Fliegen verbindet

„Sag das nochmal. Aber langsam bitte.“ Wut machte sich in ihr breit. Sie lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und verschränkte die Arme.
„Karin, versteh mich doch. Hubert hat sich überraschend krankgemeldet. Und da ihr beide die Einzigen seid, die an dem Projekt arbeiten, kannst nur Du ihn auf dem Kongress in New York ersetzen. Du musst einfach fliegen.“
Ihr Chef, Professor Dr. Michael Kümmert, rückte sich seine Brille mit dem Zeigefinger zurecht. Er fühlte sich sichtlich unwohl, als er so vor ihr stand und ihr die Nachricht überbrachte.
„So, so. Ich muss also nach New York fliegen? Und wenn ich mich nun auch überraschend krankmelde? Ehrlich gesagt, ich fühle mich im Moment gar nicht gut.“ Karin war sich sicher, sie würde gerade an diesem Wochenende nicht fliegen.
„Ok. Ich verstehe Dich. Was muss ich tun, damit ich Dich überreden kann?“
Ah, dachte sich Karin, jetzt ändert er seine Taktik.
„Michael, ich sehe Dein Problem. Aber ich habe dieses Wochenende einen Segeltörn mit meiner Tochter geplant. Wenn ich jetzt nach New York fliege, breche ich ihr das Herz.“
Dr. Karin Petersen war 47 Jahre alt und seit 2 Jahren geschieden. Wenn man dieser zierlichen und attraktiven Frau gegenüberstand, konnte man ihre Energie spüren. Sie war voller Tatendrang. Ihre blonden Haare hatte sie kurz geschnitten, weil das so fürs Segeln praktischer war.
Sie liebte ihre Segelyacht, eine Oceanis 41. Die Zeit auf dem Boot braucht sie als Ausgleich zu ihrer stressigen Arbeit. Beim Segeln war sie frei. Da fühlte sie die Natur.
Zu Lisa, ihrer 14 jährigen Tochter, hatte sie ein inniges Verhältnis. Der Segeltörn nach Helgoland war schon lange geplant. Auch Lisa liebte das Meer. Sie konnten es beide kaum erwarten. Und am Montag war Feiertag. Keine Schule. Keine Arbeit. Langes Wochenende.
Die Lebensfreude, die Karin ausstrahlte, wirkte ansteckend. Man fühlte sich wohl in ihrer Nähe. Aber nun war sie sauer. Und wenn Karin sauer ist, dann geht man ihr besser aus dem Weg.

„Hör zu Karin, wenn Du fliegst, biete ich Dir zweifachen Ausgleich der Arbeitstage. Ihr verschiebt einfach eure Tour. Dafür macht ihr sie doppelt so lang. Das wird Dir und Deiner Tochter gefallen. Sind nicht bald Schulferien?
Karin kam ins Grübeln. Dieser Vorschlag war in der Tat verlockend. So könnte sie eine ganze Woche mit ihrer Tochter auf dem Boot verbringen.
„Hmm, ich muss sagen, Dein Angebot ist nicht uninteressant. Ich bespreche mich mit meiner Tochter. Danach melde mich wieder bei Dir.“
„Danke Karin. Ich wusste, Du lässt mich nicht im Stich.“
„Langsam, Chef. Noch hab ich nicht zugesagt.“

Ihre Tochter war begeistert:
„Eine ganze Woche auf unserem Boot? Nur wir zwei? Klar Mama, flieg ruhig nach New York. Ich bleib solange bei Oma.“
Das Ticket war schnell auf Karins Namen umgebucht. Diese Airline, die sich seit wenigen Jahren in Hamburg etabliert hatte, bot jeden Donnerstag Direktflüge nach New York an. Sehr passend für sie. So konnte sie sich das lästige Umsteigen in Frankfurt ersparen.

Er träumte:
Röcheln, Schreie…
…Unruhe unter den Passagieren. Ein Ansatz von Panik macht sich breit.
„Mayday, Mayday, Mayday, dies ist ein Notfall. Wir müssen landen. SOFORT“!
Alexander schreckte schweißgebadet hoch. Mit der Hand fuhr er sich durch das klatschnasse, schwarze Haar. Der Blick auf den Wecker: 4 Uhr früh! Es war Donnerstag und nachher musste er nach New York fliegen. Mist. Er war verwirrt. So einen Albtraum wie gerade eben hatte er noch nie gehabt. Das gab ihm zu denken. Gibt es so etwas wie eine Vorahnung?
