Kapitel 3

Frankfurt, Februar 2014

»Es wird Zeit für meine Rede.«
Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, dann klopfte er mit dem Messer gegen sein halbvolles Weinglas. Das Ansteck-Mikrofon an seinem Revers übertrug das Klingen des Glases bis in die letzte Ecke des Saals.
Bald bin ich ihn los!, dachte sich Hanna mit einem gequälten Gesichtsausdruck. Ihr Unbehagen war ihr anzusehen. Nur ihm viel es nicht auf.
Mit einem Siegeslächeln schaute er sie an, stand auf und stieg lässig die vier Stufen auf die Bühne. Er sah hinreißend aus in seinem schwarzen Maßanzug mit dunkler Fliege über dem weißen Hemd. Passend dazu trug er eine 30000 Euro teure Uhr von Glashütte Orginal an seinem linken Handgelenk.
Es wurde still und 450 Augenpaare richteten sich erwartungsvoll auf ihn. Der Kameramann hatte klare Anweisung, ihn immer im Fokus zu halten. Eine große Leinwand und mehrere kleinere Bildschirme stellten sicher, dass jeder der Anwesenden ihn bewundern konnte. Er hatte nun die volle Aufmerksamkeit, dennoch ließ er die Gäste warten. Es war eine perfekt inszenierte Show und er stand im Mittelpunkt. Er liebte solche Auftritte und die Menge war fasziniert von ihm. Sie kannten ihn gut genug und wussten, dass heute Abend etwas für sie herausspringen würde.
Die wichtigsten Geschäftspartner, alle Angestellten, und die Presse waren anwesend. Das abgelaufene Geschäftsjahr war das Beste in der Firmengeschichte des italienischen Familienunternehmens. Zu dem historischen Gewinn kam noch ein langfristiger Auftrag, der über viele Jahre ähnlich gute Gewinne erwarten ließ. Das Unternehmen FF verkaufte den begehrten Carrara Marmor aus Italien. Vor nunmehr über 40 Jahren hatte sein Vater das Unternehmen gegründet. Damals war es sehr hilfreich gewesen, die Mafia als Geschäftspartner mit dabei zu haben. Damals wurde auch noch geschmuggelt, erpresst, gestohlen und gemordet. Familie Ferrara kam aus Sizilien, was den Kontakt mit der Mafia erleichterte. Doch im Lauf der Jahre wurden die meisten Geschäfte seriös und legal. Federico lernte schon als Jugendlicher die Aufgaben einer Führungskraft. Er lernte an der besten Universität in England und sein Studium der Wirtschaftswissenschaft schloss er mit Glanznote ab. Als er aus England zurückkam und seinem Vater voller Stolz das Diplom zeigte, sagte der nur, dass der Kindergarten jetzt vorbei sei und Federico endlich lernen müsse, zu arbeiten. Federico wurde zur rechten Hand seines Vaters. Durch Intelligenz und geschicktes Verhandeln trug er zu deutlicher Gewinnsteigerung bei. Doch obwohl Federico sich zu einem hervorragenden Geschäftsmann entwickelte, wurde er von seinem Vater tyrannisiert, und wie ein Volltrottel behandelt. Egal, wie gut der Sohn arbeitete, nie konnte er es seinem Vater recht machen.

Vor fünf Jahren starb der herrschsüchtige Vater einen gewaltsamen Tod. Der Mord wurde nie aufgeklärt und die Polizei vermutete die italienische Mafia dahinter. Mit grandios gespielter Bestürzung übernahm der Sohn die Leitung des Unternehmens.
Nun schaute Federico für einige Sekunden in die Menge. Vereinzelt war noch leises Getuschel zu vernehmen. De Firmenchef signalisierte mit seiner erhobenen Hand, dass er absolute Zuhörbereitschaft einforderte. Seine Gestik war perfekt einstudiert. Mit seinem leichten italienischen Akzent und der geschliffenen Rhetorik war es ihm ein Leichtes, die Menschen von sich zu überzeugen. Sie saß direkt neben dem Podium in der ersten Reihe. Unter dem Tisch lag Chiara zu ihren Füßen. Die Rhodesien-Ridgeback-Hündin war Federicos ständige Begleitung. Die Hündin und Hanna verstanden sich ausgezeichnet. Genau genommen war es sogar Chiara, die Hanna und Federico zusammenbrachte.

