gab ihm das Sternenbild Orion Kraft, als er nachts durch das schmale Kerkerfenster blickte. Andere Sternenbilder, wie etwa das Kreuz des Südens, kannte er erst, seit er das jetzige Leben lebte.
Eine vertraute Erregung durchströmte seinen durchtrainierten Körper, der leicht erhöhte Pulsschlag war ein Zeichen seiner erwachenden Gier. Trotzdem war er geduldig. Er war ein erfahrener Jäger und wusste, dass er Beute finden würde.
Er schloss die Augen und atmete – im Geiste zählend – tief in den Bauch. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig. Für weitere fünf Sekunden hielt er die Luft an, bis er sie geräuschvoll für die nächsten fünf Sekunden durch seinen leicht geöffneten Mund ausatmete. Fünf Sekunden später wiederholte er das Ritual. Insgesamt fünf Mal. Es war wie eine religiöse Zeremonie. Mit diesem Ritual pumpte er Sauerstoff in seinen Körper und in sein Gehirn. Alle störenden Gedanken waren verschwunden, sein Geist verschmolz mit der Energie des Universums. Jahrtausendalte Fähigkeiten, die es beim Menschen des 21ten Jahrhunderts längst nicht mehr gab, entfalteten ihre Kraft. Die Passanten, die ihn sahen, mussten denken, er meditierte und wand dabei sein Gesicht dem Sternenhimmel zu. Tatsächlich aber verwandelte er sich gerade in einen Dämon. Seine Nüstern blähten sich leicht auf im Rhythmus der Atemfrequenz und sein sechster Sinn übernahm die Kontrolle. Nun war er nur noch ein Jäger. Bereit, die Beute aufzuspüren und zu erlegen.
Er senkte wieder den Kopf, öffnete seine Augen und lief los. Langsam, er hatte Zeit. Mächtig wie ein Gott fühlte er sich, er war der Herrscher über Leben und Tod. Heute Nacht würde er wieder ein Leben nehmen. Scheinbar ziellos schlenderte er die Straße entlang, doch der Dämon ließ sich leiten von seinem Instinkt und konzentrierte sich auf die Gedanken der Nutten. Er suchte eine willensstarke Frau. Eine, die verbissen um ihr Leben kämpfen würde.
Dann fand er sein Opfer. Die leicht übergewichtige Inderin war Anfang 40, hatte schwarze, gewellte Haare und ein markantes Kinn. Ihre fetten Brüste quollen aus dem zu kleinen BH. Der rote Punkt auf ihrer Stirn – das Bindi – war ursprünglich ein Zeichen dafür, dass die Frau verheiratet war. Es soll sie und ihren Ehemann beschützen. Der Dämon spürte, dass diese Inderin das Bindi jedoch nur als ein Lockmittel einsetzte, da sie wusste, dass viele Männer den Sex mit verheirateten Frauen liebten. Sie trug einen roten Sari, einen langen Rock mit bauchfreiem Oberteil. Die Nutte saß auf einem weißen Plastikstuhl neben dem Parkplatz. Ihre Bauchwulst quetschte sich selbstsicher zwischen den Kleidern hervor.
Eigentlich bevorzugte der Dämon schlanke Frauen, doch er spürte, dass er mit dieser indische Schlampe viel Spaß haben würde. Sie war zäh und würde sich im Angesicht des Todes erbittert wehren. Sie abzuschlachten, musste ein wahres Vergnügen sein.
Der Dämon blieb stehen und nickte der Ausgewählten freundlich zu, sie musterte den potenziellen Kunden abschätzend. Mit seinem schwarzen kurzärmligen Hemd, der beigefarbenen Leinenhose mit Bügelfalte und den schwarzen Schuhen sah er sehr gepflegt aus.
»Guten Abend hübsche Frau. Ich bin alleine hier in Singapur und würde mich freuen, wenn du mir ein wenig Gesellschaft leistest.«
»Aber gerne, hübscher Mann.«
»Darf ich dich auf einen Drink einladen?«
Sie stand auf und hakte sich bei ihm ein. »Na klar. Ich trinke Gin-Tonic.«
Gemütlich schlenderten sie zur nächsten Bar. Sie führten eine nette Unterhaltung, er war galant und freundlich.
»Wie heißt du?«
»Ich heiße Jens, und du?«
Sie reichte ihm die Hand. »Du darfst mich Harshada nennen.«
»Harshada? Ein schöner Name. Was bedeutet er?«
»Geberin der Freude.«
Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
»Meine liebe Harshada, ich würde viel geben, um der Empfänger dieser Freude zu sein.«
»Wie viel?«
»200 Singapur Dollar!« Das waren etwa 130 Euro, und es war zu viel. Hier im Rotlichtmilieu lagen die Preise für eine Stunde Sex bei 50 Singapur Dollar, für eine ganze Nacht bei 150 Dollar. Harshada glaubte, einen Trottel vor sich zu haben.