Das Fliegen war sein Leben. Mit seinen 51 Jahren hatte Alexander Kaufmann schon über 15000 Flugstunden auf dem Buckel. Seit mehr als zehn Jahren war er nun schon Kapitän.
Mit seiner lässigen und freundlichen Art gewann er in kürzester Zeit die Herzen seiner Mitmenschen. Er liebte den Sport und das sah man ihm auch an.
Vor knapp 3 Jahren eröffnete seine Airline eine Station in Hamburg. Für Alexander und seiner Familie ein Glücksfall.
Er hatte sich damals umgehend als Kapitän für eine Stationierung in Hamburg beworben und auch gleich die Zusage bekommen. Hurra! Zurück in die alte Heimat.
Das Schicksal meinte es gut mit ihm und seiner Familie. Dann kam der Schock. Gehirntumor! Es ging ganz schnell. Seine Frau Bianca ist in kürzester Zeit gestorben. Den Verlust konnte er nur schwer verkraften.
Er wird nie Biancas letzte Worte vergessen. Nur noch schwach konnte sie sprechen. Im Zimmer roch es nach Desinfektion. Das Rückenteil des Krankenbettes war angehoben. Er beugte sich ganz nah an ihr Gesicht.
„Alexander, mein wunderbarer Alexander, versprich mir, dass Ihr glücklich werdet. Sebastian und Du.“
Dann starb sie. Leise, ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Das Morphium hatte ihr die Schmerzen genommen.
Für Alexander brach damals eine Welt zusammen. Aber er hatte sich wieder gefangen. Ihr 10 jähriger Sohn Sebastian hatte ihm dabei geholfen. Sebastian wurde zum Mittelpunkt seines Lebens. Alexander hatte ein Versprechen einzulösen.
Wenn er zum Fliegen weg musste, dann war Sebastian gut bei Biancas Eltern aufgehoben. Das Leben ging weiter. Aber es tat weh, Neues zuzulassen.
Schlafen konnte Alexander nach diesem Albtraum nicht mehr. Er hätte sowieso bald aufstehen müssen.
Drei Stunden später traf er seine Crew im Briefing Raum. Sie besprachen ihren Flug nach New York. Seinen Copiloten Jürgen Wüscher kannte er schon lange. Jürgen war knapp zehn Jahre jünger und ein sehr zuverlässiger und erfahrener Copilot. Sie verstanden sich ausgezeichnet. Als Kollegen, als Freunde.
Die Wettervorhersage für New York war gut. Allerdings war über dem Nordatlantik – nicht weit vor der Küste Irlands – ein Gebiet mit heftigen Turbulenzen angekündigt. Da der Gegenwind schwach war, erwarteten sie eine Flugzeit von deutlich unter neun Stunden. Bis auf die Turbulenzen ein ganz normaler Flug… dachten sie!
Alexander kannte auch den Großteil der Flugbegleiter. Ingrid, die Chefstewardess, sprach mit ihm die Besonderheiten der Fluggäste ab.
„Zwei ältere Damen im Rollstuhl. Ein Diabetiker. Er hat seine Medikamente dabei. Ein Sehbehinderter und eine Ärztin in der Business Class. Volles Haus. 460 Gäste.“
„Danke Ingrid. Dann können wir uns ja voller Tatendrang in die Arbeit stürzen.“
Der Abflug war Routine. Bisher verlief der Flug normal und die Boeing 747-400 schnurrte leise vor sich hin. Sie waren inzwischen knappe drei Stunden unterwegs. Die Küste von Irland hatten sie schon längst hinter sich gelassen. Von den angekündigten Turbulenzen war noch nichts zu spüren.
„Oh Mann, bin ich hungrig.“ Jürgen, der Copilot, hatte sich Fisch bestellt und der wurde gerade von Ingrid auf einem Tablett hereingebracht. Das Unheil nahm seinen Lauf.
Jürgen rückte das Tablett mit dem Fisch auf seinem Schoß zurecht. Als er die Abdeckung von der Aluschale abzog, verbreitete sich der Duft des leckeren Essens im Cockpit.
„Das riecht ja richtig gut. Lass es Dir schmecken.“
„Danke. Das werde ich.“ Jürgen begann – viel zu schnell – seinen Fisch zu essen.
