Seelenreise

Alexander Kaufmann schüttelte ungläubig den Kopf. Obwohl das Zimmer angenehm kühl war, bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn.
„Conrad, Du spinnst! Das kann nicht dein Ernst sein.“
„Doch, doch. Du kennst mich. Mit so etwas scherze ich nicht. Und nun brauche ich dich für dieses Experiment.“
Glühender Enthusiasmus sprang aus Conrads Gesicht, während Alexander energisch abwinkte.
„Vergiss es. Auf keinen Fall werde ich dein Versuchskaninchen sein. Such dir jemand anderen.“
Nein! Diesmal würde Alexander der Bitte von Conrad nicht nachkommen.

Professor Dr. Conrad J. Siegrist, 49 Jahre alt, war Neurowissenschaftler. Ein Genie auf seinem Gebiet. Mit seinem schlaksigen 1.90 Metern Größe und seinen wirren blonden Haarschopf machte er dem Klischee des zerstreuten Professors alle Ehre.
Die beiden waren seit ihrer Schulzeit die besten Freunde und sie halfen sich, wo immer nötig. Aber das hier war etwas anderes. Als Pilot war Alexander darauf geschult, Gefahren abzuwägen, und das hier war eindeutig zu gefährlich… oder doch nicht?

Conrad sprach verschwörerisch auf ihn ein.
„Alex, du bist der einzige Mensch, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann. Meine Erfindung darf auf keinen Fall an die Öffentlichkeit kommen. Die Mächtigen dieser Welt würden mich jagen.“
„Warum denn das?“
„Mit meiner Erfindung setze ich mentale Fähigkeiten frei, die einige wenige Menschen schon vor tausenden von Jahren hatten. Damals hatten sie es mit strenger Meditation geschafft. Das kann heute niemand mehr. Hast du dich noch nie gefragt, warum immer wieder einzelne Völker wesentlich weiter entwickelt waren als andere Völker ihrer Zeit? Denke an die Inkas, die Ägypter, die Griechen.“
„Erzähl weiter.“ Alexander war fasziniert und in Conrads Gesicht schlich sich ein Lächeln. Er wusste, dass er Alexanders Gier für das Unbekannte, das Unerforschte geweckt hatte.
„Mit der Trennung von Körper und Geist kann sich die Seele frei durch den Raum bewegen, sogar durchs Universum, und …“ Conrad hielt verschwörerisch inne.
„Und?“
„und durch die Zeit.“ Sie schauten sich an. Alexander musste das Gesagte erst verdauen.
„Du hast eine Zeitmaschine entwickelt?“
„So etwas in der Art.“
„Und du möchtest, dass ich deine Erfindung teste?“
Conrad grinste breit. „Genau.“ Wild gestikulierend und voller Leidenschaft sprach der Wissenschaftler von den Möglichkeiten seiner Erfindung.
Alexander ließ sich mitreißen von der Magie des Unfassbaren.
„Welche Risiken bestehen dabei für mich?“
„Ach, Risiken“, Conrad winkte ab, „ich würde dich nicht fragen, wenn ich Risiken erwarten würde. Außerdem besteht das ganze Leben aus Risiken. In einer Stunde schon könntest du einen schweren Verkehrsunfall haben. Und sterben müssen wir alle früher oder später sowieso einmal.“
Es war typisch für Conrad, solch eine Antwort zu geben. Manchmal wusste man nicht, ob er es ernst meinte.
Alexanders Neugier wuchs.
„Sag mir, ob es eine Garantie dafür gibt, dass dieses Experiment auch klappt?
„Garantie? Deine Garantie ist dein Vertrauen in meine Fähigkeiten.“
„Ähh… Natürlich. Und nun erkläre mir doch bitte, wie deine Erfindung funktioniert?“
Darauf hatte Conrad nur gewartet. Er rieb sich in freudiger Erregung seine Hände:
„Aaaalso, das ist ganz einfach. Ich habe eine transkranielle Magnetstimulation zur Potenzierung der Phosphene und Skotome mit der biphasischen Strompulsform gekoppelt, um mit dem Kortexareal die Hypergalagti…
„STOPP! Conrad! Stopp… Ich machs. Ich ergebe mich deinem geheimnisvollen Gehirnexperiment für einen Flug mit meiner Seele.“
„Wirklich? Bist du dir sicher?“
„NEIN! Bin ich nicht. Also frag nicht. Fang einfach an.“