»Dein Angebot ist enttäuschend, fast schon beleidigend für meine Qualitäten.«
»Und welche Qualitäten habe ich fast beleidigt?«
»Ich lasse kaum Wünsche offen. Es muss nur mit Schutz sein, ansonsten ist alles möglich.«
»Der Schutz ist mir auch oberstes Gebot. Du gefällst mir. Ich bin bereit, dir 250 Dollar zu geben.«
»Tut mir leid, Jens. Unter 300 Dollar kann ich nicht arbeiten. Aber ich verspreche dir, ich bin es wert.«
Er kratzte sich am Kopf, so, als ob er nachdenken würde. »Also gut, 300 Dollar. Dann möchte ich aber meine Fantasie ausleben.«
Für einen Augenblick wurde sie hellhörig. Ihr Schutzengel warnte sie, doch sie schlug die Warnung in den Wind. 300 Singapurdollar waren zu verlockend.
»Muss ich Angst vor dir haben?«
Unglaublich, wie naiv die Schlampe war!
»Angst? Vor mir? Aber nein! Ich kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Meine Frau kommandiert mich ständig herum. Ich müsste ihr jeden Tag eine Tracht Prügel verpassen, doch irgendwie geht das nicht. Nun möchte ich beim Sex mir dir an sie denken und eine harte, eine erniedrigende Sprache verwenden. Kannst du diesem Wunsch nachkommen?«
Sie tat so, als ob sie eine schwere Entscheidung zu treffen hätte.
»Also gut. Ich bin einverstanden«, antwortete sie mit überheblichem Lächeln.
Diese geldgeile Hure glaubte doch tatsächlich sein schwülstiges Gelaber. Wie bescheuert die Gattung ‚Frau‘ doch war!
»Ich habe ein hübsches Hotelzimmer, das ich dir gerne zeigen würde. Es ist nur ein paar Fußminuten von hier weg«, lockte er sie weiter.
»Welches Hotel?«
»Das golden Snake.«
Harshada war enttäuscht. Sie kannte dieses schäbige Hotel und hatte auf etwas Besseres gehofft. Doch die Aussicht auf das gute Geschäft war zu verlockend.
»Zeig mir dein hübsches Hotelzimmer.« Sie dachte an leichte Beute und hatte keine Ahnung, dass sie selbst die Beute war.
Sie hakte sich wieder bei ihm unter, als sie durch die Straße spazierten. Das war ein unmissverständliches Zeichen an die anderen Prostituierten. Finger weg, von dem Typen! Er gehört mir.
»Was bringt dich nach Singapur, mein Lieber?«
»Ich bin Pilot.«
»Pilot? Das ist ja wunderbar. Vielleicht kannst du mir das Fliegen beibringen.«
»Nicht nur vielleicht, meine Süße.«
In dem Hotel in einer kleinen Seitenstraße zwischen Lorong 20 und Lorong 18 hatte der Mörder schon im Voraus zwei Zimmer für vier Tage bezahlt.
Das Golden Snake Hotel war eine schäbige Absteige, der Putz bröckelte von den Wänden, der Boden war versifft, die wenigen Möbel stark in Mitleidenschaft gezogen. Doch hier scherte sich niemand um die Einrichtung, hier wurde gefickt. Es war einer dieser Orte, an denen Diskretion heilig war. Hier scherte sich niemand um den anderen, hier konnte der Dämon seine Beute in Ruhe zerstückeln.
Am Nachmittag hatte er dem alten Chinesen an der Rezeption klargemacht, dass er seine Ruhe haben möchte und von niemandem gestört werden wollte. Dafür zahlte der Mörder den doppelten Preis, 800 Dollar, das waren umgerechnet über 500 Euro. Der Chinese, der auch der Hotelbetreiber war, rieb sich die Hände. Doch dann wollte der stinkende Alte mit den fetten Haaren den Ausweis für eine Registrierung sehen.
»Das ist Gesetz hier in Singapur«, rechtfertigte er sich mit linkischem Lächeln. Der Dämon zückte seinen Reisepass und hielt ihn den Chinesen vor die Nase. Als der zugreifen wollte, zog der Dämon den Pass wieder zurück.
»Den gebe ich nicht aus der Hand. Wie du siehst, bin ich aus Deutschland. Das muss dir genügen.«
Der Chinese konnte ansatzweise den Namen erkennen. Jens Bach …, für genaueres Lesen blieb jedoch keine Zeit. Zufällig fielen fünf Einhundert-Dollar-Banknoten aus dem Reisepass auf den Tresen. Der Deutsche machte keine Anstalten, das Geld wieder einzusammeln und schaute den Chinesen mit ausdrucksloser Miene an.
Der Chinese starrte auf das Geld, dann auf den Fremden.
»Das reicht für die Registrierung«, sagte der Chinese und hastig sammelte er die Geldscheine ein. Dabei schaute er sich verstohlen nach allen Seiten um. Niemand war in der Nähe, der die Bestechung beobachten konnte.