„Hmm, das ist wieder mal köstlich. Wir sollten ein Lobesschreiben über unsere Küche an die Firmenleitung schicken.“ Jürgen genoss sichtlich seinen Fisch.
Da passierte es. Es fing ganz harmlos an. Mit einem leichten Hüsteln.
„Oh…hrrm, sorry, hab mich verschluckt.“ Krächzend würgte Jürgen die Worte hervor. Plötzlich ließ er sein Besteck fallen und fasste sich mit beiden Händen an seine Kehle. Er drehte sich mit weit aufgerissenen Augen zu Alexander und zeigte auf seinen Hals. Sprechen konnte er nicht mehr. Tränen schossen in Jürgens Augen. Panik in seinem Gesicht.
„Jürgen, was ist los?“ Alexander war alarmiert.
Nur ein Kopfschütteln kam von Jürgen. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen.
“Ingrid, komm schnell. Jürgen braucht Hilfe.“ Alexander rief die Flugbegleiterin über die Interkom-Anlage ins Cockpit.
Inzwischen war das Tablett mit dem Essen auf den Boden gefallen. Jürgen drückte sich vor Schmerzen fest in seinen Sitz zurück. Er würgte immer schlimmer und bekam kaum noch Luft.
Als Alexander die Cockpittüre von der Mittelkonsole aus entriegelt hatte, stürmte Ingrid herein.
„Hol ihn aus seinem Sitz raus. Dreh ihn auf den Bauch, mit dem Kopf nach unten. Und klopfe kräftig auf seinen Rücken. Schnell!“
Ingrid drückte auf den Schalter für die elektrische Sitzverstellung. Damit bewegte sie Jürgen in seinem Sitz nach hinten und zur Seite. Der Sicherheitsgurt war schnell geöffnet und der Weg aus dem Pilotensitz war frei. Noch konnte Jürgen mithelfen. Aber wie lange noch?
Inzwischen setzten die vorhergesagten Turbulenzen ein. Gerade jetzt! –BING- Alexander schaltete das Anschnallzeichen ein.
Die Turbulenzen machten Ingrids Vorhaben nicht gerade einfacher. Sie legte Jürgen bäuchlings auf den Beobachtersitz. Sein Kopf hing nach unten. Sie klopfte wie eine Irre auf seinen Rücken.
„Mist, es geht nicht. Ich kann ihm nicht helfen.“ Verzweiflung in ihrer Stimme. Mit schreckensgeweiteten Augen schaute sie ratlos auf Alexander.
Der war jetzt völlig auf die Problemsituation eingestellt. Sein Hirn arbeitete methodisch und strukturiert. So, wie man das in der Pilotenausbildung lernt.
Er drehte sich zu den beiden Flugbegleitern, die jetzt in der Tür standen: „Bringt die Ärztin aus der Business Class. Beeilt euch.“
Sofort studierten sie die Passagierliste. Die Ärztin war schnell gefunden.
Währenddessen ahnten Karin noch nichts von dem Drama im Cockpit. Sie hatte ihre Unterlagen für die Konferenz nochmal durchgearbeitet und wollte sich gerade zurücklehnen und entspannen. Na toll, ging es ihr durch den Kopf, Turbulenzen! Gerade jetzt, da ich schlafen will.
Plötzlich stand die Flugbegleiterin vor ihr:
„Frau Dr. Petersen?“
„Ja bitte.“
Leise, die andern Gäste sollten nichts davon mitbekommen, flüsterte die Flugbegleiterin ihr zu:
„Wir brauchen Sie im Cockpit. Kommen Sie bitte schnell mit.“
„Aber das Anschnallzeichen?“
„Kommen Sie einfach. Ich passe auf Sie auf.“
Wenige Augenblicke später erschien Karin im Cockpit. Sie nahm die Situation in Sekundenbruchteilen war. Das Cockpit war erstaunlich klein für ein Flugzeug dieser Größe. Nur ein Pilot im Sitz. Der andere Pilot hatte ernsthafte Probleme. Er röchelte alarmierend. Das hörte sich nicht gut an.
„Petersen mein Name. Was ist los?“
Alexander drehte sich zu ihr um: „Er hat Fisch gegessen und plötzlich einen Würgeanfall bekommen. Ich denke, er hat ne Gräte im Hals stecken, obwohl gar keine Gräten im Essen sein sollten. Helfen Sie ihm bitte.“
So ein Mist, dachte sich Karin. Mit solchen Notfällen hab ich doch schon seit Ewigkeiten nichts mehr zu tun.