Wenige Minuten später lag Alexander auf der Pritsche in Conrads privatem Labor in seiner Villa in Eimsbüttel bei Hamburg. Der Rollladen des schalldichten Fensters war heruntergelassen. Kein Lärm von außen störte. Sanftes Licht erhellte schwach den Raum und leise Meditationsmusik schwang in der Luft. Alexanders Oberkörper, Stirn und Schläfen waren gespickt mit Saugnäpfen. Die wiederum waren mit bunten Kabeln an einen hellgrauen Metallkasten gekoppelt. Rote, blaue, grüne, gelbe Kabel, ein farbenprächtiges Chaos. Conrad arbeitete hochkonzentriert an seinem Tisch, der einem Schaltpult glich.

„Wofür benötigst du den Defibrillator und das Sauerstoffgerät?“, fragte Alexander, während er besorgt in die Ecke blickte.
Ohne vom Bildschirm aufzuschauen kam die Antwort.
„Reine Vorsichtsmaßnahme. Du kennst mich ja. Sicherheit ist bei mir oberstes Gebot.“
„Conrad?“
„Ja?“
„Ich hab Schiss.“
Conrad hielt mit seiner Arbeit inne und schaute ihm für einige Sekunden direkt in die Augen. „Damit bist du nicht alleine.“
Alexander verdrehte die Augen. Auf was hatte er sich da nur eingelassen? Sein Hals wurde trocken. Er war nervös. Sein Herz hämmerte und er spürte seine pulsierende Schläfen.
Wenige Augenblicke später hatte Conrad die Vorbereitungen abgeschlossen. Mit belehrender Stimme sprach er zu Alexander.
„Hör zu: du wirst nur einen kurzen Spaziergang mit deiner Seele machen, dich in diesem Zimmer bewegen. Wenn du dich traust, kannst du dich auch im Haus umschauen. Dann kommst du aber gleich wieder zurück. Du musst nur an einen Ort denken, und schon bist du da. Übertreibe es nicht. Verstanden!“
„Aye aye Sir. Und was passiert mit meinem Körper?“
„Keine Sorge. Dein Körper wird in einem Schlafzustand sein. Ich passe auf dich auf.“
Alexander atmete tief durch.
„Also gut. Ich bin bereit.“
„Ok. Alexander! Es geht los.“
Die Saugnapfelektroden an seinem Kopf sendeten angenehme Wellen der Entspannung in sein Gehirn.
Alexander wurde ruhig und sein Atem flacher. Der Herzschlag sank unter 40 Schlägen pro Minute. Seine Augen waren nun geschlossen, die Arme und Beine wurden ganz schwer. Die leise Musik machte ihn schläfrig.
Und da passierte es!
Es war ein Gefühl, als ob zwei starke Haftmagnete an ihren Griffen auseinander gezogen wurden. Erst ging es ganz schwer und nichts bewegte sich. Aber plötzlich, als die Anziehungskraft der Magnete überwunden war, trennten sich die Magnete mit einem kräftigen Ruck. Nur waren es keine zwei Magnete, die gerade auseinander gerissen wurden, sondern sein Körper und seine Seele. Unfassbar! Es funktionierte!
Alexander war im ersten Moment verwirrt und er fühlte eine leichte Benommenheit. Der gelbliche Schleiernebel war nur kurz zu erkennen, bevor er verschwand.
Dann fühlte er sich frei. Frei und frisch, wie neugeboren, aber mit der Erinnerung eines Menschenlebens. Und er fühlte sich verdammt gut.
Alexander blickte auf seinen schlafenden Körper, der auf der Pritsche lag. Der Körper erschien im plötzlich wie ein Gefängnis, das er gerade verlassen hatte. Dann sah er sich um. Nur der Wille war nötig, um sich zu bewegen. Erst drehte er sich langsam nach links, dann schwebte er höher, in die Ecke, und zurück neben die Pritsche.
Alexander sah, wie Conrad begeistert auf einen der Bildschirme am Kontrollpult schaute.
„Alex, du musst jetzt deinen Körper verlassen haben.“
Conrad stand auf und schaute sich im Zimmer um. Er konnte natürlich nichts sehen.
Alexander fand immer mehr gefallen an seinem neuen Schwebezustand. In Gedankenschnelle bewegte er sich durchs Zimmer. Nach rechts, nach links, nach oben, nach unten. In blitzartiger Geschwindigkeit sauste er durch den Raum.
Er verließ das Zimmer, das Haus. Raus auf die Straße. Nur für einen Augenblick. Und sofort wieder zurück ins Zimmer. Neben seinen Körper. Oh ja, es klappte. Alexander wurde wagemutiger. Es war ein Rausch. Er stellte sich vor, in München zu sein, auf dem Viktualienmarkt. Und schon war er da. Ganz intensiv roch er die Gewürze, das Obst, die Blumen. Er hörte die Menschen, sie feilschten und lachten. Alexanders Sinne waren nun viel stärker ausgeprägt. Die Augen eines Adlers, die Nase eines Hundes, die Ohren einer Eule.