Und nun kam der Deutsche mit einer Inderin zurück. Wie schon am Nachmittag setzte er vor dem Eintreten Sonnenbrille und Baseballmütze auf.
»Es ist niemals zu dunkel, um cool zu sein«, bemerkte Harshada spöttisch.
»Ich gehe normalerweise nicht in solche Häuser«, gab er verlegen zurück. Sie amüsierte sich über seine Scham.
Der alte Chinese, der auf dem Stuhl hinter dem Empfangstisch schlief, hob kurz den Kopf, erkannte den großzügigen Deutschen vom Nachmittag, und schlief weiter.
Der Treppenaufgang war genauso düster wie der Eingang. Im oberen Stockwerk angekommen, führte er sie zum letzten Zimmer des Korridors. Der Dämon öffnete Zimmer Nr. 405. Da er auch das Nebenzimmer gebucht hatte, konnte er sicher sein, dass es keine störenden Nachbarn gab. Das Doppelbett in dem Zimmer hatte einen Metallrahmen und war somit genau das richtige für seinen Plan.
Ein einfacher Holztisch mit passendem Stuhl stand in der Ecke. Hinter der weißen Holztüre, von der die Farbe abblätterte, befand sich das Badezimmer. Dort trennte ein verschimmelter rosaroter Plastikvorhang mit ausgeblichenen Blumenmustern die Dusche ab. Die Toilettenschüssel zeigte einige Risse und war vergilbt. Die Klobrille aus grünem Plastik lag schief auf dem Rand der Toilette. Einen Toilettendeckel gab es nicht.
Als der Dämon die Tür hinter sich schloss, forderte sie ihren Lohn ein.
»Du musst mich vorher bezahlen.«
Er stotterte verlegen. »Bekomme ich dann, … ich meine, … trotzdem noch, … meinen … meinen Service?«
»Aber ja, ich habe schließlich einen guten Ruf zu verlieren.«
Er zog ein fettes Bündel Geldscheine aus seiner Hosentasche und zählte 300 Singapurdollar ab. Ihre Augen leuchteten, als sie das viele Geld in seinen Händen sah.
Mist! Ich hätte noch mehr rausholen können. Aber wer sagt, dass ich das nicht noch kann? Ich will das ganze Geld von diesem Schwachkopf. ALLES!
Plötzlich kam ihr das Hotel gar nicht mehr so schäbig vor und sie war viel freundlicher. Flüchtig berührte sie seinen Arm und warf ihm schöne Blicke zu.
»Mein lieber Jens, wie wäre es, wenn du deinen Rucksack auf den Boden stellst und dich aufs Bett legst? Ich werde dich zur Erholung ein wenig Massieren.«
»Gleich, Harshada. Darf ich dich bitten, erst zu duschen? Ich mag es reinlich.«
»Was denkst du von mir? Ich bin doch keine dreckige Schlampe!«
»Natürlich nicht! Aber es ist wie eine psychologische Sperre. Ich kann dich nur genießen, wenn du frisch gewaschen bist.«
»Also gut. Das kostet dich aber weitere 100 Dollar.«
Der Dämon schüttelte ungläubig den Kopf. Er würde seinen Spaß haben mit diesem geldgierigen Fickfleisch.
»Sag mal Harshada, willst du mich abzocken?«
»Ach Quatsch. Aber ich muss doch auch sehen, wie ich über die Runden komme. Das Leben ist nicht billig hier in Singapur. Also, was ist nun? Bist du bereit, für die Dusche zu zahlen?«
Mit einem Seufzer zückte er wieder das Geldbündel und blätterte den gewünschten Betrag aufs Bett. Zufrieden zog sie sich aus und ging ins Bad.
Er war gespannt auf die ‚Geberin der Freude‘. Bald würde er herausfinden, ob sie ihrem Namen gerecht wurde.
»Du musst dich aber auch duschen«, rief sie aus dem Badezimmer.
»Ok, mach ich«, rief er zurück. »Kostet dich aber 100 Dollar.« Sie lachte spitz.
Der Dämon zog sich aus, legte seine Kleider auf den wackeligen Holztisch und ging zu ihr ins Badezimmer. Sie war gerade fertig und trocknete sich mit einem der beiden ausgefransten Handtücher ab. Dann quetsche sie sich mit ihren fetten Brüsten an ihm vorbei zurück in das kleine Zimmer.
»Ich warte im Bett auf dich, mein Lieber.«
Als der Dämon sich duschte, sagte ihm sein Instinkt, dass die Nutte sich gerade an seiner Hose zu schaffen machte und sein Geld klaute. Kurze Zeit später stieg er aus der Dusche und lächelnd trocknete sich ab.
»Komm her, mein Junge. Ich entführe dich jetzt in die Welt der Liebe.«
Mein Junge? Diese bescheuerte Kuh hatte nicht die geringste Ahnung, was gleich mit ihr passieren würde …