„Haben Sie keinen anderen Arzt an Bord?“
„Nein, Sie haben die Ehre.“ Bissig kam Alexanders Antwort.
Karin bat Ingrid, die neben dem röchelnden Piloten kniete, um Hilfe: „Packen Sie mit an, wir legen ihn auf den Boden. Auf den Rücken. Ich will mir seinen Hals anschauen. Und haben Sie einen Erste Hilfe Kasten?“
„Ja, natürlich. Kommt sofort.“
Schnell war Jürgen untersucht.
„Seine Luftröhre ist verstopft und sein Hals ist angeschwollen. Er kriegt so gut wie keine Luft mehr. Er braucht einen Luftröhrenschnitt und muss sofort ins Krankenhaus. Ich kann ihm hier nicht helfen. Er hat vielleicht nur noch Minuten.“
Alexander reagierte auf der Stelle.
„MADAY, MAYDAY, MAYDAY. Wir haben einen medizinischen Notfall. Wir müssen nach Keflavik abdrehen. Sofort.“ Und während Alexander den Funkspruch absetzte, steuerte er auch schon das Flugzeug mit dem Autopiloten nach rechts. Nach Island. Nach Keflavik.
Noch 500 Kilometer. Ne gute halbe Stunde Flugzeit. Eine Ewigkeit, wenn man keine Luft mehr bekommt.
Das Röcheln wurde leiser. Dann war gar nichts mehr von ihm zu hören. Jürgen war bewusstlos. Er lag auf dem Boden zwischen den beiden Beobachtersitzen.
Die Turbulenzen wurden heftiger. Ein Flugzeug macht Lärm in Turbulenzen. Und nun schepperte und rüttelte das Flugzeug. Es ächzte und es polterte. Alexander musste laut sprechen, schon fast schreien, als er sich zu Karin umdrehte:
„Doktor, wir landen erst in einer halben Stunde. Schneller geht es nicht. Sie müssen den Luftröhrenschnitt machen.“
„WAS! JETZT? HIER? Bei den Turbulenzen? Sind Sie irre?“ Ihre Antwort kam genauso laut zurück.
„Dr. Petersen. Welche Wahl haben wir denn?“
„Hören Sie, ich habe zwar den Doktor der Medizin. Aber ich habe nur ein halbes Jahr als Assistenzärztin in der Unfallklinik gearbeitet. Seit dem bin ich in der Forschung.“
„Verdammt noch mal. Dr. Petersen. Legen Sie los. Retten Sie ein Leben.“
„Mister Kapitän, hier gibt es nur den Erste Hilfe Kasten aber keine medizinischen Geräte. Und die würde ich für so einen Eingriff brauch….“
„SCHNEIDEN SIE! JETZT. Sie werden schon was zum Schneiden finden.“ Alexander wurde wütend.
Aber auch Karin war wütend. Auf Alexander. Auf sich selbst. Sie wusste, dass er Recht hatte. Und sie hasste es, in einem Streitgespräch die Unterlegene zu sein. Du arroganter Blödian, ging ihr noch durch den Kopf. Dann konzentrierte sie sich auf Jürgen.
Der Erste Hilfe Kasten war schnell durchsucht. Zum Glück war ein Skalpell darin.
„Können Sie eine Herzdruckmassage machen?“ Die Frage richtete sie an Ingrid.
„Ja, natürlich. Kann ich.“
„Dann mal los. Massieren Sie immer dann, wenn ich nicht gerade an dem Piloten arbeite. Und ich brauche so etwas wie ein dünnes Röhrchen. Schnell. Finden Sie was.“
„Würde es das Röhrchen zum Milchaufschäumen in der Cappuccino-Maschine tun?“ Der Flugbegleiterin, die sich nun wegen der Turbulenzen in der Türe verkeilt hatte, kam die Idee.
„Wenn wir nichts Besseres finden, dann her damit.“
Karin war nun höchst konzentriert. Wie war das noch mit dem Luftröhrenschnitt? Ach ja. Direkt unter dem Kehlkopf ansetzen. Jetzt erinnerte sie sich. Das haben sie als Studenten mal an Leichen geprobt. Schon Ewigkeiten her.