»Liebe Geschäftsfreunde, liebe Mitarbeiter …«
Sie wusste, dass sie nicht hierher gehörte. Nicht an diesen Ort und schon gar nicht an seine Seite. Seit einem halben Jahr waren sie ein Paar. Am Anfang fand sie ihn wunderbar. Sie hatte sich bezaubern lassen von diesem ‚italienischen Traummann’. Das war auch nicht schwer. Er war stinkreich, sah blendend aus, war hochgebildet und außergewöhnlich charmant. Er sagte ihr, dass er sie liebte. Inzwischen war ihr klar, dass er gar nicht wusste, was Liebe bedeutet. Sie war eine erfolgreiche Journalistin und sehr attraktiv. In ihrer Kindheit hatte sie jahrelang an Wettkämpfen in Leichtathletik teilgenommen und das Resultat war ein schlanker Körper mit einem knackigen Po. Sie hatte ein markantes Gesicht mit vollen Lippen und die Männer drehten sich nach ihr um. Diese Attraktivität forderte allerdings ihren Tribut. Manche Männer sahen sie als Herausforderung und lohnenswerte Beute zum Flachlegen, oder sie wollten sie zur Freundin haben, um mit ihr anzugeben. Hanna sehnte sich so sehr nach wirklicher Liebe, nach Harmonie, Respekt und Rücksichtnahme. Als sie und Federico ein Paar wurden, dachte sie, die große Liebe gefunden zu haben. Doch durch die rosarote Brille konnte sie seinen wahren Charakter anfangs nicht erkennen. Nur die Hülle des Italieners war attraktiv. Alles an ihm war auf Äußerlichkeiten ausgelegt, seine Seele spürte sie aber nicht. Es braucht wohl Zeit für die Liebe, dachte sie. Federicos Kaltherzigkeit und sein ausgeprägter Narzissmus stießen sie inzwischen ab. Er war nur deswegen so nett zu anderen Menschen, weil er sie damit manipulieren konnte. Er tat nichts ohne Eigennutz. Welchen Vorteil er sich wohl von der Beziehung mit ihr versprach? Federico war ein Ausbeuter und es wurde höchste Zeit, dass sie diese Beziehung beendete. Sie wusste, dass er in seiner übertriebenen Selbstverliebtheit ein Nein nur schwer akzeptieren könnte. Hanna wollte ihm nicht wehtun und führte die Trennung ganz langsam herbei … ach Quatsch! Was für ein Blödsinn! In Wirklichkeit war sie einfach zu feige, um ihm die Wahrheit zu sagen. Sie scheute diesen Konflikt, der zwangsläufig folgen musste. Mit seiner geschliffenen Rhetorik würde er sie überrumpeln. Deshalb versuchte sie ihn so zu manipulieren, dass er das Interesse an ihr verlor und von sich aus einen Schlussstrich zog. Sie ging ihm aus dem Weg und war abweisend. Sie nörgelte rum, zeigte sich ständig unzufrieden und achtete nicht mehr auf ihr Äußeres. Sie benahm sich wie eine Schlampe, doch ihm schien es egal zu sein. Sex hatten sie zum Glück ganz selten, und wenn er ausnahmsweise Mal scharf war, dann zog sie sich zurück. »Heute nicht Federico. Ich habe keine Lust auf dich«, war dann ihre Antwort. Er war nicht fordernd, da er selbst eine äußerst schwache Libido hatte. Zudem wusste er, dass sie vor nicht allzu langer Zeit erst ein schreckliches Erlebnis hinter sich gebracht hatte.
In seiner übertriebenen Eitelkeit und Selbstverliebtheit merkte er nicht, dass sie auf Distanz ging. Für Federico war es unvorstellbar, dass eine Frau ihn ablehnte.
An diesem feierlichen Abend wollte sie nicht dabei sein, doch er bestand darauf.
