Auszug aus Kapitel 36

München, 06. August 2010

»Ich muss dich sprechen.«
»Nein!«, sagte Alexander bestimmend. »Solltest du versuchen, mir einen neuen Fall einzureden, brauchen wir uns nicht weiter zu unterhalten.«
»Alexander. Lass uns …«
»Ich habe dir ganz klar gesagt, dass meine Entscheidung unumstößlich ist.«
»Stimmt. Aber es gibt da etwas, was du wissen musst.«
»Ich muss nur wissen, dass ich kein Agent mehr bin. Und nun hör auf, mich zu bedrängen. Ich wünsche dir einen schönen Tag.«
»Warte! Es geht darum, dich zu schützen.«
»Mich zu schützen? Das ist nicht nötig.«
»Du weißt nicht, worum es geht.«
»Heiner, ich bin raus aus dem Agentengeschäft. Deswegen gibt es auch keine Bedrohung mehr für mich.«
»Eine Bedrohung kann von völlig unerwarteter Seite kommen.«
»Also gut. Du hast fünf Minuten. Erzähl mir, um was es geht.«
»Ich sage es dir unter vier Augen.«
»Nein. Du sagst es mir jetzt am Telefon oder gar nicht.«
»Es ist streng vertraulich und es wird länger als fünf Minuten dauern.«
»Nein!«
»Valentina würde es nicht gefallen, wenn sie dich für lange Zeit nicht mehr sehen könnte.«
»Was zur Hölle soll das bedeuten?«
»Genau das will ich dir ja erklären.«
Alexander seufzte. »Wie lange würde es dauern?«
»Eine halbe Stunde.«
»Und danach habe ich meine Ruhe vor dir?«
»Wenn du es möchtest.«
»Also gut. Eine halbe Stunde. Wir können uns heute Abend um 19 Uhr in Freising treffen. In dem Restaurant, das wir schon öfters für Besprechungen genutzt hatten.«
Auf der Fahrt zu Valentina überlegte Alexander, wie er sein Treffen mit Heiner vor ihr verheimlichen konnte. Er hasste es, sie anzulügen. Zwanzig Minuten später war er bei ihr. Sie nahmen sie sich in die Arme und küssten sich.
»Komm!« Sie führte ihn an der Hand ins Esszimmer. »Schau, was ich vorbereitet habe. Das richtige Frühstück für einen Frachtpiloten.«
Es duftete nach frischem Brot und Pfefferminztee, nach Obst und Gemüse. Dünne Dampfschwaden zogen aus dem Teekessel.
»Alex«, ganz sanft strich sie dabei mit ihren Fingern über seine Wange. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf unsere gemeinsame Woche freue.«
»Sehr gut kann ich mir das vorstellen. Mir geht es ja genauso.«
Als sie mit dem Frühstück fertig waren, gingen sie ins Wohnzimmer, um ihre Klettertour für den nächsten Tag zu besprechen.
»Du hast ja schon alles vorbereitet.« Alexander sah die Ausrüstung in der Ecke des Wohnzimmers liegen. Helme, Seile, Klettergurte, Karabiner … alles, was man zum Klettern brauchte.
»Weil ich es nicht mehr erwarten kann. Wir müssen die Sachen morgen früh nur noch in den Wagen laden und dann düsen wir los. Komm her, lass uns die Tour auf der Karte anschauen.«
Nachdem die Tour besprochen war, konnte Alexander kaum noch die Augen offen halten. Der Jetlag schlug mit voller Wucht zu. Sein Biorhythmus war noch auf LA eingestellt. Dort war es jetzt drei Uhr früh.
»Liebling, ich muss ein paar Stunden schlafen.«
»Ich weiß. Du bist bestimmt hundemüde.«
»Ach ja, ein alter Freund hat sich bei mir gemeldet. Er möchte mich dringend sehen. Ich treffe ihn heute Abend für eine halbe Stunde in der Stadt. Anschließend komme ich gleich wieder zu dir zurück.«
»Alex, du weißt doch, dass du deine Freunde auch zu mir bringen kannst.«
»Ich weiß.« Er küsste sie auf die Stirn. »Aber ich glaube, Heiner möchte lieber ungestört mir mit sprechen. Sieht so aus, als ob er Beziehungsprobleme hätte.«
Es tat weh, den Menschen, den man am meisten liebte, anzuschwindeln. Aber das war wohl der Preis, den ein ehemaliger Geheimagent zahlen musste. Außerdem lag er mit dem Argument ‚Beziehungsprobleme‘ gar nicht so falsch. Schließlich ging es um so etwas wie eine geschäftliche Beziehung. Alexander würde heute Abend sicherstellen, dass Heiner das Ende dieser Beziehung ein für alle Mal akzeptierte.