Es war verdammt eng im Cockpit. Nun aber half die Enge. So konnte sie sich gut zwischen den beiden Beobachtersitzen verkeilen. Das war auch nötig bei diesen Turbulenzen.
„Mist. Es wackelt zu sehr. Ich kann so nicht schneiden.”
„Tut mir leid Doktor. Ich kann den Turbulenzen nicht ausweichen.“
Bei den Fluggästen in der Kabine machte sich wegen der Turbulenzen Unruhe breit. Die stark wippenden Flächenspitzen wirkten beängstigend auf einige der Gäste. Kaffeetassen wurden mit Inhalt an die Decke geschleudert, Bücher und Magazine flogen durch die Luft. Für die Crew nichts Beängstigendes. Sie wussten, das Flugzeug steckt so etwas locker weg. Aber einige Passagiere wurden schreckensbleich. Vereinzelt Angstschreie.
Karin schwitzte. Sie wusste, wenn sie jetzt nicht handelt, würde der Copilot sterben.
Eine Operation ohne steriles Umfeld, in einem Flugzeug, in heftigen Turbulenzen, wie kann das nur gut gehen?
Sie atmete tief ein und legte sich flach über Jürgens Oberkörper. Mit der linken Hand hielt sie seinen Kopf am Kinn nach hinten, streckte damit seinen Hals. Mit der anderen Hand setzte sie zum Schneiden an.
Oh nein. Eine heftige Böe schleuderte das Flugzeug nach oben. Dadurch wurde sie nach unten gedrückt. Das scharfe Skalpell drang unkontrolliert in Jürgens Hals. Blut spritzte, besudelte ihr Gesicht, ihre Kleider. Im nächsten Moment wurde sie wie von Geisterhand nach oben gehoben. Das Flugzeug sackte durch.
Zu Ingrid mit lauter und energischer Stimme:
„Pressen Sie mich und den Piloten nach unten. Halten Sie uns auf dem Boden. Keilen Sie uns ein.“
Ihre Gedanken überschlugen sich: Keine Zeit. Keine Zeit. Schnell. Schneiden!
Nochmal. Noch ein Versuch. Es musste klappen. Jetzt. Das Skalpell drang erneut in den Hals. Diesmal an der richtigen Stelle. Ja. Geschafft.
Das Röhrchen wurde an Karin gereicht. Es sah so aus, als ob sie betrunken wäre, so wackelig versuchte sie das Röhrchen in den offenen Hals zu stoßen. Ahhhh, diese verdammten Turbulenzen, dachte Karin noch. Aber nach dem dritten Versuch hatte sie es geschafft. Nun war sichergestellt, dass Jürgen Luft bekam.
Aber sein Puls war kaum noch zu spüren. War er überhaupt noch da?
„Schnell. Herzmassage. Wir wechseln uns ab.“ Karin machte Platz für Ingrid.
…dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Wechsel.
Die Turbulenzen ließen endlich nach. Es wurde wieder ruhiger im Flugzeug.
Nun konnte Alexander auch wieder schneller fliegen. Mach 0.9. Also knappe Schallgeschwindigkeit. Das war die Maximalgeschwindigkeit der Boeing 747-400. Damit konnte er ein paar Minuten herauskitzeln. Noch 15 Minuten bis zur Landung.
Alexander hatte inzwischen alle nötigen Informationen an den Fluglotsen in Island weitergegeben. Das Notarzt-Team würde zur Landung bereitstehen. Alles war vorbereitet für einen schnellen Abtransport in den OP-Saal.
„Wie läuft’s bei euch?“ Alexander drehte sich um und erschrak. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Blut überall. Karin kontrollierte immer wieder den Puls. Blutspritzer in ihren blonden Haaren. Ihr Gesicht war blutverschmiert.
„Na ja. Der Puls ist wieder da. Er lebt… noch.“
Karin schaute zu Alexander und wunderte sich.
„Können Sie denn das Flugzeug alleine landen?“
„Ja, das ist kein Problem. Zudem werde ich den Autopiloten zur Hilfe nehmen. Wir machen eine automatische Landung.“
Alexander trieb das Flugzeug mit Höchstgeschwindigkeit in den Anflug. Die Landung verlief problemlos. Er setzte die Parkbremse und schaltete die Triebwerke aus. Die Treppe war schnell herangefahren. Augenblicke später stürmte ein Notarztteam das Flugzeug.