Conrad war zufrieden. Er wusste zwar nicht, wo Alexander gerade mit seiner Seele war, aber er erkannte an den Anzeigen auf dem Bildschirm, dass der Körper seines Freundes in einem Trance-Zustand war. Leider hatte Conrad vergessen zu erwähnen, dass Alexander auf keinen Fall eine Zeitreise machen durfte. Dafür war die Erfindung noch nicht ausgereift. Aber er hatte ja Alexander klare Anweisungen gegeben und er vertraute ihm.

Alexander machte inzwischen die Probe: Schnell von München zurück ins Laborzimmer. Jaaaaa, es flutschte nur so. Er sah, wie sein Freund – vor dem Bildschirm sitzend – irgendwelche Geräte überprüfte.
Alexander dachte an Grönland. An einen Gletscher, der steil ins Meer ragte. Und schon war er da. Der Gletscher war hochträchtig. Er kalbte. Es krachte und knirschte überall. Betäubender Donnerhall schallte über das Meer. Ein gigantisches Schauspiel. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, rutschte ein gewaltiger Brocken Eis in der Größe eines Hochhauses vom Gletscher ab und versank im Meer. Alexander schwebte ganz nah hin. Er roch das Salz des Meeres und er roch das Eis. Er spürte den Fallwind, der mit dem versinkenden Giganten ins Wasser stürzte. Die Kälte konnte ihm nichts anhaben. Alexander war ja keine Materie. Er war ein Geist.
Es war ein chaotischer Mix aus Wasser und Luft um ihn herum. Wäre er nun in seiner menschlichen Hülle hier gewesen, wäre er gestorben. Aber seine Seele, die war unantastbar.

Was hatte Conrad gesagt? Man kann auch durch die Zeit reisen? Die Versuchung war zu groß. Alexanders Neugier ließ ihm keine Wahl.
Was war früher sein Lieblingsthema in Geschichte gewesen? Klar, der erste Weltkrieg. Er dachte an Verdun, 1917. Grabenkrieg. Und tatsächlich, im nächsten Augenblick war er mitten unter den deutschen Soldaten in einem Schützengraben. Schlamm überall. Ausgemergelte Gesichter. Junge Gesichter. Es roch nach Urin. Es roch nach Angst, es roch nach Kotze. Ein Angriff stand bevor.
„Sie kommen“, rief jemand durch den Graben. Die Soldaten lehnten sich Schulter an Schulter an die Brüstung. Angst in ihren kindlichen Gesichtern.
Erste Geschosse pfiffen wie wilde Hornissen über die Köpfe hinweg. Alexander schwebte mal außerhalb des Grabens, mal ging er mitten hinein.
„GAS! GAS!“ Der Warnruf erzeugte Entsetzen. Alle fummelte an ihrem Container mit der Gasmaske…