»Hanna!«, sagte er vor ein paar Tagen. »Diese Veranstaltung ist sehr wichtig für mich. Du als meine Partnerin musst einfach dabei sein.«
»Muss ich das?«
»Ja. Deine Kollegen von der Presse sind da, und es wird eine Überraschung geben.“«
»Eine Überraschung? Erzähl mir davon.« Sie wusste, dass es irgendetwas mit dem wichtigen Geschäftsabschluss zu tun haben musste.
»Das kann ich nicht. Sonst wäre es doch keine Überraschung.«
Seufzend gab sie nach. Doch sie nahm sich ernsthaft vor, in den nächsten Tagen bei passender Gelegenheit das Verhältnis endlich zu beenden.

Gedankenversunken saß sie am Tisch neben dem Podium und folgte halbherzig seiner Rede, die sich langsam dem Ende näherte.
Er sprach vom Erfolg, von der exzellenten Unternehmenskultur und lobte herausragende Mitarbeiter.
»Meine geliebten Mitarbeiter, ich wette …,« er machte eine kurze Sprechpause. »Ich wette, dass Ihnen das, was Sie jetzt gleich von mir zu hören bekommen, ausgesprochen gut gefallen wird.«
Die Mitarbeiter hielten in freudiger Erwartung den Atem an. Federico legte eine weitere Pause ein. Er wirkte so, als ob er den Faden verloren hätte, dadurch hatte er ganz besonders die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, auch die von Hanna. Er schaltete sein Mikro am Revers aus, stieg von Podium, ging lächelnd zu ihr und flüsterte in ihr Ohr.
»Sie werden mich lieben und vergöttern, so wie du es tust.«
Dann drehte er sich um, sprang, zwei Stufen auf einmal nehmend, zurück aufs Podest und schaltete sein Mikro wieder ein. Die Stille im Saal war erdrückend.
»Aufgrund der hervorragenden Leistungen aller Beteiligten habe ich mich entschlossen …,« er lächelte sie wieder an. »… habe ich mich entschlossen, jedem Mitarbeiter eine Prämie von eintausend Euro für jedes Jahr Betriebszugehörigkeit zu zahlen.«
Die Mitarbeiter standen auf und tobten vor Freude. Der Beifall wollte nicht mehr enden. Nicht wenige Angestellte waren schon seit über 20 Jahren dabei.
Er wusste seine Mitarbeiter zu manipulieren und er war bereit, dafür viel zu bezahlen.
Federicos Blick zu ihr spiegelte seine Gedanken. Siehst du Baby, sie vergöttern mich.
Er riss die Hände in Siegerposition hoch, die Menschen quittierten es erneut mit einem tosenden Applaus. Er sonnte sich in seiner Popularität. Dann fing er an, die Zuhörer zu beruhigen. Seine erhobenen Hände wippten leicht nach unten. Jeder verstand das Signal. Kratzende Stuhlbeine waren zu hören, die Menschen setzten sich wieder hin. Er hatte die Menge vollständig unter seiner Kontrolle. Es war seine große Stunde.
Jeder wartete auf die Schlussworte, doch was er nun zu sagen hatte, kam völlig unerwartet. Seine Stimme änderte sich, sie wurde weich und leise.
»Meine lieben Mitarbeiter, meine hochverehrten Geschäftsfreunde, meine Freunde von der Presse. Was ich Ihnen jetzt sage, hat nichts mit der Firma zu tun. Es geht um etwas sehr Privates.«
Die Menschen schauten sich an und tuschelten. Was kam den jetzt? Die Journalisten, einige von ihnen arbeiteten für die überregionale Presse, spitzten die Ohren.
Die Kamera zeigte sein Gesicht in Großaufnahme. Hatte er etwa eine Träne im Augenwinkel?
Seine Stimme erhob sich leicht.
»Es geht um etwas, was mir persönlich sehr wichtig ist.«
Das letzte Murmeln verstummte, die Neugier sorgte dafür, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Was kommt nun? Noch mehr gute Neuigkeiten?
Sein Lächeln wurde geheimnisvoll und seine Augen waren plötzlich auf Hanna fixiert.
Mit einer dunklen Ahnung schaute sie alarmiert zu ihm auf.