Jürgen wurde sofort untersucht und nach einigen Minuten Behandlung auf der Liege in den bereitstehenden Krankenwagen gebracht. Es sah grotesk aus mit dem Röhrchen in seinem Hals. Er war nach wie vor bewusstlos. Sein Puls war aber inzwischen stabil. Der behandelnde isländische Arzt gab Entwarnung:
„Keine Sorge. Wir kriegen ihn wieder hin.“
Karin hatte sich entschlossen, bei Jürgen zu bleiben und im Rettungswagen mitzufahren. Sie fühlte sich verantwortlich für ihn.
Alexander fing sie ab, als sie gerade die Treppe runter lief.
„Dr. Petersen.“
Sie drehte sich zu Alexander um. Das Streitgespräch hatte sie noch nicht vergessen.
„Was denn noch?“ Ihre Stimme klang gereizt.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Sie haben meinem Kollegen und Freund das Leben gerettet.“
Sie schaute ihm in die Augen. Dabei nickte sie.
Einen Augenblick später rannte sie den Sanitätern nach, zum Rettungswagen.

Alexander fühlte eine tiefe Dankbarkeit. Er bewunderte ihre Tat. Allerdings legte er keinen Wert darauf, diese Zicke noch einmal zu treffen.
Er hatte noch viel zu tun: Musste sich noch um die Gäste kümmern, dafür sorgen, dass das Cockpit gesäubert wird, ne ganze Menge Schreibkram erledigen…
Die Passagiere würden in etwa drei Stunden weiterfliegen. Mit einer neuen Crew, die gerade aus Hamburg eingeflogen wurde.
Am späten Nachmittag fuhr Alexander ins Krankenhaus. Die Operation ist erfolgreich verlaufen. Jürgen war auch schon aus der Narkose aufgewacht.
Das Krankenzimmer wirkte freundlich und hell. Jürgen hatte einen Schlauch aus dem Mund hängen. Dadurch war gewährleistet, dass er trotz der Schwellung atmen konnte. Sprechen würde er in den nächsten Tagen wohl nicht. Das Cappuccino Röhrchen war entfernt worden. Die Wunden am Hals zugenäht. Am rechten Arm hing ein Infusionsschlauch.

„Hallo Jürgen. Willkommen zurück im Reich der Lebenden.“
Jürgen wirkte noch matt. Aber der Anflug eines Lächelns machte sich auf seinem Gesicht breit.
Die Tür ging auf und Karin betrat das Zimmer. Sie hatte inzwischen geduscht. Das Blut war weggewaschen und sie wirkte entspannt.
„Wie geht es denn unserem Patienten?“
Jürgen nickte grinsend und zeigte den erhobenen Daumen. Er wusste inzwischen, wer ihm das Leben gerettet hatte.
Auf einen Schreibblock kritzelte er ein Wort: DANKE
Nun betrat auch noch der Chefarzt das Zimmer. Er ging zu Karin und schüttelte ihr anerkennend die Hand:
„Dr. Petersen, das haben Sie klasse gemacht. Sie müssen mir mal erzählen, wie Sie in dem wackeligen Flugzeug diesen sauberen Schnitt hingekriegt haben.“
Sie war überrascht.
„Sauberen Schnitt? Ich habe daneben geschnitten. Ihm fast die Halsschlagader verletzt.“
„Ach, kommen Sie. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer es war. Sie sind zu bescheiden. Das haben Sie toll gemacht.“ Dabei klopfte er ihr auf die Schulter.
Nun schaute er noch kurz nach Jürgen.
„Hallo Herr Wüscher. Das nächste Mal sollten Sie ihren Fisch etwas vorsichtiger essen. Das war eine richtig fette Gräte, die es sich da in Ihrer Luftröhre bequem gemacht hat. Sobald die Schwellung zurückgeht, wird der Schlauch aus Ihrem Mund gezogen. In zwei Tagen können Sie nach Hause.“
Mit einem zufriedenen Nicken lief der Chefarzt aus dem Zimmer und schloss die Türe hinter sich.
Stille!
Nur Jürgens röchelnder Atmen durch den Schlauch war zu hören.
Karin fühlte sich unwohl. Alexander auch. Er räusperte sich.
„Dr. Petersen. Es tut mir leid. Ich habe Sie sehr hart und ruppig behandelt.“ Alexander spielte verlegen mit der Pilotenmütze in seinen Händen.