Aber was war das? Jemand rief seinen Namen. Ein Sog, dem er sich nicht entziehen konnte, setzte ein. Plötzlich war Alexander wieder im Zimmer bei Conrad. Der Anblick, der sich ihm bot, war schockierend. Conrad lehnte über seinem leblosen Körper. Der Defibrillator riss die schlaffe Brust von Alexander in die Höhe. Es sah so aus, als ob eine leblose Puppe heftig durchgeschüttelt wird.
Conrad schrie: „Alex! Verdammt. Komm zurück. Lass mich nicht im Stich.“
Der Professor war in Panik.
Conrad rannte zum Kontrollpult und hämmerte wie irre auf den Tasten herum.
Wieder das Gefühl der Magneten. Diesmal waren sie umgepolt. Sie zogen sich nun an.
NEIN! Nicht zurück in den Körper. Alexander wollte frei bleiben.
Die Magnete knallten zusammen. Schmerzen! Alexander wurde plötzlich schlecht. Sein Herz brannte, als er seine Augen aufschlug. Er war wieder in seinem Körper, er war wieder gefangen.
„Alexander, Gott sei Dank. Du bist zurück,“ sagte Conrad mit Freudentränen in seinen Augen. Er hob seinen Freund an den Schultern hoch in eine sitzende Position und umarmte ihn herzlich.
„Was ist passiert?“, fragte Alexander verwirrt.
„Dein Körper hat im wahrsten Sinne des Wortes den Geist aufgegeben. Das Herz schlug nicht mehr. Du warst klinisch tot.“
„Nun, ich fühle mich zwar zum Kotzen, aber klinisch tot bin ich definitiv nicht.“
Conrad nickte. Zum Glück hatte Alexander einen durchtrainierten und gesunden Körper. Er konnte den kurzen Herzstillstand gut wegstecken.

Der Professor war gerade dabei, die Saugnäpfe abzunehmen, als Alexander ihm an den Handgelenken packte, um ihn davon abzuhalten.
„Conrad, es war fantastisch. Ich will zurück.“ forderte Alexander mit Begeisterung. Er ignorierte sogar die Tatsache, dass sein Körper dabei fast gestorben wäre.
Conrad hielt inne und schaute Alexander wieder in die Augen. Dann schüttelte er traurig seinen Kopf.
„Nein Alexander. Es wird keine Wiederholung geben. Als ich dich da mit Herzstillstand liegen sah, habe ich einen Deal mit dem Universum abgeschlossen. Ich habe versprochen, die Erfindung zu vernichten, wenn die Natur dich wieder zurück ins Leben spuckt. Das Universum hat sich darauf eingelassen. Nun muss auch ich mein Wort halten.“
„Was willst du mir damit sagen?“
„Die Unterlagen und die Datenbank werde ich zerstören. Ich weiß nun, dass es so besser ist. Die Risiken sind einfach zu hoch.“
„Komm schon, du hast mich ja gerettet. Noch ein einziges Mal. Diesmal stelle ich die Bitte. Du bist mir was schuldig.“
„Nein Alex. Wie kannst du von mir verlangen, dass ich dein Leben riskiere?
Alexander nickte traurig. Sie setzen sich beide auf die Pritsche und Conrad legte seinen Arm freundschaftlich um Alexanders Schulter.
„Los, las hören. Was hast du erlebt?“
Begeistert erzählte Alexander von seiner wunderbaren Reise.
„Nun Alex, die nächste Reise deiner Seele wirst du ohne meine Hilfe antreten. Dann wird es allerdings eine Reise ohne Rückkehr sein. Aber hoffentlich erst in sehr vielen Jahren.“