Oh Gott! Er wird doch nicht … Nervös strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
Er stieg zum zweiten Mal zu ihr hinab, rückte einen Stuhl geräuschvoll zur Seite, nahm ihre Hand und zog sie aufs Podium. Sie hatte keine Kraft, sich zu widersetzen und willenlos ließ sie sich führen. Wie durch einen Nebel hörte sie seine Worte, die er an die Gäste richtete.
»Wie sie ja alle wissen,« sein Ton sanft und weich, »sind Hanna und ich seit einiger Zeit ein Paar.« Federico trat einen Schritt zur Seite, drehte sich zu ihr und hob erneut seine Stimme. Diesmal so laut wie ein Ringsprecher, der einen Boxkampf ankündigt.
»Schaut sie euch an, ist sie nicht wunderschön?«
Stürmischer Beifall. Er präsentierte sie wie eine Trophäe.
»Nun frage ich Sie!« Er übertönte mit seinem Mikrofon die Menge, »was sollte ich mit so einer hübschen und klugen Frau machen?«
»Heiraten!«, brüllte einer der Geschäftspartner in den Raum.
Zustimmendes Gelächter.
Federico nickte entspannt und wohlwollend. Der Sizilianer überließ nichts dem Zufall. Hanna ging davon aus, dass der Zwischenruf vereinbart war.
Der Lärm der Menge flaute ab. Die Menschen spürten, dass es genau darum ging. Hannas Herz fing an, heftig zu schlagen. Winzige Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn.
Das kann doch nicht wahr sein! Bitte, lieber Gott, sag, dass ich gerade einen Albtraum erlebe!
Federico kniet vor ihr nieder, holte aus seiner Jackentasche eine kleine Schachtel heraus und zauberte einen goldenen Ring, besetzt mit Diamanten, hervor.
»Meine geliebte Hanna, willst du meine Frau werden?«
Ihr Hals wurde trocken, sie musste schlucken. Warum war es nur so heiß in dem Saal? Panisch schaute sie sich um. 450 erwartungsvolle Gesichter starrten sie an. Alle warteten auf eine Antwort.
Hanna strich sich wieder nervös ihre Haarsträhne hinters Ohr. Der Kameramann stand seitlich neben ihr. Sie drehte sich über ihre Schulter zurück, sah sich und Federico auf der Leinwand in Großaufnahme. Sie sah, wie er mit seinem zuversichtlichen und siegessicheren Lächeln vor ihr kniete. Sogar die Schweißperlen auf ihrem Gesicht waren zu sehen. Der bescheuerte Kameramann zoomte sie in Großaufnahme auf die Leinwand.
Am liebsten wäre sie in der Erde versunken. Sie wünschte sich an einen fremden Ort, irgendwo hin, nur weit weg von hier. Hanna wusste, wie sie ihn demütigen würde, wenn sie ihm jetzt vor all seinen Geschäftspartnern, Angestellten und der Presse einen Korb geben würde. War sie stark genug, diesem Druck standzuhalten? Sollte sie nachgeben? Warum nicht? Er könnte sich eine Geliebte nehmen und sie in Ruhe lassen. Sie hätte alles, was sie sich wünschen konnte. Ein sorgenfreies Leben, keine finanziellen Nöte, einen charismatischen Ehemann, einen hohen Status … nein! Sie würde nicht alles haben. Sie hätte keine Liebe. Sie hätte nicht das, wonach sie sich am meisten sehnte.
Die Gäste hielten den Atem an. In Federicos Blick machte sich Sorge breit. Zuerst dachte er, sie erlaube sich ein neckisches Spiel mit ihm. Er kannte ihre schelmische Art und wusste, dass sie gerne hänselte. Aber dann spürte er, dass ihr Zögern kein neckisches Spiel war. Was zur Hölle war los mit ihr? Inzwischen wurde es peinlich. Er würde ihr später gehörig die Meinung sagen. So nicht mein Mädchen! Ich bin der Platzhirsch und du wirst mir gefällig sein.
Die Menge spürte, dass etwas Bedrohliches in der Luft lag. Nach wenigen Sekunden, die allen Anwesenden wie eine Ewigkeit vorkamen, erkannte auch Federico, dass es kritisch für ihn werden würde.
»Hanna! Warum brauchst du so lange für ein Ja?« Seine Stimme klang zornig. Etwas Bedrohliches lag in der Luft.