Sie musste schmunzeln.
„Ach, wissen Sie, mich hat einfach nur geärgert, dass Sie Recht hatten. Ich muss Ihnen dafür danken, dass Sie mir den nötigen Tritt in den Hintern gegeben haben.“
Plötzlich veränderte sich die Stimmung. Sie lächelten sich an, sie fingen an zu lachen. Alexander schüttelte dabei seinen Kopf.
Die Anspannung, die zwischen ihnen herrschte, war wie weggeblasen. Erleichterung.
„Ich habe mich getäuscht. Sie sind gar nicht so eine kaltherzige Zicke.“
„Ich habe mich auch getäuscht. Sie sind gar nicht so ein arroganter Typ.“
Alexander ging auf Karin zu und gab ihr die Hand.
„Nennen Sie mich bitte Alexander.“
„Hallo Alexander, ich bin Karin. Nett, Dich kennenzulernen.“
„Du sag mal Karin, darf ich Dich als ein kleines Dankeschön zum Abendessen einladen.“
Karin schaute Alexander für ein paar Sekunden mit regungslosem Gesicht an. Sie ließ ihn leiden und Alexander wirkte leicht nervös. Dann nickte sie mit einem Lächeln. „Aber sehr gerne.“
Eine Stunde später saßen Karin und Alexander in einer kleinen gemütlichen Pizzeria im Hafen von Keflavik. Von einem Fischrestaurant wollten sie im Moment nichts wissen. Sie hatten sich viel zu erzählen.
„…und deine Konferenz?“
„Die Konferenz? Zur Hölle mit der Konferenz. Hier gab es wichtigeres zu tun. Mein Chef unterstützte meine Entscheidung, hier zu bleiben. Ich habe vorhin bereits mit ihm telefoniert.“
Sie verstanden sich blendend. Sie mochten sich.
„Schau mal Alexander, ich hab eine SMS von Deiner Airline bekommen. Sie bedanken sich bei mir. Ich bekomme zwei Freiflüge in der ersten Klasse zu einem Ziel meiner Wahl. Inklusive Fünfsterne Hotel.“ Dabei drehte sie ihr Handy zu Alexander.
„Na, da wirst du doch mit Deiner Tochter einen wunderbaren Urlaub daraus machen.“
„Oh ja. Darauf kannst Du wetten. „Ich hoffe nur, dass die Piloten auf den Flügen keinen Fisch essen. Vielleicht fliegst Du uns ja?“
Die beiden erzählten sich viel: Von ihrem Leben. Von ihren Kindern. Von Ihren Träumen.
Und Alexander erzählte Karin auch von seinem seltsamen Traum, den er an diesem Morgen gehabt hatte. Von der Vorahnung des heutigen Notfalles. Karin nickte dazu nur nachdenklich.
Sie genossen einen Abend voller Harmonie.
Es wurde spät. Das Taxi brachte sie ins gemeinsame Hotel. Sie drückten sich herzlich zum Abschied.
„Schlaf gut Alexander.“
„Gute Nacht Karin.“
Alexander träumte wieder. Diesmal aber war es kein Albtraum. Diesmal war es ein sehr schöner Traum. Er träumte von Karin. Er träumte von einem glücklichen Leben. Mit ihr, mit den Kindern.
Alexander hatte ja noch ein Versprechen einlösen.
Auch diesmal ist er von dem Traum aufgewacht. Der Blick zum Wecker. 4 Uhr früh! So wie letztes Mal.
Er nahm den Hörer ab und rief auf ihrem Zimmer an. Es tat ihm nicht mehr weh, Neues zuzulassen.
Nach dem vierten Klingelton endlich ihre verschlafene, leicht gereizte Stimme.
„Petersen.“
„Guten Morgen Karin, ich bin es, Alexander.“
Eigentlich sollte sie jetzt sauer sein. Aber ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht.
„Alexander! Du Verrückter. Weißt du, wie viel Uhr es ist?
„Ja, ja, ich weiß. Es tut mir auch leid, dass ich Dich jetzt wecke. Aber ich habe eine wichtige Frage.“
„Jetzt? Kann das nicht bis morgen warten? Aber gut. Nun bin ich sowieso wach… und neugierig. Schieß los.“
„Glaubst du an Vorahnung?“
„Ja Alexander. Das tue ich“ flüsterte Karin in den Hörer.