Er legte sich in ihr Bett. Wie abgesprochen, weckte Valentina ihn einige Stunden später. Sie kuschelte sich zu ihm und holte ihn mit sanften Küssen aus dem Schlaf. Ihre Finger glitten über seinen Körper. Zärtlich knabberte sie an seinem Ohr.
»Hallo Schatz. Du wolltest jetzt aufwachen.«
Sie liebten sich und alberten im Bett herum. Dann schaute Alexander auf die Uhr. »Mist! Ich muss mich beeilen.«
30 Minuten später erschien Alexander in dem Restaurant, dass Heiner und er als Treffpunkt vereinbart hatten. Heiner saß schon an einem Tisch in der Ecke.
»Hallo Alexander, schön dich wiederzusehen.«
»Das Gleiche kann ich nicht behaupten.«
»Tu mir den Gefallen und höre mir die nächsten Minuten zu, ohne mich zu unterbrechen. Habe ich dein Wort darauf?«
Alexander seufzte. »Ja, ja. Helfen wird es dir aber nichts.«
»Ich weiß. Ich kenne deine Situation und respektiere deine Entscheidung. Trotzdem möchte ich dir einiges erzählen.«
»Bringen wir es hinter uns. Hoffentlich bereue ich nicht, mit dir hier zu sitzen.«
»Es gibt ein ernsthaftes Problem in Nairobi. Ein Terroranschlag gegen eine deutsche Einrichtung wird gerade vorbereitet. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass wahrscheinlich Hunderte von Menschenleben in Gefahr sind.«
Alexander funkelte Heiner an und wollte ihm gerade ins Wort fallen. Heiner hob abwehrend die Hand.
»Stopp! Du hast mir dein Wort gegeben, mich nicht zu unterbrechen.«
Alexander verschränkte seine Arme. »Du vergeudest unsere Zeit.«
Heiner fuhr unbeirrt fort. »Wir haben eine undichte Stelle in der Behörde. Ein Maulwurf in den eigenen Reihen. Zwei Agenten wurden als Resultat dessen letzte Woche in Nairobi ermordet.«
»Das tut mir leid.«
»Wegen des Verräters können wir im Moment keine weiteren Agenten nach Nairobi schicken.«
Alexander lehnte sich zurück. Er ahnte, worauf das Gespräch hinauslief. »Bevor die beiden Agenten umgebracht wurden, konnten sie noch einige interessante Details in Erfahrung bringen. Der Anschlag wird mit einer MILAN-Rakete durchgeführt. Beim Transport der Rakete ist allerdings ein Waffenteil zu Bruch gegangen. Die Terroristen brauchen Ersatz dafür.«
»Du wolltest mir etwas von einer Bedrohung für mich erzählen. Was du mir da gerade sagst, interessiert mich nicht.«
»Alexander, dieser Fall ist von äußerster Wichtigkeit. Du wärst als Frachtpilot bestens geeignet, um den Terroristen das Ersatzteil zu beschaffen. Auf diese Weise könntest du dich in ihr Vertrauen schleichen und Informationen über die Hintermänner erfahren.«
»Und mein eigenes Leben würde wegen des Maulwurfs ebenfalls bald beendet sein.«
»Nein. Eben nicht. Du wirst nicht in den offiziellen Akten geführt. Ich bin der Einzige in der Behörde, der von dir weiß. Für den Maulwurf bist du unsichtbar.«
»Ach, sieh an. So ist das also. Ja, wahrscheinlich würde der Verräter nichts von mir wissen. Wahrscheinlich wäre ich für ihn unsichtbar … Wahrscheinlich! Aber wie du weißt, bin ich aus dem Geschäft raus und somit erübrigt sich jede weitere Diskussion. Zudem hattest du heute Morgen gesagt, dass es um mich geht. Darum, mich zu schützen. Du hast mich reingelegt, um mich zu diesem Gespräch an den Tisch zu bringen.«
»Alexander. Tue mir den Gefallen und nimm diesen Auftrag an. Ich appelliere an deine patriotische Verantwortung. Das bist du mir schuldig.«
Alexander lehnte sich wütend nach vorne.
»Patriotische Verantwortung? Erzähl den Mist unseren korrupten Politikern, die sich doch allesamt im Lobbyismus suhlen. Und schuldig bin ich dir schon gar nichts.«
»Du hast Recht. Das war dumm von mir gesagt. Aber wir brauchen dein Alibi als Frachtpilot, wir brauchen deine Anonymität und wir brauchen deine Fähigkeiten. Alexander! Nur mit dir können wir an die Hintermänner rankommen. Nur mit dir können wir viele Menschenleben retten.«
»Nichts zu machen.«
Alexander stand auf, um zu gehen. »Die Rechnung übernimmst du. Das bist du mir schuldig.«
»Warte. Da gibt es noch etwas, was du wissen musst.«
Mit ernstem Gesicht und fordernder Stimme sprach Heiner weiter.
»Setz dich wieder hin. Bitte. Jetzt erzähle ich dir von der Gefahr, in der du schwebst.«